Direkt zum Inhalt

MERS in Südkorea: Hilflos gegen das Virus

Der erste Ausbruch des MERS-Virus außerhalb des Mittleren Ostens zeigt vor allem, wie ein Gesundheitssystem versagt hat. Der Erreger selbst scheint seit seiner Entdeckung im Jahr 2012 nicht gefährlicher geworden zu sein.
MERS-Virus

Es hat neun Tage gedauert, bis endlich klar war, woher das Virus kam. Der koreanische MERS-Patient Nummer 1, ein 68-jähriger Mann, besuchte innerhalb dieser neun Tage mehrere Krankenhäuser und hinterließ dort die MERS-Coronaviren, mit denen er sich auf einer Geschäftsreise vermutlich in Katar infiziert hatte. Erst im vierten Hospital, dem Samsung-Krankenhaus in Seoul, kam endgültig heraus, dass er den Erreger in sich trug.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Virus bereits unbemerkt ausgebreitet. Bis Donnerstag (18.06.) sind 20 Menschen in und um Seoul herum an dem Virus gestorben, 160 haben sich infiziert. 36 Krankenhäuser in sieben Städten sind betroffen. Weil das Virus so lange unentdeckt blieb, haben bereits Menschen, die sich bei Patient 1 angesteckt haben, das Virus weitergegeben. Patient Nummer 14 etwa infizierte in einem Krankenhaus mindestens 47 weitere Menschen, in der Folge wurden dort über 600 Patienten und 200 Mitarbeiter unter Beobachtung gestellt, weil sie in Kontakt mit dem Erreger gekommen sein könnten. Etwa ein Monat nachdem Patient 1 die ersten Symptome zeigte, trug ein anderer Infizierter das Virus weiter nach China, ohne es zu wissen.

Erst allmählich offenbaren sich alle Versäumnisse und Pannen, die zu dieser katastrophalen Ausbreitung geführt haben. Die Behörden in Seoul werden heftig dafür kritisiert, dass sie zu spät und dann auch noch zögerlich und zum Teil falsch reagiert haben. Sie halten Informationen zurück, verunsichern aber die Bevölkerung gleichzeitig durch fragwürdige Schutzmaßnahmen.

Die Odyssee des Patienten Nummer 1 durch die Krankenhäuser haben die Behörden inzwischen halbwegs rekonstruiert. Wahrscheinlich hat das Klinikpersonal zunächst nicht gefragt, ob er auf einer Auslandsreise war. Das sollte eigentlich zu jedem medizinischen Aufnahmegespräch gehören, wenn der Patient Zeichen einer Infektionskrankheit zeigt und nicht gerade Grippesaison ist. Die Ärzte eines anderen Krankenhauses diagnostizierten zwar bereits MERS, aber die Meldung wurde nach dem Bericht einer koreanischen Zeitung von den Behörden ignoriert. Erst im Samsung-Hospital wurde endlich die Diagnose gestellt.

Die Epidemie unterschätzt

Eigentlich wäre da bereits abzusehen gewesen, welches Ausmaß der Ausbruch von Seoul annehmen könnte: Der Patient hatte die Viren in die Notaufnahmen von vier Krankenhäusern getragen. Die Behörden entschieden sich jedoch zunächst, nur die Kontaktpersonen außerhalb der Hospitäler aufzuspüren und unter Beobachtung zu stellen. Viel wichtiger wäre es aber gewesen, auch die Menschen zu beobachten, die mit dem Patienten in der Notaufnahme oder im gleichen Krankenzimmer lagen, erklärte der Infektiologe Sung-Han Kim vom Asan Medical Center in Seoul am Dienstag vor Journalisten. Da sei eine Chance verpasst worden, den Ausbruch zu begrenzen.

