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Schule: Hausaufgaben – muss das sein oder kann das weg?

Viele Kinder tun sich mit den Hausaufgaben schwer; häufig müssen die Eltern helfen. Bildungsforscher untersuchen, wann es besser wäre, die lästige Pflichtübung ganz abzuschaffen.
Ein Mädchen im Grundschulalter sitzt an einem Tisch und macht Hausaufgaben. Es hält einen Stift in der Hand, stützt den Kopf auf die andere Hand und guckt traurig. Im Hintergrund ist ein Bücherregal mit bunten Büchern zu sehen. Auf dem Tisch liegt ein offenes Federmäppchen.
Für die meisten Kinder ist die Sache wohl klar: Hausaufgaben sind einfach nur lästig. (Symbolbild)

Oft werden sie abgeschrieben, gar nicht gemacht oder von den Eltern erledigt: Hausaufgaben sind unbeliebt – nicht nur bei Schülerinnen und Schülern, sondern auch bei etlichen Müttern und Vätern. Viele Eltern machen mit ihrem Nachwuchs eine Art zweite Schulzeit durch. Sie fragen Vokabeln ab, erklären Rechenwege, korrigieren die Rechtschreibung. Zwei Drittel der Eltern von Grundschulkindern helfen regelmäßig bei den Hausaufgaben, so das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung unter mehr als 1000 repräsentativ ausgewählten Vätern und Müttern in Deutschland. An den weiterführenden Schulen waren es noch ein Viertel. Gut ein Drittel der regelmäßig involvierten Eltern verbrachten damit mehr als drei Stunden pro Woche.

Der Sinn von Hausaufgaben wird immer wieder hinterfragt. Nicht nur von genervten Schülerinnen und Schülern auf dem Pausenhof oder daheim am Esstisch, sondern auch von Lehrkräften. Wie wirkungsvoll sind die Übungen für daheim tatsächlich? Braucht es Hausaufgaben, um den Unterrichtsstoff zu schaffen? Oder bringen sie nicht eher Leid als Lernerfolge?

Im Allgemeinen sollen Hausaufgaben zwei Funktionen erfüllen, eine didaktische und eine erzieherische: Einerseits geben sie Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, regelmäßig zu üben, Wissen zu festigen und zu vertiefen. Andererseits sollen sie Gewissenhaftigkeit, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung fördern.

Doch tun sie das auch? Eine der ersten größeren Studien zur Wirkung von Hausaufgaben stammt aus dem Jahr 1964. Der Pädagoge Bernhard Wittmann befreite zu diesem Zweck Duisburger Schülerinnen und Schüler der 3. bis 7. Klasse vier Monate lang von sämtlichen Deutsch- und Mathehausaufgaben. Danach schrieben sie einen Test, und Wittmann verglich die Ergebnisse mit den Leistungen jener Kinder, die in der Zeit weiterhin Hausaufgaben zu machen hatten. Tatsächlich profitierten nur die 7. Klassen von den Hausaufgaben, und das auch lediglich bei der Rechtschreibung. Im Rechnen zeigten stattdessen die hausaufgabenfreien Klassen im Mittel bessere Leistungen. Wittmann schlussfolgerte: Hausaufgaben bringen im Großen und Ganzen keinen extra Wissenszuwachs.

Eine richtungsweisende Untersuchung kam zu einem ähnlichen Schluss: die Studie »Visible Learning« des US-Bildungswissenschaftlers John Hattie. Gemeinsam mit seinem Team hatte er bereits im Jahr 2008 Forschung zu mehr als 100 Faktoren gesichtet, die das schulische Lernen beeinflussen können. Im Jahr 2023 wiederholte er die Analyse mit 200 Faktoren. Gemittelt über 277 Studien zur Wirkung von Hausaufgaben stellten die Forschenden lediglich eine Effektstärke von 0,29 fest – niedriger als bei den meisten anderen Lehrmethoden wie zum Beispiel lautem Denken. Die Effektstärke beziffert hier den statistischen Effekt, den eine Maßnahme oder ein Faktor wie das Elternhaus auf den Lernerfolg hat, in der Regel gemessen an Testergebnissen. Im Durchschnitt brächten Hausaufgaben einen kleinen Lernfortschritt, der aber kaum über den normalen Unterricht hinausgehe. »Wenig lernwirksam«, so lautete das Urteil.

Doch Bildungsforscher warnen davor, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Der Schulpädagoge Klaus Zierer von der Universität Augsburg hat die Neuauflage von Hatties »Visible Learning 2.0« mit ins Deutsche übersetzt und sagt: »Die Effektstärken dürfen nicht isoliert betrachtet werden.« Hattie selbst betone in der Untersuchung, dass der Kontext immer miteinbezogen werden müsse. Die Wirksamkeit könne beispielsweise vom Fach oder vom Alter des Kindes abhängen.

