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Hendravirus: Umweltzerstörung macht gefährliche Zoonose häufiger

Umweltzerstörung und Nahrungsmangel brachten australische Fledermäuse an einen »Kipppunkt«. Seither bricht fast jedes Jahr eine tödliche Krankheit aus – bei Pferden und Menschen.
Schwarzer Flughund im Flug
Der Schwarze Flughund (Pteropus alecto) ist der wichtigste Überträger des Hendravirus.

Eine lange bestehende Hypothese über den Ursprung von Pandemieviren hat sich in der Praxis bestätigt. Menschengemachte Veränderungen der Umwelt bringen Menschen häufiger in Kontakt mit gefährlichen Fledermausviren. Zu diesem Schluss kommt ein Team um Peggy Eby von der University of New South Wales, das Daten aus den Jahren 1996 bis 2020 über Landnutzung, Fledermausverhalten und Hendraausbrüche bei Pferden in Australien analysierte. Pferde sind die Zwischenwirte, von denen das Virus auf Menschen überspringt. Laut der jetzt in »Nature« veröffentlichten Studie gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Klima, Landnutzung und Ausbrüchen des Hendravirus, das mehr als die Hälfte der infizierten Menschen tötet.

Träger des Hendravirus sind Flughunde der Gattung Pteropus, die selbst nicht erkranken – dafür ist das Virus für Pferde und Menschen außerordentlich tödlich. 84 von 112 infizierten Pferden starben seit dem ersten Auftreten des Virus, und vier von sieben infizierten Menschen. Ausbrüche der Krankheit treten auf, wenn die Flughunde sich am Futtertrog von Pferden bedienen oder in Pferdeställen schlafen – sie übertragen das Virus vermutlich durch Speichel oder Fäkalien. Menschen stecken sich dann an den erkrankten Pferden an. Allerdings ist das Virus nur sehr wenig ansteckend. Bisher sind keine Übertragungen von Mensch zu Mensch bekannt.

Hendra ist allerdings ein gutes Modell für Fledermausviren, weil die Krankheit zu tödlich ist, als dass Ausbrüche unentdeckt bleiben. Außerdem sind hier die Wirtsorganismen gut bekannt. Die Untersuchung des Teams um Eby konzentriert sich auf die subtropischen Regionen Australiens, wo die Flughunde über lange Strecken zwischen blühenden Eukalyptusbäumen wandern, ihrer wichtigsten Nahrungsquelle. Während im Sommer viele Bäume blühen und Nektar liefern, sind die Nahrungsquellen im Winter viel seltener. Wetterbedingte Hungerphasen von einigen Wochen treten immer mal wieder auf. In denen teilen sich die Flughunde vorübergehend in kleine Gruppen auf und fressen Früchte in Gärten und landwirtschaftlichen Regionen, bis wieder Bäume blühen.

Das war allerdings nur bis 2002 so, wie das Team berichtet. In dieser Phase erkrankten in der untersuchten Region weder Menschen noch Pferde am Hendravirus. Das änderte sich jedoch dramatisch in den Jahren danach. Die Fledermäuse traten immer öfter in kleinen Gruppen und nahe menschlicher Behausungen auf, und immer öfter steckten sich Pferde mit Hendra an. Ab 2006 gab es in 80 Prozent der Jahre Ausbrüche. Hintergrund ist, dass sich das Verhalten der Fledermäuse änderte: Nutzten sie zuvor menschliche Futterquellen nur im Notfall für wenige Wochen, blieben große Teile der Population später die meiste Zeit in diesem Notfallmodus.

Ursache war Nahrungsknappheit, wie das Team um Eby berichtet. Schon vor Beginn der Untersuchung waren rund 70 Prozent der Lebensräume der Flughunde zerstört, und die Zerstörung ging kontinuierlich weiter. Bis 2018 war auch von diesem Rest ein weiteres Drittel zerstört. Dadurch werden die ohnehin raren Futterquellen im Winter immer knapper und stehen immer weiter auseinander. Im Jahr 2002 war anscheinend eine Art Kipppunkt erreicht. Seither ist das Notfallprogramm die Norm – die Fledermäuse verteilen sich in kleinen Gruppen in von Menschen bewohnten Regionen, wo es Obst gibt.

Doch die Tiere sind keineswegs glücklich mit ihrer Rolle als Kulturfolger: Sobald in einem der Restwälder plötzlich doch der Eukalyptus blüht, kehren die Tiere zu ihrer ursprünglichen Futterquelle zurück. In solchen Jahren infizieren sich auch keine Pferde mit dem Hendravirus, wie die Arbeitsgruppe anmerkt. Die Studie bestätigt einerseits allgemeine Warnungen von Fachleuten, dass Zerstörung und Nutzung der Lebensräume wilder Tiere neue Zoonosen wahrscheinlicher macht. Andererseits schlüsselt sie spezifische Faktoren auf, die in bestimmten Jahren und Regionen Ausbrüche begünstigen, zum Beispiel El-Niño-Jahre. Nicht zuletzt ist der Effekt womöglich auch Teil der Erklärung eines zunehmenden Trends größerer Ausbrüche einst seltener Zoonosen wie Affenpocken oder Ebola.

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