Man kann natürlich nicht wissen, wie das alles verlaufen wäre, wenn gleich im ersten Krankenhaus jemand die einfache Frage gestellt hätte, ob der Mann zuvor auf Reisen war – und er auch gleich alle Informationen herausgerückt hätte. Wenn der Mann nur in einem Krankenhaus gewesen wäre, hätte man es noch mit dem Versagen Einzelner erklären können. In Seoul aber hat ein System versagt. In den Notaufnahmen herrscht meist dichtes Gedränge, so dass ein Infizierter Dutzende Menschen anstecken kann. In vielen Krankenhäusern seien die Notaufnahmen ein einziger großer Raum, erklärt Kim. "Sie sind oft überfüllt, und es gibt wenig Personal." Viele Patienten warten Stunden, manche Tage. Zeit für eine gründliche Anamnese gibt es nicht. Familienmitglieder gehen ein und aus und übernehmen Pflegeaufgaben, waschen Patienten, leeren Bettpfannen, wechseln die Bettwäsche. In der "New York Times" berichten Leser von ihren Erlebnissen in koreanischen Krankenhäusern.

Auf den Stationszimmern sieht es nicht viel besser aus. Die Betten stehen oft dicht an dicht. Patient Nummer 1 lag eine Zeit lang in einem Sechsbettzimmer mit nur einem kleinen Fenster und einer Klimaanlage. Nachdem sie Viren im Filter der Klimaanlage fanden, vermuten die Ärzte nun, dass sich das Virus unter solchen extremen Belüftungsbedingungen auch als Aerosol durch die Luft verbreiten kann – vor allem dann, wenn der Patient bereits sehr krank ist und sein Körper sehr viele Viren produziert. Bislang bekannte Übertragungswege sind Tröpfchen- und Schmierinfektionen.

MERS-Warnschild | An Südkoreas Flughäfen stehen Aufsteller, auf denen Nahost-Reisende mit Erkältungssymptomen gebeten werden, sich in der Quarantänestation zu melden.

Am Anfang ist eine Infektion mit MERS, dem Middle Eastern Respiratory Syndrome, nicht von einer normalen Erkältung zu unterscheiden. Bei schwerem Verlauf kann sich aus den ersten Symptomen bald eine Lungenentzündung entwickeln, in manchen Fällen kommt es zu Nierenversagen. Wie tödlich das Virus ist, kann man derzeit noch nicht abschätzen, weil viele Infizierte gar nicht mitbekommen, dass sie sich das Virus eingefangen haben, oder der Verlauf so mild ist, dass sie gar nicht erst zu einem Arzt gehen. Niemand weiß, wie groß dieser Anteil der nicht symptomatischen Infektionen ist. Weil sich die Viren tief unten in den Atemwegen vermehren und nicht wie Influenza weiter oben, gilt die Krankheit als vergleichsweise wenig ansteckend.

Ansteckung im Krankenhaus

Auch bei früheren MERS-Ausbrüchen in Ländern des Mittleren Ostens kam es vor allem in Krankenhäusern zu Infektionen. Das führt die Experten zu der Vermutung, dass nur Patienten mit bereits schwerer MERS-Erkrankung andere anstecken können. Zudem sieht es so aus, als ob das Virus vor allem Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich wird. Das zeigt sich auch bei den bislang letzten beiden Toten in Seoul, einem 62-jährigen krebskranken Mann mit Leberzirrhose und einer 75-Jährigen mit Knochenmarkkrebs.

Für Infektionsmediziner Kim und seinen Kollegen Kee-Jong Hong vom koreanischen Pasteur-Institut ist allerdings noch immer rätselhaft, wie das Virus in Seoul sogar von einem Krankenzimmer in ein anderes auf demselben Gang gelangen konnte. Sie glauben nicht, dass die Viren den Weg durch die Luft zurücklegen. "Anderenfalls würde die Infektionsrate rapide steigen", sagt Hong. Wahrscheinlicher ist, dass die Pflegekräfte das Virus über die Korridore tragen. Es gebe zwar sehr gute Protokolle, die solche Verschleppungen verhindern sollen, sagt Kim, allerdings würden die Regeln viel zu oft vernachlässigt. Die Pflegekräfte würden sich zum Beispiel nur bei etwa 50 bis 70 Prozent ihrer Patientenkontakte die Hände waschen. Das sei bislang nicht flächendeckend kontrolliert worden. Inzwischen habe sich das Bewusstsein gewandelt, sagt Hong: "Wir haben die erste Chance verpasst, das Virus einzugrenzen, aber nun wird alles Notwendige getan." Fast 3000 Menschen, die mit Infizierten in Kontakt waren, stehen derzeit unter Beobachtung. Plakate warnen vor dem Virus und erklären, dass Handhygiene im Augenblick die sinnvollste Schutzmaßnahme darstellt.