Ulrich Trautwein vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen, der seit Jahren zu Hausaufgaben forscht, teilt Hatties Urteil über Hausaufgaben ebenfalls nur bedingt. »Seine Untersuchung fasst die gesamte Forschung zum Thema systematisch zusammen und ist damit sehr verdienstvoll«, sagt er. Die Metaanalyse beinhalte allerdings auch Studien mit Mängeln; das schränke die Aussagekraft ein. Zudem seien unterschiedliche Aspekte von Hausaufgaben teilweise vermischt. »Bei manchen Studien ist letztlich nicht klar, ob Effekte der Hausaufgabenvergabe oder der Hausaufgabenerledigung untersucht wurden«, erklärt der Psychologe. Andere schauten hingegen genauer hin und analysierten, wie schnell oder wie gründlich die Kinder ihre Hausaufgaben erledigten. Genaue Handlungsempfehlungen ließen sich aus der Metaanalyse von Hattie deshalb nicht ableiten.

Im Gegenteil: »Wir wissen mittlerweile, dass Hausaufgaben hilfreich sein können«, sagt Trautwein. Er schließt das unter anderem aus einer eigenen Untersuchung von 2007: Gemeinsam mit seinem Team wertete er Daten der PISA-Studie 2000 und der Dritten Internationalen Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS) aus. Zudem führten die Forschenden eine Befragung durch, bei der knapp 500 Achtklässlerinnen und -klässler verschiedener Gymnasien angaben, wie viel Zeit sie mit Hausaufgaben verbringen und wie engagiert sie dabei sind. Das Ergebnis: Kinder, die regelmäßig Hausaufgaben aufbekamen, diese gewissenhaft erledigten und nicht zu viel Zeit investieren mussten, hatten den größten Lernerfolg. Ein Ergebnis, das Studien aus anderen Ländern bestätigen.

Trautwein und sein Team haben darüber hinaus analysiert, was mit hoher Anstrengungsbereitschaft bei den Hausaufgaben assoziiert ist. Das Ergebnis: Schülerinnen und Schüler, die daran glauben, dass sie die Hausaufgaben aus eigener Kraft bewältigen können und die einen Sinn in der Hausaufgabenerledigung erkennen, arbeiten im Mittel zügig und besonders gründlich. Allerdings gibt es immer auch Ausnahmen. »Um gute Förderstrategien zu ermitteln, sollten wir uns nicht auf Durchschnittswerte verlassen, sondern müssen auch individuell schauen, was einzelne Schülerinnen und Schüler mitbringen und in welcher Lernumgebung sie sich befinden«, mahnt Trautwein.

Deswegen erstellen Forschende immer umfassendere und detailliertere Lernprofile. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2025 schaute der Bildungswissenschaftler Süleyman Avcı von der Eskişehir-Osmangazi-Universität in der Türkei mit seinen Kollegen nicht nur Persönlichkeitsmerkmale wie Pflichtbewusstsein an, sondern auch Gefühle wie Lust und Angst sowie Einstellungen zum Lernen daheim. Äußere Faktoren wie das Engagement der Eltern und das Feedback der Lehrkräfte wurden ebenfalls einbezogen. Demnach hatten individuelle Merkmale wie Werte, Erwartungen und Gewissenhaftigkeit der Schülerinnen und Schüler den größten Einfluss darauf, wie sie ihre Hausaufgaben erledigten. Das Engagement von Eltern und Lehrkräften hatte zwar ebenfalls einen positiven, jedoch schwächeren Effekt.

»Was wir brauchen, sind motivierte Schülerinnen und Schüler, die verstehen, warum Hausaufgaben für sie wichtig sind, sowie Lehrkräfte, die regelmäßig Übungen aufgeben und darauf achten, dass sie nicht zu schwer sind«, fasst Trautwein die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Unter diesen Bedingungen seien Hausaufgaben auch sinnvoll. Lehrkräfte sollten sich außerdem die Zeit nehmen, die Hausaufgaben zeitnah zu besprechen. »Dadurch erkennen sie nicht nur, mit welchen Übungen es Probleme gibt«, sagt der Forscher: »Sie würdigen damit auch die Mühe, die sich die Kinder gegeben haben, und zeigen ihnen, dass sie die Hausaufgaben ernst nehmen.«

Die Realität sieht allerdings oft anders aus: Schülerinnen und Schüler haben häufig keine Lust auf Hausaufgaben und machen sie auf den letzten Drücker, schreiben sie einfach ab oder lassen sie von einer künstlichen Intelligenz wie ChatGPT erledigen. Vielen Lehrkräften fehlt zudem die Zeit, interessante Übungen zu entwickeln. Sätze wie »Gute Nachricht: Heute gibt’s keine Hausaufgaben!« signalisieren zudem, dass die Übungen anstrengend sind, und tragen wenig zur Motivation bei, gibt Trautwein zu bedenken.

