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Heißgetränk: Kann grüner Tee heilen?

Wer viel grünen Tee trinkt, lebt gesünder, heißt es. Er sei gut für Herz, Gehirn oder Knochen. Doch die Lehren aus jahrtausendelanger Teetradition zu bestätigen, ist schwierig.
Dass grüner Tee so einen guten Ruf hat, liegt vor allem an einem bestimmten Inhaltsstoff: Epigallocatechingallat.Laden...

Grüner Tee scheint ein echtes Wundermittel zu sein. Er soll vor Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, die Haut jung halten, zu einem gesunden Gewicht verhelfen, chronischen Erkrankungen wie Typ-II-Diabetes, Parkinson oder Alzheimer vorbeugen.

Nicht nur das: Das Getränk unterstützt das Immunsystem angeblich dabei, Krankheitserreger zu bekämpfen – von Grippe-, Herpes- und sogar HI-Viren ist die Rede. Zudem soll es Knochen und Gelenken zuträglich sein, Stress abbauen und die Zahngesundheit fördern.

Das klingt eindeutig zu gut, um wahr zu sein. Allerdings stecken in grünem Tee tatsächlich zahlreiche Inhaltsstoffe, die für Wohltaten bekannt sind. Die entscheidende Frage: Vermögen diese Stoffe bloß Zellkulturen zu schützen, oder profitiert auch der menschliche Körper von ihren Kräften?

Die Heilpflanze steckt voller spannender Substanzen

Schon seit tausenden Jahren sagen Gelehrte dem grünen Tee eine heilende Wirkung nach. Er mag mal gestampft, mal geschlagen, mal gepresst und schließlich aufgebrüht worden sein – doch stets soll er körperliche und seelische Leiden gelindert haben. Erst in China, dann in Japan wurde der Kräuteraufguss Teil der Kultur. Mittlerweile findet er sich auf der ganzen Welt, ohne viel von seinem Ansehen eingebüßt zu haben. Das hat selbst westliche Mediziner neugierig gemacht.

Allerweltsgetränk mit Tradition

5,8 Millionen Tonnen Tee haben Hersteller im Jahr 2018 weltweit produziert – zwei Millionen Tonnen davon waren grüner Tee. Die Blätter stammen bevorzugt von der Teepflanze Camellia. In einigen Teilen der Welt wird das Gewächs bereits seit Jahrtausenden angebaut. Heute zählen China, Vietnam und Japan zu den größten Lieferanten.

Die einzelnen Grünteevarianten unterscheiden sich vor allem in ihrer Herkunft, dem Zeitpunkt der Ernte und abweichenden Vorgehensweisen in der Verarbeitung. Häufig sind sie nach den Gebieten benannt, in denen sie angebaut werden. Um Grüntee herzustellen, ist es wichtig, die Blätter sofort nach der Ernte zu erhitzen – sie werden gedämpft oder geröstet. Anschließend gilt es, die Blätter zu rollen, zu trocknen und nach Blattgrößen zu sortieren.

Bei Schwarz- oder Oolong-Tee dagegen fällt dieser Erhitzungsprozess weg. Dafür sind die Blätter nach dem Pflücken lediglich zu trocknen und nach dem Rollen zu fermentieren – Oolong-Tee etwas weniger als Schwarztee. So entstehen die unterschiedlichen Aromen der Teesorten, weshalb diese auch unterschiedliche Wirkstoffe enthalten. Die Catechine, für die grüner Tee bekannt ist, gehen bei der Fermentation zu großen Teilen verloren.

Für weißen Tee trocknen Teebauern die gepflückten Pflanzenteile, bearbeiten ihn aber sonst kaum. Matcha wiederum besteht aus gemahlenen Teilen von Grünteesorten, die traditionell in Japan angebaut werden. Alle genannten Teesorten enthalten Koffein.