Vor allem beim Informationsfluss hapert es noch massiv. Erst in dieser Woche haben die Behörden die Namen der betroffenen Krankenhäuser bekannt gemacht, es hieß, so solle eine Panik vermieden werden. Die koreanische Seuchenschutzbehörde schloss ihren Twitter-Kanal wegen Überlastung. Ein großes Problem, findet Hong, denn über die Kanäle der sozialen Medien ließen sich viele Bürger erreichen. Am Mittwoch immerhin publizierte die Behörde eine Website mit aktuellen Informationen zu Fallzahlen, betroffenen Krankenhäusern und den sonstigen Entwicklungen.

Nachdem es so lange gedauert hat, bis die Behörden aktiv geworden sind, verfielen sie plötzlich in Aktivismus. Über 2000 Schulen wurden geschlossen. Dabei ist beim Ausbruch von Seoul bislang noch keine einzige Übertragung außerhalb eines Krankenhauses gemeldet worden. Wo die Schulen nicht geschlossen wurden, besteht mancherorts für die Schüler Pflicht, einen Mundschutz zu tragen. Das Kamel des Seouler Zoos wurde weggesperrt. Kim und Hong kritisieren diese Maßnahmen nicht offen, sie bewerten sie allerdings auch nicht positiv – vielleicht ein diplomatischer Weg, um auszudrücken, dass sie es für keine gute Idee halten.

Schlechte Informationspolitik

Viele Experten kritisieren auch, dass die Regierung noch immer nicht deutlich sagt, wie unnütz es ist, sich auf der Straße durch eine Papiermaske schützen zu wollen. Einerseits halten einfache Masken kaum Viren ab, andererseits kam es bislang außerhalb von Krankenhäusern kaum zu MERS-Infektionen, aus Seoul ist noch gar keine bekannt. Und solange ein Infizierter noch nicht so krank ist, dass er zum Arzt geht, ist er wahrscheinlich auch nicht besonders ansteckend. Kim sagt zu den Masken nur, dass man besser eine tragen sollte, wenn man glaube, sich infiziert zu haben und auf dem Weg zum Arzt sei. Die Maskenträger in Seoul fallen allerdings vor allem westlichen Beobachtern auf, die diesen Anblick höchstens vom Arztbesuch kennen. In Korea ist Maskentragen durchaus üblich, etwa in der Grippesaison oder bei den Sandstürmen, die regelmäßig über das Land fegen.

Dass man bislang so wenig über das Virus weiß, liegt daran, dass es erst vor drei Jahren entdeckt wurde. Bei einem Mann aus Saudi-Arabien hatte es zu einer schweren Atemwegsinfektion und schließlich zu Nierenversagen geführt. Seither gab es einige größere Ausbrüche in Ländern auf der Arabischen Halbinsel, bei denen der Erreger auch außerhalb einer Klinik übertragen wurde. Auf etwa drei Prozent beziffert Kim diesen Anteil der Fälle in den früheren Ausbrüchen. Es sei nicht auszuschließen, dass solche Fälle auch in Korea auftreten, er hält es allerdings für nicht sehr wahrscheinlich.

Am Dienstag hatten die Behörden noch verkündet, dass vermutlich bald das Schlimmste überstanden sei, nachdem die Zahl der neuen Fälle vorübergehend etwas langsamer angestiegen war. Hong sagt, es könne noch ein halbes Jahr dauern, bis dieser Ausbruch voll unter Kontrolle ist. "Ich hoffe, dass die Regierung aus dem Ausbruch lernt und bei zukünftigen Ausbrüchen besser vorbereitet ist. Hätten wir uns früher um MERS gekümmert, wären wir jetzt schon weiter."

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte