Vesuv-Stadt Herculaneum: Ganze Buchrollen nach 2000 Jahren wieder lesbar

Als im Jahr 79 n. Chr. heiße Vulkanströme und Schlammlawinen des Vesuvs über den Ort Herculaneum rollten, fegten sie auch über eine Villa mit einer Bibliothek hinweg. Hunderte Schriftstücke blieben als unlesbare, völlig verkohlte Buchrollen zurück. Nachdem Ausgräber 1750 die Villa entdeckt und Rollen geborgen hatten, endeten die Versuche, diese auszuwickeln, meist erfolglos. Die Papyri zerfielen in kleinste Stücke und Staub.
Nun haben Fachleute das scheinbar Unmögliche möglich gemacht und lange Partien antiker Texte offengelegt, die seit etwa 2000 Jahren niemand mehr gelesen hat.
Mit hochaufgelösten Synchrotron-Scans und künstlicher Intelligenz versuchen Fachleute um Brent Seales von der University of Kentucky, die verbackenen Papyri aus der »Villa dei Papiri« virtuell auszurollen und Textpassagen wieder sichtbar zu machen. Einen entscheidenden Schub erhielt die Forschung durch die »Vesuvius Challenge«: einen Wettbewerb mit hohen Preisgeldern – plötzlich tüftelte eine große Online-Community an der Entzifferung.
Im Jahr 2023 vermeldeten sie erste Durchbrüche. Damals war es ihnen gelungen, einen Text zu entziffern, der sich über vier Textzeilen erstreckte.
Und nun verbucht das Team einen weiteren Erfolg. Es konnte eine fragmentarisch erhaltene Papyrusrolle (Fachbezeichnung PHerc. 1667) vollständig virtuell auswickeln. Der erhaltene Text erstreckt sich über 20 Kolumnen (Textspalten) auf einer Länge von 1,5 Metern. Ein weiteres Schriftstück (PHerc. 172) offenbarte 70 Kolumnen. Außerdem habe man in einer Rolle (PHerc. 139) den Titel und einige Wörter entziffern können: Es ist das 8. Buch von »Über die Götter« des epikureischen Philosophen Philodemos von Gadara (110–50/40 v. Chr.). Bislang hatten Altphilologen angenommen, dass dieses Werk aus deutlich weniger Büchern besteht; auch war nicht klar, ob sich der im Grunde atheistische Philodemos überhaupt mit theologischen Fragen befasst hatte.
Wie das Team um Seales auf einer Pressekonferenz in Neapel außerdem mitteilte, habe man in der Nacht auf den 25. Juni auch den vollständigen Text eines weiteren Papyrus virtuell ausgerollt. Papyrus Herculaneum Paris 4, der sich in der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres am Institut de France befindet, markierte den Beginn des gesamten Projekts. In dieser Rolle hatten die Teilnehmer der Vesuvius Challenge die ersten größeren Textabschnitte überhaupt sichtbar gemacht. Es waren die oberen Abschnitte von etwa 16 Kolumnen – von insgesamt etwa 140 Textspalten. Nun habe man die gesamte Rolle virtuell aufwickeln können. Mit der Entzifferung wurde begonnen.
Dieser Ausschnitt eines Scans stammt von der Schriftrolle PHerc. Paris 4, von der die Fachleute bislang nur wenige Kolumnen lesen konnten. Dank der höheren Auflösung der neuen Scans sind nun 140 Kolumnen sichtbar – aber noch nicht ausgewertet.
Damit sei die Methode der virtuellen Auswicklung technisch so gut entwickelt, dass die circa 600 erhaltenen Buchrollen und Fragmente aus der Villa dei Papiri vollständig erschlossen werden können. »Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Papyri wieder lesbar sind«, sagt Seales.
Neue Scans lieferten viel höher aufgelöste Daten
Die Entzifferung der Textpassagen verdanken die Wissenschaftler maßgeblich dem Umstand, dass sie am European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) im französischen Grenoble einige der Rollen mit einer ungleich höheren Auflösung scannen konnten.