Warum so viele Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen, lässt sich nicht genau sagen. Der im Jahr 2020 verstorbene Schweizer Entwicklungspsychologe Remo Largo deutete das Engagement vieler Mütter und Väter als Ausdruck »existenzieller Verunsicherung«. Seiner Ansicht nach befürchteten diese Eltern, dass der Wohlstand ihrer Familie in Zukunft nicht mehr gewährleistet sei, wie Remo in einem Interview mit der Robert Bosch Stiftung erklärte.

Der Augsburger Schulpädagoge Klaus Zierer hält sich mit Erklärungen zurück. »Auch hier kommt es auf den Einzelfall an«, meint er. Sicher nehme eine große Zahl an Eltern ihre Kinder heute mehr in den Blick. Andere hingegen kümmerten sich zu wenig um ihren Nachwuchs, sei es aus Desinteresse, aus Zeitmangel oder weil ihnen die nötigen Kompetenzen fehlen. Auch das sei ein Problem: Eltern können zu viel, aber auch zu wenig Hilfe anbieten.

»Um lesen und schreiben zu lernen, müssen Kinder in der Grundschule regelmäßig üben«, sagt Bildungsforscher Trautwein. Für Erst- und Zweitklässler wäre es beispielsweise hilfreich, wenn sie jeden Tag eine Viertelstunde vorlesen würden, dem kleinen Bruder, den Eltern oder Großeltern. In höheren Klassen sollten sich die Eltern jedoch zurücknehmen. In der 8. Klasse könnten Eltern zwar noch bei den Matheaufgaben unterstützen, doch spätestens in der Oberstufe nicht mehr. Und langfristig sei das ohnehin keine Lösung. »Permanentes Helfen macht Kinder abhängig, ihr Selbstvertrauen leidet und es verhindert, dass sie ihre eigenen Problemlösestrategien entwickeln«, so Trautwein.

Viele Schulen haben daher auf Ganztagsbetrieb umgestellt oder sogenannte »verpflichtende Lernzeiten« eingeführt, in denen Lehrkräfte die Hausaufgaben betreuen und so die Eltern entlasten. »Das kann eine Lösung sein«, sagt Pädagoge Zierer. Doch auch hier käme es auf die Umsetzung an: Passen die Aufgaben zum Leistungsniveau? Sind die Aufgaben so klar, dass die Kinder sie ohne den Fachlehrer bearbeiten können? Und werden sie im Unterricht nachbesprochen? »Wenn das alles zutrifft, kann die Lernzeit positiv wirken«, so Zierer.

Eine weitere Voraussetzung: Lehrerinnen und Lehrer müssen erklären, wozu eine Hausaufgabe gut ist, wie man sie gewissenhaft erledigt und dass sie ein bestimmtes Zeitpensum nicht überschreiten sollte. »Braucht ein Kind für eine 5-Minuten-Übung etwa 20 Minuten, sollten Lehrkräfte nachfragen«, so Trautwein. Möglicherweise hat das Kind die Aufgabe nicht verstanden, ist überfordert oder von anderen Dingen abgelenkt. Wurde der Stoff nicht verstanden, muss er im Unterricht noch mal erklärt werden. Bei Konzentrationsproblemen können die Lehrkraft und das betroffene Kind gemeinsam nach Gründen suchen: Werden die Hausaufgaben beispielsweise erst abends erledigt, wenn der Schüler schon müde ist, braucht es eine bessere Zeitplanung. Sind die Übungen zu schwer oder zu langweilig, kann die Lehrkraft eine Alternative entwickeln. Lenkt das Smartphone ab, sollte es während der Hausaufgaben ausgeschaltet sein oder in einem anderen Raum liegen.

»Durch die gemeinsame Suche nach Lösungen merken die Schülerinnen und Schüler, dass die Lehrkraft auf ihrer Seite steht und sie ernst nimmt«, sagt der Psychologe. Dann fühlen sich Hausaufgaben nicht an wie eine lästige Pflicht – und können tatsächlich sinnvoll sein.

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  • Quellen

Avcı, S. et al., Psychology in the Schools 10.1002/pits.23567, 2025

Hattie, J.: Visible Learning: The Sequel. Routledge, London 2023

Trautwein, U., Learning and Instruction 10.1016/j.learninstruc.2007.02.009., 2007

Wittmann, B.: Vom Sinn und Unsinn der Hausaufgaben. Luchterhand, Berlin 1964

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