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Neurobiologie: Heute schon gegähnt?

Gegähnt wird im ganzen Tierreich, doch nur der Mensch kann seine Zeitgenossen dabei anstecken, so die einhellige Meinung der Forscher. Die Schimpansen-Damen Ai und Mari sind anderer Ansicht.
Schimpansin Ai
Mensch, ... | Schimpansen-Dame Ai schaut Videos von gähnenden Artgenossen.
Was für ein langweiliger Tag, mögen Ai und Mari vielleicht gerade innerlich geseufzt haben. Da kam den beiden Schimpansen-Weibchen die Einladung ihrer Pfleger vom Primatenforschungszentrum der Universität Kyoto, mal wieder eine nette, kleine, gemeinsame Sitzung im schon bestens bekannten Forschungslabor abzuhalten, als Ablenkung sicher ganz recht. Schließlich gibt es dort immer Bilder oder Filmchen zu schauen, kühl und schattig ist es, und manchmal wartet etwas Leckeres zu knabbern – warum also nicht. Und wer mag, darf auch ruhig noch seinen anhänglichen Nachwuchs mitbringen: ein nettes Programm gegen gähnende Langeweile.

.. Gähnen ... | So richtig begeisternd scheint sie ihre filmischen Gegenüber nicht zu finden.
Und dann das: Keine spannenden Videos, keine herumirrenden Muster, keine belohnenden Naschereien, nichts – ausgerechnet Gähnen erwartete die herbeigetrotteten Tiere! Ob sie wohl enttäuscht waren, als sie sich Filmsequenzen ihrer Gruppenmitglieder oder anderer Artgenossen zu Gemüte führen durften, die herzhaft das Maul aufrissen? Wobei die Wissenschaftler um James Anderson von der Universität Stirling hier kleine, aber feine Unterschiede machten: In manchen Videos gähnten die Schimpansen tatsächlich, in anderen zeigten sie dagegen weitere Gesichtsausdrücke, bei denen sich der Mund öffnet.

... ist vielleicht ... | Oder reagiert sie wie Menschen auf gähnende Artgenossen?
Und was hielten Ai und Mari davon? Sie gähnten nun häufiger, also mit – wenn ihr Gegenüber auf dem Bildschirm es ihnen vormachte. Die anderen vier Schimpansen-Teilnehmerinnen hingegen blieben eher unbeeindruckt: Mal ließen sie sich wohl anstecken, mal kümmerte es sie überhaupt nicht. Ihre Reaktion war jedenfalls statistisch gesehen nicht signifikant, sie gähnten nicht mehr als sonst. Und die drei mitgeschleppten lieben Kleinen zeigten sogar völliges Desinteresse. Gähnende Erwachsene? Na und? Muss ich deshalb nun häufiger das Maul aufreißen? Nein, muss ich nicht. Oder so ähnlich.

... ansteckend! | Offensichtlich: Gähnen steckt auch Schimpansen an.
Das Ergebnis ist alles anderem als zum Gähnen, denn die ansteckende Wirkung dieses Verhaltens kannte man bisher nur vom Menschen – wobei auch hier kleine Kinder resistent zu sein scheinen. Zwar gähnen sie viel häufiger als Erwachsene, aber der Anblick eines anderen verlockt die Kleinen in den ersten Lebensjahren keineswegs dazu, es gleichzutun.

Und damit stellt sich einmal mehr die Frage hinter dem Sinn des Ganzen. Der Erklärungsansätze gibt es einige: Es aktiviert Muskeln und Kreislauf – wie wach macht es doch, sich morgens so richtig herzhaft gähnend zu räkeln –, signalisiert aber auch Müdigkeit, Langeweile, einen vollen Magen oder gespannte Erwartung: Viele Tiere gähnen besonders häufig vor Fütterungszeiten – und das Löwenrudel vor der gemeinsamen Jagd. Alles in allem also häufig ein sozialer Hintergrund, bei dem ohne Worte die Stimmung innerhalb einer Gruppe signalisiert wird.

Beim Menschen kommt noch die Ansteckung hinzu, die ihrerseits, so lassen neuere Studien schließen, mit dem Maß an Empathie zusammenhängt, das eine Person empfinden kann: Sehr ein- oder mitfühlende Menschen reagieren deutlich ausgeprägter auf gähnende Zeitgenossen und lassen sich eher zum Mitgähnen anstiften als verschlossenere Individuen. Ein Händchen im Spiel hat hier auch noch das Selbstbild, das jeder von sich hat.

Und die Schimpansen? Sie haben, das zeigt nicht nur die meist zitierte Selbsterkenntnis des Spiegelbildes, ebenfalls ein Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes – und nur, wer sein Selbst erkennt, ist in der Lage, zwischen sich und anderen zu differenzieren, auch was Gefühle betrifft. Nun, an Gefühlen von Schimpansen gegenüber ihren Artgenossen ist nun wirklich nicht zu zweifeln, weshalb sie also ebenso unterschiedlich empathisch sein dürften wie ihre mager behaarten nächsten Verwandten – und damit genauso verschieden gähnfreudig und ansteckungsgefährdet wie wir. Ai und Mari haben uns daher wohl weniger die gähnende Langeweile des Nachmittags, als vielmehr ihr großes Herz präsentiert.

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