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Autismus: Hilfreiche Wörter

Selbstgespräche können Autisten helfen, alltägliche Aufgaben leichter zu bewältigen.
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Als Kinder neigen wir dazu, leise Selbstgespräche zu führen, um unsere Gedanken zu bündeln und eine Aufgabe besser bewältigen zu können. Im Laufe des Erwachsenwerdens verstummen die Monologe meist, aber wir denken weiterhin, was wir vorher laut ausgesprochen hätten. Forscher um David Williams von der Durham University (Großbritannien) haben nun herausgefunden, dass Autisten oft auf Selbstgespräche verzichten, wenn sie komplexe Probleme lösen müssen. Dabei könnte das Denken in Worten ihnen helfen, flexibler zu handeln und alltägliche Aufgaben besser zu bewältigen

Um herauszufinden, welchen Einfluss Sprache auf das Denken hat, führten Williams und seine Kollegen zwei Experimente mit erwachsenen Autisten und einer nichtautistischen Kontrollgruppe durch. Im ersten Versuch sollten die Probanden sich verschiedene Bilder merken, die auf einem Computerbildschirm auftauchten. Dabei störten die Wissenschaftler die Denkprozesse der Teilnehmer, indem sie sie immer wieder die Worte "Dienstag" oder "Donnerstag" vor sich her sagen ließen. Durch diese Ablenkung hatten sowohl die Autisten als auch die Kontrollgruppe Schwierigkeiten, die Bilder in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben.

In einem ähnlichen Versuchsaufbau konfrontierten die Forscher die Probanden schließlich mit dem so genannten Tower-of-London-Test. Dabei sollten die Teilnehmer mit fünf verschieden großen farbigen Scheiben, die beliebig auf zwei Stäben gestapelt waren, durch Ablegen jeweils einer Scheibe auf einem dritten Stab eine bestimmte Zielkonstellation erreichen – und zwar in möglichst wenigen Zügen.

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Tower-of-London-Test | Bei dem Planungstest müssen die verschieden Scheiben so von links nach rechts transportiert werden, dass sich aus der unteren die obere Konstellation ergibt – und zwar mit so wenig Zügen wir möglich.

Auch hier mussten die Probanden ständig die Worte "Dienstag" oder "Donnerstag" wiederholen, während sie den Planungstest in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden absolvierten. Fast alle nichtautistischen Probanden scheiterten mit dieser Ablenkung an der Aufgabe. Die Autisten dagegen ließen sich weit weniger durch die Wortstörungen beeinträchtigen.

Wie die Forscher aus ihren Beobachtungen schließen, lösen Autisten zwar Gedächtnisaufgaben, indem sie wie nichtautistische Menschen in Worten denken – zur Entwicklung komplexer Planungsstrategien reden sie aber offenbar nicht mit sich selbst. Andere Studien deuten bereits darauf hin, dass Autisten eher bildlich denken. Die Forscher raten daher, autistische Kinder von klein auf zu ermutigen, innere Monologe zu führen. Diese Veränderung der Denkweise könnte ihnen später helfen, sich im Alltag besser zurechtzufinden.

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  • Quellen
Dev. Psychopathol. 24, S. 225–239, 2012

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