Grüner Tee besteht ausschließlich aus den jungen Blättern und Blattknospen von Camellia sinensis. Dennoch enthält er einige hundert verschiedene Inhaltsstoffe, darunter viele Catechine. Die Bitterstoffe machen 30 bis 40 Prozent der getrockneten Blätter aus und sind für Forscher von besonderem Interesse.

Catechine sind dafür bekannt, wohltuende Prozesse auszulösen. Sie können etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen, wie diverse Labor- und Tierversuche vermuten lassen. In anderen Studien wehrten Catechine Viren ab und zeigten, dass sie die Haut möglicherweise vor dem Effekt von UV-Strahlung schützen können. Ein Stoff der Gruppe – Epigallocatechingallat, kurz EGCG – hielt in Laborstudien Plaques auf, die mitverantwortlich für Alzheimer und Parkinson sind. Und in konzentrierter Form haben Catechine sogar Krebstumoren beim Wachsen gehemmt.

Grüntee hat im Vergleich zu anderen Lebensmitteln einen hohen Catechin-Gehalt. Solche Stoffe sollen helfen, Krebs vorzubeugen.Laden...
Wirkstoffbombe | Grüntee hat im Vergleich zu anderen Lebensmitteln einen hohen Catechin-Gehalt. Solche Pflanzenstoffe konnten in Tierstudien Krebs vorbeugen.

Wissenschaftler vermuten, dass zwei Mechanismen dahinterstecken: Zum einen wirken Catechine offenbar wie Antioxidanzien – sie binden also besonders reaktionsfreudige chemische Verbindungen (auch freie Radikale genannt), die im Körper sonst eine chemische Kettenreaktion auslösen könnten, über die schließlich Krebs entsteht. Zum anderen begünstigen die Catechine Prozesse, in denen bereits entstandene Tumorzellen abgetötet werden.

Grüner Tee ist gut untersucht – aber nicht gut genug

Das Potenzial, belebend für Körper und Geist zu sein, haben die Wirkstoffe des grünen Tees also durchaus. Doch ob die Stoffe im Menschen wirken wie in Zellen und Tieren, lässt sich auf Basis der oben genannten Daten nicht sagen. Dafür unterscheiden sich die Geschehnisse im Menschen zu sehr von dem, was im Organismus von Mäusen oder Ratten passiert. Und zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wirkung der reaktionsfreudigen Catechine von anderen, bisher unbekannten Faktoren beeinflusst wird.

Letztlich können nur Studien an Menschen klären, welche Wirkung grüner Tee hat. Erfreulich ist, dass es einige Untersuchungen gibt. Problematisch, dass die meisten Ergebnisse bloß weitere Fragen aufwerfen.

»Aufgebrühter grüner Tee hatte eine messbare Wirkung auf die Gefäße«
(Mario Lorenz, Mediziner an der Charité Berlin)

Was die bisherigen Versuche mit Teetrinkern verraten:

  • Grüner Tee enthält Koffein, das in hohen Dosen zu Schlafstörungen, Nervosität oder gar Wahrnehmungsstörungen führen kann. Kinder sollten ihn deshalb nicht regelmäßig trinken.
  • Bedenklich sind zudem Pyrrolizidinalkaloide, kurz PAs, die in zu hoher Dosis die Leber schädigen. Sie können in den Tee gelangen, wenn Pflücker versehentlich PA-haltige Pflanzen miternten. Allerdings fanden sich in den vergangenen Jahren immer weniger davon in Tees.
  • Es gibt zwar Berichte von Erkrankten, die sich gesund getrunken haben wollen. Doch keine einzige wissenschaftliche Studie konnte solch eine Heilung bisher bestätigen. Nicht einmal, dass sich die Gesundheit eines Patienten allein wegen grünen Tees verbessert hat.
  • Mit grünem Tee abnehmen zu wollen, ist ebenfalls keine empfehlenswerte Strategie. Eine ausführliche Cochrane-Analyse, deren Autoren existierende Studien gründlich analysiert haben, lieferte 2012 zumindest keine Belege für eine entsprechende Wirkung.
  • Teetrinker scheinen allerdings ein etwas geringeres Risiko für bestimmte Krebsarten zu haben. Darauf gibt es vereinzelt Hinweise.
  • Und wer regelmäßig grünen und schwarzen Tee trinkt, tut Herz und Kreislauf wahrscheinlich etwas Gutes, wie aus einer Cochrane-Analyse von 2013 hervorgeht. Demnach zeichnet sich ab, dass der Tee die LDL-Cholesterol- und die Blutdruckwerte positiv beeinflusst – zwei der größten Risikofaktoren.

