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News: Heilende Stammzellen im Rückenmark

Sie gelten als die neue Wunderwaffe der Medizin: Stammzellen. Ihr Potenzial, sich zu unterschiedlichen Gewebe auszudifferenzieren, eröffnet ungeahnte Therapiemöglichkeiten. Jetzt brachten Wissenschaftler gelähmte Mäuse mit Stammzellen wieder auf die Beine.
Stephen Hawkings ist das prominenteste Opfer der Amyotrophischen Lateralsklerose (ALS). Die Ursachen für die schleichende Lähmung, die den begnadeten Physiker an den Rollstuhl fesselt, sind immer noch weitgehend unbekannt. Die Krankheit zerstört sowohl Nervenzellen, die vom Gehirn zum Rückenmark verlaufen, als auch die Verbindungen des Rückenmarks zu den Muskeln. Im Endstadium sind ALS-Patienten häufig völlig gelähmt, können weder sprechen noch schlucken und sterben oft einen qualvollen Erstickungstod.

Nicht minder grausam verläuft eine weitere Lähmungserkrankung, die Spinale Motoratrophie (SMA). Auch hier werden die Nervenzellen des Rückenmarks, welche die Muskulatur steuern, geschädigt. Mehr als ein Kind von 20 000 leiden an der Erbkrankheit. Die betroffenen Babys können nur schwer atmen und essen. Sie sterben oft noch in der Wiege.

Beide Krankheiten gelten bisher als unheilbar. Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt auf der Jahrestagung der Society for Neuroscience in New Orleans einen kleinen Hoffnungsschimmer aufgezeigt. Wie Douglas Kerr vom Johns Hopkins Hospital in Baltimore am 6. November 2000 berichtete, können Stammzellen im Rückenmark die Lähmungen zumindest teilweise wieder aufheben (Abstract).

Die Neurobiologen infizierten 18 Ratten und Mäuse mit dem Sindbis-Virus, das die Nervenzellen des Rückenmarks angreift. Die Tiere konnten daraufhin ihre Gliedmaßen nicht mehr richtig kontrollieren und zogen Beine und Pfoten nach. Dann injizierten die Wissenschaftler in die Cerebrospinalflüssigkeit des Rückenmarks neuronale Stammzellen. Innerhalb weniger Wochen wanderten die Zellen in das Vorderhorn, der Schaltzentrale des Rückenmarks. "Nach acht Wochen sahen wir eine definitive funktionelle Verbesserung bei der Hälfte der Ratten und Mäuse," berichtet Kerr. "Fünf bis sieben Prozent der Stammzellen schienen sich zu Nervenzellen differenziert zu haben." Die Lähmungen der Versuchstiere gingen teilweise – wenn auch nicht ganz – zurück.

Die Wissenschaftler waren überrascht, wie zielsicher die Stammzellen ihr Einsatzgebiet fanden. "Sie gingen vorwiegend zur richtigen Stelle, so als ob der Tod der Motoneuronen sie anzog", erzählt Kerr. "Spritzen Sie diese Zellen einer gesunden Ratte oder Maus, wandert nichts zum Rückenmark." Da die Cerebrospinalflüssigkeit die Hohlräume von Rückenmark wie auch vom Gehirn ausfüllt, könnte eine einzige Injektion für das gesamte Nervensystem ausreichen.

Noch geben sich die Wissenschaftler vorsichtig. Ihre Versuchstiere wurden nicht völlig gesund. Eventuell könnten reifere Stammzellen erfolgreicher sein. Doch hier drohen neue Gefahren: Sind die Zellen zu weit differenziert, verlieren sie ihre Fähigkeit zu wandern. Undifferenzierte Zellen können sich dagegen zu völlig anderen Gewebetypen oder sogar zu Krebs entwickeln.

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