Ursprünglich stützte sich die Vesuvius Challenge auf Scans, die am britischen Synchrotron »Diamond Light Source« unweit von Oxford angefertigt wurden. Dort wurde das Material mit einer Auflösung von etwa acht Mikrometern gescannt. Die Anlage in Grenoble lieferte dagegen eine Auflösung zwischen einem und zwei Mikrometern. Der Scan einer einzelnen Rolle produziere zwischen 100 und 400 Terabyte an Daten.
Dank der extrem feinen Röntgenstrahlen des ESRF gelingt es, die einzelnen Papyrusschichten dreidimensional zu analysieren und im Querschnitt anzuzeigen. Dadurch lassen sich die mit Tinte beschriebenen Stellen mitunter allein schon aufgrund ihrer Dicke vom Schreibmaterial trennen. Plötzlich seien Buchstaben für das bloße Auge sichtbar geworden, ganz ohne den Einsatz von KI und Bildanalyse, erklärte Giorgio Angelotti, der Projektleiter der Vesuvius Challenge, auf der Pressekonferenz. Nicht alle Passagen lassen sich allerdings auf diese Weise entziffern. Deshalb – und angesichts der immensen Datenmengen – sei der Einsatz von digitalen Analysetools nach wie vor unverzichtbar.
Eine Abhandlung des berühmten Chrysippos?
Altphilologen um Federica Nicolardi von der Università degli Studi di Napoli Federico II haben die virtuell geöffneten Schriften gelesen. Den Text auf PHerc. 1667 haben die Gräzisten komplett entziffert – und waren überrascht: Es handelt sich um eine erkenntnistheoretische Abhandlung der Stoiker, womöglich verfasst von Chrysippos von Soloi (281/276–208/204 v. Chr.), einem bekannten Oberhaupt der Philosophenschule der Stoa. Einen stoischen Text hätten die Forscherinnen und Forscher jedoch nicht erwartet. Alles, was bislang über die Bibliothek aus der Villa dei Papiri bekannt ist, verweist auf die Schule der Epikureer. Vielmehr noch: Bei den Schriften aus der Villa dürfte es sich um die persönliche Bibliothek des Philodemos von Gadara gehandelt haben.
Was machte aber ein stoischer Text in der Bibliothek eines Epikureers? »Zwischen den beiden Schulen herrschte eine Art Rivalität«, erklärt Kilian Fleischer von der Universität Tübingen, der Teil des Expertenteams um Nicolardi ist. »Ich vermute, Philodem hat für seine eigenen Schriften stoische Texte genauer studiert und dann womöglich kritisiert.«
PHerc. 1667 ist ein Bruchstück, das untere Drittel einer Buchrolle. Heute noch etwa acht Zentimeter lang und zwei Zentimeter hoch, war sie laut Aufzeichnungen im Jahr 1782 noch mehr als doppelt so dick. Offenbar hatten Gelehrte in der Neuzeit versucht, das Schriftstück auszurollen, und es dabei teilweise zerstört. Doch die Reste lassen sich nun lesen. »Die Handschrift und die Textverweise in der Schriftrolle legen nahe, dass das Artefakt aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. oder möglicherweise aus dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. stammt – damit zählt sie zu den ältesten Schriftrollen der Sammlung«, erklärt Nicolardi.
Auf die Fährte von Chrysipp führte ein Name im Text: Aristokreon. Für Gräzisten ist er ein alter Bekannter. Es handelt sich um den Neffen des berühmten Stoikers. »Von Chrysipp sind fast alle Werke verloren, aber wir wissen von einigen, dass er sie seinem Neffen und Schüler Aristokreon gewidmet hat«, erklärt Fleischer. Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei dem in PHerc. 1667 genannten Aristokreon um dieselbe Person.
Als ebenso komplex wie das Aufspüren der Tinte erwies sich das »virtuelle Entrollen« der Papyri am Computer. Dazu müssen die einzelnen Schichten des Schreibmaterials voneinander isoliert werden. Versuche, die Rollen physisch abzuwickeln, endeten nicht selten in der vollständigen Zerstörung des Materials.
