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Klimawandel: Heutige Erderwärmung weiträumigste seit 1200 Jahren

Die gegenwärtig zu beobachtende Temperaturzunahme ist die weiträumigste, die zumindest während der letzten 1200 Jahre stattgefunden hat. Alle anderen Wärmephasen während dieser Periode betrafen weniger Regionen.

Nach den Auswertungen von Temperaturmessungen und indirekt gewonnenen Klimadaten kommen Timothy Osborn und Keith Briffa von der Universität von East Anglia zur Ansicht, dass selbst die mittelalterliche Warmzeit von 890 bis 1170 nicht das räumliche Ausmaß der heutigen Erwärmung hatte [1]. Neben den Aufzeichnungen moderner Klimadaten – die bereits 1856 mit dem verbreiteten Einsatz von Thermometern begannen – setzten sie auf 14 so genannte Proxy-Daten aus verschiedenen Regionen der Nordhalbkugel. Darunter fallen beispielsweise die Auswertung der Jahresringe von langlebigen Nadelbäumen aus Skandinavien, Sibirien, den Alpen und den Rocky Mountains, deren Ringbreiten je nach den herrschenden klimatischen Wuchsbedingungen eng (vereinfacht: Kälte) oder weit (Wärme) ausfallen.

Ein weiterer Abgleich erfolgte über Eisbohrkerne aus Grönland, deren einzelne Abschnitte über ihren Gehalt am Sauerstoff-Isotop 18 die jeweiligen Temperaturen der Atmosphäre widerspiegeln. Und schließlich nutzten sie sogar noch Tagebuchaufzeichnungen aus den Niederlanden und Belgien, die insgesamt einen Zeitraum von 750 Jahren abdecken und preisgeben, in welchen Jahren die Kanäle der Länder zufroren oder nicht.

Osbornes und Briffas Auswertung bestätigte bisherige Erkenntnisse zum mittelalterlichen Klimaoptimum mit überdurchschnittlich warmen Jahren und der kleinen Eiszeit, die von 1580 bis 1850 auch Mitteleuropa verhältnismäßig unterkühlte Sommer und kalte Winter brachte. Doch während der gesamten letzten 1200 Jahre trat keine der ermittelten Wärme- oder Kälteperioden großflächiger auf als die gegenwärtige: So können heute in 70 Prozent der 14 herangezogenen Regionen starke Temperaturzunahmen beobachtet werden, während es in der mittelalterlichen Warmzeit nur in sechs der untersuchten Teilgebiete der Fall war. Zudem bildet das 20. Jahrhundert das durchschnittlich wärmste seit über eintausend Jahren, und das obwohl die Wissenschaftler nur die Zeit bis 1995 in ihre Berechnungen einfließen ließen. Die folgenden – teils sehr warmen – Jahre blieben außen vor, weil manche Proxy-Daten in diesem Jahr enden.

Bislang galt vielen Kritikern des Klimawandels durch den Menschen die Warmzeit von 890 bis 1170 – ohne Industrie- oder Autoabgase als möglichem Auslöser – als Beleg, dass Erwärmungen allein aus natürlichen Gründen vorkommen und wiederkehren. Die Forscher bezeichnen das 20. Jahrhundert dagegen nun als den Zeitabschnitt mit den größten Klimaanomalien im Vergleich zu den früheren Perioden der Untersuchung, was sie wiederum auf den stark angestiegenen Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre zurückführen.

Womöglich hat dieser Klimawandel in Einzelfällen ebenso positive Folgen, wie Gavin Donaldson vom University College London vermutet [2]. Er beobachtete einen engen Zusammenhang zwischen dem verringerten Auftreten des Respiratory Syncytial Virus (RSV) in Zentralengland und den dortigen Temperaturen zwischen 1981 und 2004. Je höher die Temperaturen stiegen, desto kürzer war die winterliche Saison für diese Atemwegsinfektion, die Lungenentzündungen auslösen kann und die besonders für Säuglinge und Kleinkinder gefährlich ist: Pro Grad Celsius über dem normalen Durchschnittswert verkürzte sich der besonders aktive Zeitraum von RSV um je drei Wochen.

Der genaue Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen ist Donaldson jedoch noch nicht bekannt, aber steigende Temperaturen könnten etwa die Überlebensfähigkeit dieses Virus in der Umwelt herabsetzen. Auf der anderen Seite führt die zu beobachtende Erderwärmung aber ebenso zu einer Zunahme von Erkrankungen, die durch Salmonellen oder Campylobacter ausgelöst werden.

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