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Naturschutz: Heimat am Ende des Tunnels

Zerstückelt, zerteilt, zerrissen: So geht es Natur, wenn sie unter Menschen fällt. Zurück bleiben meist kleine, isolierte Reste, deren Arteninventar schnell lückenhaft wird. Verbindungs-"Straßen" können diesen Schwund aufhalten - sofern überhaupt geeignete Gebiete erhalten sind.
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Anfang der 1980er Jahre begann in Brasilien ein wegweisendes Langzeitprojekt: Thomas Lovejoy und seine Kollegen überzeugten einen Großgrundbesitzer während seiner Rodungen im Amazonas-Regenwald, elf Waldinseln verschiedener Größe zu verschonen. In den folgenden Jahrzehnten beobachteten die Forscher, wie sich die Arten- und Individuenzahlen von Vögeln, Amphibien oder Säugetieren veränderten – mit erschreckendem, aber irgendwie vorhersehbarem Ergebnis. Selbst aus den größten Parzellen verschwanden noch viele Arten, weil ihre Restheimat zum Überleben zu klein war – von der totalen Verarmung in den kleinsten Arealen nicht zu reden.

Für weniger mobile Spezies wie Frösche oder kleine Säugetiere, aber auch für Vögel, die sich nur im Halbdunkel des Unterholzes wohl fühlen, erwies sich gerade der Mangel an geeigneten Partnern in den Waldfragmenten als problematisch. Fanden sie keinen, so lebte der nächstmögliche wahrscheinlich in einem unerreichbar fernen Gebiet. Dazwischen: unüberwindliche Viehweiden oder Sojaäcker. Nur Vernetzung dieser Reste durch naturnahe Verbindungsstraßen könnte womöglich dem Aussterben Einhalt gebieten.

Doch bewirken sie dies auch tatsächlich? Obwohl die grünen Korridore vielfach propagiert und errichtet werden, gibt es kaum Untersuchungen, ob sie auch für ganze Lebensgemeinschaften wirklich halten, was sie versprechen. Ellen Damschen von der North Carolina State University in Raleigh und ihre Kollegen machten begutachteten daher die Pflanzenvielfalt von sechs je 500 Quadratmeter großen Flurstücken in einem Sumpfkiefernwald South Carolinas [1]. Ein Teil der baumfreien Inseln inmitten des Kiefernmeeres war untereinander durch gleichfalls baumlose Streifen verbunden, andere blieben dagegen völlig isoliert.

Nachdem beide Refugientypen innerhalb der Kiefernholzplantagen geschaffen waren, starteten sie mit einem vergleichbaren Arteninventar und vor allem einer annähernd gleichen Artenzahl, die im Folgejahr generell deutlich anstieg: Licht liebende Spezies nutzten ihre Chance und besiedelten die neuen Freiflächen. Aber der Zuwachs fiel jeweils unterschiedlich stark aus, denn die verknüpften Areale erfreuten sich bald einer deutlichen höheren Diversität. Diese Differenz verschärfte sich später zunehmend, weil nicht nur mehr Pflanzen aus den einsamen als aus den verbundenen Waldwiesen wieder verschwanden, sondern dort auch gleichzeitig überproportional viele neue Gewächse aufkamen – letztendlich unterschieden sie sich um zwanzig Prozent.

Abweichende Flächenformen, Boden- oder Feuchteverhältnisse konnten die Forscher schnell als Ursache ausschließen, sodass alles auf den Verbindungskorridor hinauslief. Er erhöhte beispielsweise die Bestäubungsrate der Gewächse, da die verantwortlichen Insekten barrierefrei ihrer Arbeit nachgehen konnten und durch den Wind verfrachtete Pollen eher ihren Bestimmungsort erreichten, statt sich gehäuft im Wald zu verfangen. Die verbesserte Befruchtung ließ wiederum mehr Samen reifen, was die Chancen auf ein artspezifisches Fortbestehen verbesserte. Zudem profitierte die Kleintierwelt, die über ihre vielfältigen Räuber-Beute-Beziehungen positiv die Vegetation beeinflusste.

Biodiversitätstrassen zwischen bedrohten Refugien, in denen noch stärker bedrohte Tierarten hausen, wären wohl bereits das höchste der Gefühle für Larry Gorenflo und Katrina Brandon vom Center for Applied Biodiversity Science [2]. Sie sorgen sich um 1400 Gebiete, die noch unter keinerlei Protektion stehen, aber eine Vielzahl nur dort vorkommende Amphibien, Vögel, Säugetiere oder Schildkröten beherbergen – viele davon in den Tropen, auf Inseln oder im Hochgebirge.

Diese Zahl hört sich stark nach Sisyphosarbeit, enormem Geldaufwand und vielfachem Konfliktpotenzial für Naturschützer und Umweltpolitiker an, wollen sie diese Regionen effektiv schützen. Denn schließlich stehen ihnen eventuell soziale oder wirtschaftliche Interessen entgegen. Gorenflo und Brandon haben deshalb alle diese Lücken im Schutzgebietssystem hinsichtlich Einwohnerzahl und landwirtschaftlicher Eignung begutachtet, damit zumindest die unstrittigsten Habitate schnell ausfindig gemacht werden können. Immerhin 83 Prozent der fraglichen Vielfalts-Hotspots verfügen noch über ausreichend große und zusammenhängende Wildnis, in deren Umfeld nur wenige Menschen leben und wirtschaften – etwa im Himalaja, auf Papua-Neuguinea oder im indochinesischen Annamiten-Gebirge. Sie ließen sich folglich relativ unproblematisch und widerstandsfrei erhalten.

Kritisch ist auf der anderen Seite die Situation in den artenreichen Inselnationen der Karibik, auf den Philippinen, in Indonesien oder Sri Lanka, wo Natur und Mensch in den ohnehin dicht besiedelten Küstenräumen miteinander konkurrieren. Weniger die Anzahl der Bewohner als vielmehr geeignete Böden für Feldfrüchte oder zur Viehhaltung schränken die Schutzmöglichkeiten in Teilen der Anden, im zentralen Hochland Mexikos, in West- und Ostafrika sowie im südlichen und zentralen Brasilien ein. Hier helfen nur hohe Investitionen und intensive Überzeugungsarbeit weiter.

Dass Farmer und Naturschützer tatsächlich zusammenarbeiten können, zeigt ein Beispiel aus Brasilien. Im dortigen Atlantikregenwald leben rund tausend ausgewilderte Goldgelbe Löwenäffchen (Leontopithecus rosalia) in kleinen Reservaten, in denen sie sich ohne genetischen Austausch nicht dauerhaft etablieren würden. Ihre Lebensräume werden durch großflächige Zuckerrohrflächen separiert, die jedoch viel Wasser brauchen – Wasser, das in den Wäldern gespeichert wird und mangelt, wenn sie fehlen. Auf Anregung der Ökologen forsten die Besitzer der Latifundien deshalb Höhenrücken zwischen den Dschungelflecken mit einheimischen Bäumen wieder auf und sichern damit nicht nur ihre Ernten, sondern auch die Affen. Ein Gewinn für alle Seiten.

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