Im Text selbst geht es um Themen der Stoa, etwa um impulsives Verhalten von Menschen, die sich besser von Vernunft leiten lassen sollten. Unbekannt bleibt, wie der Titel des Buchs lautete. Der dürfte in den fehlenden Partien des Papyrus gestanden haben. Gut möglich, dass sie für immer verloren sind. Doch für die allergrößte Zahl der Papyri steht eine neue Analyse noch aus. Zudem will das Team um Seales seine Methoden der Text- und Tintenerkennung verbessern und weitere Schriftrollen scannen.
Die Privatbibliothek des Philodemos
Es waren Hunderte Schriftrollen, die in einem kleinen Raum in der Villa dei Papiri lagerten. Mutmaßlich ließ Lucius Calpurnius Piso Caesoninus im 1. Jahrhundert v. Chr. die Villa erbauen. Der Römer war Politiker und Schwiegervater von Gaius Julius Cäsar – und vermutlich auch der Sponsor und Gönner des Philodemos. »Bekannt ist, dass Philodemos am Golf von Neapel gewohnt hat, im hohen Alter vielleicht auch in der Villa dei Papiri«, sagt Fleischer. Dass die Papyri die Privatbibliothek des Philosophen darstellten, sei aber hochwahrscheinlich. »Unter den Schriftstücken gibt es Entwurfsfassungen von Philodems Werken, also tatsächliche Manuskriptversionen, in die er selbst Notizen eingetragen hat«, sagt Gräzist Fleischer. Daher müsse es seine Bibliothek gewesen sein.
Waren zuvor nur wenige Stellen aus den Papyrusrollen und auf Bruchstücken lesbar, könne man nun längere Textpassagen sichtbar machen. Das verändere die wissenschaftliche Situation entscheidend, so Nicolardi. »Es sind keine anonymen antiken Bücher mehr, sondern griechische philosophische Abhandlungen mit einem Autor und einem Titel«, erklärt die Papyrologin.
Die innen liegenden Partien (rechts im Bild) sind vollständig erhalten, während die außen liegenden Teile (links) zahlreiche Fehlstellen aufweisen – nicht zuletzt dank früherer Versuche, die Rolle physisch zu entrollen. In den 1980er-Jahren hatten Papyrologen sie deshalb für »unlesbar« erklärt.
Preis von einer Million ausgelobt
Hoffnungen setzt die Forschungsgruppe auf noch zu entwickelnde Software, die sich speziell die höhere Auflösung der neuen Scans zunutze macht. Großen Verbesserungsbedarf gebe es auch beim »virtuellen Entrollen« der verkohlten Überreste.
Wieder setzt das Team um Seals dafür auf die Intelligenz und Innovationskraft der Masse: Bei der Pressekonferenz in Neapel kündigte es an, sämtliche Scandaten der Öffentlichkeit frei zur Verfügung zu stellen. Jeder könne sich selbst daran versuchen, den Text auf den verkohlten Rollen zu entziffern. Zugleich wurde ein neuer »Grand Prize« ausgelobt. Wem es gelingt, binnen eines Jahres den Text einer kompletten Rolle lesbar zu machen, der erhält demnach eine Million US-Dollar. Das sagte der Mitgründer der »Vesuvius Challenge«, Nat Friedman in Neapel.
Zurzeit liegen Daten zu 45 Rollen und Fragmenten vor. Viele davon sind laut Friedman mit der neuen, besseren Technologie des ESRF gescannt worden und noch nie mit den vorhandenen digitalen Analysetools untersucht worden. Für die Papyrologie und Altphilologie könnten besondere Zeiten anbrechen. Fleischer ist jedenfalls überzeugt, dass »es der größte Fund neuer antiker Texte seit Qumran sein könnte«, als in den 1940er und 1950er-Jahren Hunderte antike Pergament- und Papyrusrollen am Toten Meer entdeckt worden waren.
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