Die Suche nach den verantwortlichen Wirkstoffen gestaltet sich jedoch schwierig.

In einigen Teilen der Welt wird Gewächs bereits seit Jahrtausenden angebaut. Japan gehört dazu. Das Land ist mittlerweile einer der weltweit größten Lieferanten.Laden...
Traditionelle Teetrinker | In einigen Teilen der Welt wird Grüntee bereits seit Jahrtausenden angebaut. Japan gehört dazu. Das Land ist mittlerweile einer der weltweit größten Lieferanten.

Mario Lorenz von der Klinik für Kardiologie und Angiologie an der Charité Berlin hat sich dem Grüntee bereits in einigen Forschungsvorhaben gewidmet. Im Jahr 2017 kam er mit Kollegen zu dem Schluss: Es liegt eher nicht an EGCG und anderen gelobten Catechinen, dass grüner Tee die Blutgefäße elastisch hält und damit gut für Herz und Kreislauf ist. »In einem Vergleich schnitt der grüne Tee als Heißgetränk deutlich besser ab als isoliertes EGCG oder catechinhaltiger Grünteeextrakt«, sagt Lorenz. Es müsse also ein anderer Wirkstoff verantwortlich sein. Doch welcher, das ist bis heute unklar. Sicher sei nur: »Aufgebrühter grüner Tee hatte eine messbare Wirkung auf die Gefäße.«

Tausende kontrollierte Teetrinker benötigt

Eindrucksvoll hat die Grünteeforschung bereits gezeigt, wie schnell Ernährungsstudien in die Irre führen. In den 1990er Jahren sorgte eine Studie für Aufsehen, laut der Probandinnen und Probanden häufiger an Speiseröhrenkrebs erkrankten, wenn sie regelmäßig grünen Tee tranken. Ein verwirrendes Ergebnis für die Krebsforschung. Hatte man doch damals schon viele Hinweise darauf gefunden, dass grüner Tee vor Krebs zu schützen scheint.

Später stellte sich heraus: Das Ergebnis hatte gar nichts mit den grünen Teeblättern zu tun. Die Wissenschaftler hatten die Temperatur des Getränks außer Acht gelassen. Wer grünen Tee trinkt, trinkt ihn oft heiß. Und heiße Flüssigkeit greift Zellen in der Speiseröhre an. Je häufiger jemand zu heißen Tee trinkt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich in der Speiseröhre bösartige Zellen entwickeln. Ob das nun Grüntee oder etwa Früchtetee ist, spielt keine Rolle.

Tipps zur Zubereitung

Strikte Regeln für den perfekten Aufguss gibt es nicht – auch weil jeder Teetrinker entscheidet, wie er sein Getränk am liebsten mag. Diese drei Tipps aber helfen, das eigene Lieblingsrezept zu entwickeln:

  • Für eine durchschnittliche Tasse eignet sich ein Teelöffel loser Tee. Mehr macht ihn strenger, weniger milder – logisch. Je nachdem, wie stark das Gebräu sein soll und wie viel Tee verwendet wird, sollten die Blätter eine bis drei Minuten im Wasser bleiben. Nur wer es richtig würzig mag, sollte länger warten.
  • Wer den Geschmack des Tees verfeinern möchte, sollte zum einen auf den Kalkgehalt des Wassers achten. Je nach Wohnort kann es sinnvoll sein, das Wasser vor dem Kochen zu filtern. Der Grund: Hartes Wasser ist basisch und kann mit einigen schwach sauren Bestandteilen des Tees eine chemische Reaktion eingehen. Deren chemische Produkte verändern den Geschmack.
  • Zum anderen entscheidend: die Temperatur. Sie beeinflusst, welche Mengen und Typen von Aromastoffen ins Wasser gelangen. Damit der Tee nicht zu bitter wird, ist es ratsam, die Blätter mit 60 bis 90 Grad heißem statt mit kochendem Wasser aufzugießen.

Wer mit dem Getränk einen möglichst belastbaren Gesundheitseffekt beweisen will, braucht ein detailliertes Studiendesign, Ausdauer und sehr viele Probanden. Doch solche Studien sind teuer und schwer umzusetzen.

So hatten einige der bisherigen Studien nur wenige Teilnehmer. In kleinen Gruppen aber ist die Gefahr größer, die erhobenen Daten fehlerhaft zu interpretieren. Andere Untersuchungen betrachteten bloß einen Ausschnitt. Forscher befragten die Teilnehmer beispielsweise zu ihrem Teekonsum, ohne diesen näher zu kontrollieren. Nicht zu wissen, was die Teilnehmer sonst treiben, macht die Ergebnisse jedoch unzuverlässiger, als wenn alles genau überwacht ist. Wer weiß, welche Medikamente der Proband genommen hat? Ob er wirklich eine Kanne am Tag getrunken hat? Oder ob die Probandin den Tee nicht pur, sondern mit drei Löffeln Zucker genossen hat?

Bestenfalls würden Forscher tausende oder zehntausende Menschen beobachten, die jeden Tag beispielsweise einen Liter grünen Tee trinken oder Teekonzentrat zu sich nehmen, während andere komplett darauf verzichten. Nur dann ließe sich ein Effekt ansatzweise erkennen. Zudem wäre es wichtig, diese Teetrinker nicht bloß wenige Wochen oder Monate zu begleiten, sondern über einen langen Zeitraum. Schließlich entstehen viele der Erkrankungen, vor denen grüner Tee schützen soll – Krebs zum Beispiel –, über viele Jahre oder gar Jahrzehnte.

Um Grüntee herzustellen ist es wichtig, die Blätter sofort nach der Ernte zu erhitzen. Anschließend werden sie gerollt, getrocknet und nach Blattgrößen sortiert.Laden...
Teetrockner | Um Grüntee herzustellen, ist es wichtig, die Blätter sofort nach der Ernte zu erhitzen. Anschließend werden sie gerollt, getrocknet und nach Blattgrößen sortiert.

Doch auch dann bliebe der eindeutige Nachweis schwierig. Denn die Umwelt, die Gene oder das Verhalten beeinflussen ebenfalls, wie gesund die Haut ist, wie viel jemand wiegt oder wie effektiv das Immunsystem Krankheitserreger bekämpft. Selbst wenn grüner Tee Vorteile bringt, entscheidet letztlich die Summe aller Faktoren, wie gesund jemand ist.

Grüntee kann Arzneimittel nicht ersetzen

»Grüner Tee ist ein Genussmittel, kein Medikament«, fasst Charité-Mediziner Lorenz zusammen. Dasselbe gilt für die Grünteeextrakte, die es als Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen gibt. Grüntee kann laut Lorenz höchstens eine medizinische Behandlung unterstützen – wer aber versuche, eine Krankheit mit grünem Tee zu behandeln, obwohl es dafür bereits wirksame Medikamente gibt, schade sich.

Den getrockneten Camellia-Blättern zu entsagen, wäre nun allerdings übertrieben. Immerhin erscheint es plausibel, dass eine regelmäßige Kanne Grüntee der Gesundheit förderlich sein kann – schon allein deshalb, weil der Körper ausreichend Flüssigkeit braucht, um zu funktionieren.

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