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Virologie: Herpesviren nehmen den direkten Weg ins Hirn

Herpesviren
Bei vielen neurodegenerativen Erkrankungen von der Alzheimerdemenz bis zur multiplen Sklerose (MS) sind die Gehirnzellen durch Viren geschädigt, die die normalerweise gut verteidigte Blut-Hirn-Barriere überwunden haben. Herpeserregern gelingt dies offenbar, indem sie sich aus der Nase über die Geruchsbahnen ins Zentralnervensystem vorarbeiten, melden Steven Jacobson von der Johns Hopkins University in Baltimore und seine Kollegen.

Die Forscher konnten den typischen Verlauf einer Infektion mit HHV-6, dem menschlichen Herpesvirus-6, jetzt nachvollziehen, indem sie Autopsieproben von MS-Patienten und Gesunden nach Spuren des Erregers durchsucht haben. Fündig wurden die Forscher dabei nicht nur im Gehirn, sondern vor allem auch in verschiedenen Zellen der olfaktorischen Signalbahnen. Dabei waren Gesunde und MS-Patienten gleichermaßen betroffen: Offenbar sind die Zellen des Geruchsapparats ein typischer Aufenthaltsort der Viren.

Von den Geruchszellen aus können sich die Erreger aber leicht in das Gehirn ausbreiten, meinen die Wissenschaftler nun. Als Sprungbrett dienen ihnen bestimmte Scheidenzellen (OEC, olfactory-ensheating cells) um die eigentlichen Nervenbahnen. Diese gliaähnlichen Zellen sind den Astrozyten und schwannschen Zellen des Zentralnervensystems ähnlich, häufigen Angriffspunkten von Viren im Gehirn. Tatsächlich vermehrt sich HHV-6 in den OEC sehr gut, wie die Wissenschaftler zeigten. Die olfaktorischen Nerven mit ihren Gliahüllen bilden somit eine direkte, nach und nach infizierbare Verbindung zwischen dem Nasenrachenraum (einem bedeutenden Reservoir für Herpesviren) und dem limbischen System des Gehirns, das bei neurodegenerativen Erkrankungen besonders häufig von Virenattacken betroffen ist. (jo)

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  • Quellen
Proc. Acad. Nat. Sci. USA 10.1037/pnas.1105143108, 2011

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