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Ornithologie: Hell-Seher

"Adlerauge, sei wachsam", heißt es, denn keiner sieht wohl schärfer als der Greif. Vogelaugen können aber noch weit mehr - und das nur zum Besten des Nachwuchses.
Eier des Baird-Strandläufers im NestLaden...
Es gibt sie – nicht nur an Ostern – in den unterschiedlichsten Farben und Mustern: Mal sind sie reinweiß, mal taubenblau, andere haben rötliche Pünktchen auf cremefarbenem Hintergrund oder schwarze Flecken auf grünlicher Grundierung. Die Variationsmöglichkeiten bei Vogeleiern sind fast so groß wie die Artenzahlen der Piepmätze, und die gehen immerhin in die Tausende. Nahezu ebenso erschöpfend sind auch die Erklärungsansätze für die Schalendiversität.

So galten gemusterte Eier lange als optimale Tarnung: Eine Anpassung von Bodenbrütern an eine gefährliche Umwelt, in der sich ein Fuchs gerne am Fortpflanzungsprodukt von Kiebitz oder Feldlerche vergreift, sofern dieses nicht optisch mit dem kieseligen oder sandigen Untergrund verschmilzt. Vor Kurzem wurde diese These durch eine alternative Erklärung zumindest untergraben, nach der farbige Flecken, Tüpfel oder Sprenkel vor allem stabilisierend wirken sollen. Die Vogelmutter füge entsprechende Farbpigmente in die Schale ein, wenn sie aufgrund eines Kalziummangels im Körper oder der Nahrung keine ausreichend dicken Eiwände aufbauen kann – je größer das Defizit, desto intensiver die Musterung.

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Eier des Baird-Strandläufers im Nest | Die Färbung von Vogeleiern hat womöglich unterschiedliche Ursachen: Die Tüpfelung kann der Tarnung dienen oder als Farbpigmente der Stabilisierung der Eischale – beim Baird-Strandläufer (Calidris bairdi) erfüllt sie womöglich beide Funktionen.
Intensivere blaue und grüne Farben wiederum könnten laut einer dritten Studie den männlichen Erzeugern bestimmter polygamer Arten signalisieren, dass bestimmte Weibchen eine qualitativ sehr hochwertige Wahl waren. Dadurch sollen die Männchen angespornt werden, zeitlich und versorgungstechnisch mehr in genau diesen Nachwuchs zu investieren. Die meisten dieser Untersuchungen und Interpretationen beschränkten sich jedoch bislang auf das für Menschen sichtbare Farbspektrum. Vögel sehen allerdings weit mehr und auch im UV-Bereich, was ihnen beispielsweise in einem schummrigen Nistkasten die Orientierung oder das Auffinden ihrer Küken erleichtert – sofern dabei etwas im ultravioletten Wellenlängenbereich reflektiert oder aufleuchtet.

Einfarbstare (Sturnus unicolor) etwa tragen regelmäßig Federn in ihre Bruthöhle ein und arrangieren sie darin so, dass sie im UV-Abschnitt optimal auffallen. Und auch die Mäuler ihrer Küken reflektieren diese Wellenlänge und reizen damit die entsprechend gepolten Zapfen auf der Netzhaut ihrer Eltern optimal, was letztlich auch deren Fütterungsinstinkt maximal aktiviert. Der Rachen von Nestlingen in lichtdurchfluteten Kinderstuben bleibt dagegen eher gedämpft, sie setzen auf andere Farbreize oder Signale, um die nährenden Eltern von ihrem Hunger zu überzeugen.

Was die Küken leisten – könnte das vielleicht nicht auch schon den Eiern in die Wiege gelegt worden sein? fragten sich nun Jesús Avilés und seine Kollegen von der Estacíon Experimental de Zonas Áridas im spanischen Almería, weshalb sie Farbvarianten von knapp 5600 Eiern aus 98 europäischen Sperlingsvogelarten unter Berücksichtigung des jeweils bevorzugten Nistplatzes untersuchten. Und tatsächlich legten Höhlenbrüter deutlich häufiger strahlende, "blauere" oder intensiv im Ultravioletten reflektierende Eier als ihre offen oder allenfalls halb verdeckt brütenden Kollegen, die vermehrt auf eher normalfarbige braune und rote Töne setzten.

Kleiber, Schnäpper, Meisen oder andere Höhlenbrüter sehen daher ihre Eier im Dämmerlicht oder Schatten ihrer Behausung besser, da UV-Farben im Dunkeln eher von den Tieren wahrgenommen werden als jene anderer Wellenlängen. Die schwache Beleuchtung in den entsprechenden Brutplätzen verstärkt diesen Kontrast noch, da kaum ultraviolette Strahlung vom matten Farbhintergrund der eingetragenen Äste, Moose oder Laub ausgeht. Warum aber ist das Gelege derart sichtbar, es rührt sich doch im Allgemeinen nicht vom Fleck? Um das herauszufinden, legten die Wissenschaftler Einfarbstaren, die ebenfalls entsprechend leuchtende Schalen fabrizieren, zusätzliche Test-Stareneier am Nestrand bei, deren UV-Leuchtfähigkeit durch eine chemische Behandlung blockiert wurde oder die unbeeinflusst blieb.

Die Reaktion der anschließend zum Nistkasten zurückkehrenden Tiere konnte eindeutiger nicht sein: Während sie die im passenden Wellenlängenbereich aufscheinenden Eier in die Nestkuhle und damit unter die wärmenden Fittiche rollten, ignorierten sie zumeist die UV-losen Fremdkörper. Die Vögel verhindern durch die reflektierenden Schalen, dass sie Teile des heranreifenden Nachwuchses aus den Augen und damit überhaupt verlieren.

Diese Wahrnehmung verläuft jedoch selektiv, denn matte Eier innerhalb des Geleges wurden von den Staren meist mit bebrütet und nur sehr selten aktiv entfernt – dann aber richtig: Nur in drei Fällen stieß das Experimentier-Ei den Vögeln überhaupt auf, es wurde dann aber radikal aus der Höhlung geworfen und damit zerstört. Brutparasitismus, der unter Einfarbstaren häufiger auftritt, wird also offensichtlich nicht über die Eierfärbung nachgewiesen.

Allerdings: Vor Fraßfeinden wie Eichhörnchen oder Mardern schützt die UV-Färbung auch dann nicht, wenn diese überhaupt keine dementsprechend empfindlichen Zapfen im Auge haben. Denn meist machen die umtriebigen Eltern erst die Räuber auf das Nest aufmerksam, bevor diese zur Plünderung schreiten – in diesen Fällen würde jedoch selbst die beste Punktierung, Sprenkelung oder Tüpfelung nichts mehr nutzen.
18.08.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 18.08.2006

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