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Mikrochimärismus: Hilfreicher Transfer

In der Schwangerschaft teilen Mutter und Kind nicht nur den Körper, sondern die Mutter spendet ihrem Nachwuchs auch Zellen. Doch ist das nützlich, oder verursachen diese Fremdkörper dort vielmehr Autoimmunkrankheiten?
Die Bindung von Mutter und Kind ist enger, als manch einer annehmen mag. Zwar zielt die Mutter-Kind-Bindung letzten Endes darauf ab, den Nachwuchs für das Leben fit zu machen und ihn schließlich in die Selbstständigkeit zu entlassen, doch ganz am Anfang sind sich Mutter und Kind so nah, dass sie quasi eine Einheit bilden: während der Schwangerschaft.

In diesem Zeitraum übernimmt die Mutter für das Kind das Atmen und Essen und führt ihm alles Lebensnotwendige mit dem Blut zu. Dabei spendet sie dem Abkömmling nicht nur Nahrung, sondern gibt ihm auch von den eigenen Körperzellen ab: In Kindern lassen sich Zellen der Mutter finden, selbst dann noch, wenn der Nachwuchs inzwischen erwachsen ist – ein Phänomen, das als Mikrochimärismus bezeichnet wird.

Der Sinn dieses Zellentransfers ist noch nicht geklärt. Auf der einen Seite steht er im Verdacht, eher schädlich zu sein und beim Kind Autoimmunkrankheiten wie Typ-1-Diabetes zu verursachen. Denn entdeckt wurde der mütterliche Mikrochimärismus vor mehr als zwanzig Jahren bei Kindern mit Immundefiziten. Auf der anderen Seite tragen aber auch vollkommen gesunde Menschen jeden Alters mütterliche Zellen in sich, und umgekehrt beherbergt die Mutter Zellen ihrer Kinder in ihrem Körper. Schädlich oder harmlos, das ist hier also die Frage.

Eine Antwort darauf fand nun Lee Nelson vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle zusammen mit ihrem Team. Nelson vermutete, dass während der Schwangerschaft manchmal möglicherweise zu viele mütterliche Zellen zum falschen Zeitpunkt in den Fetus wandern und dort letztendlich Typ-1-Diabetes auslösen.

Um diese Annahme zu überprüfen, durchsuchten die Forscher das Blut von 94 Typ-1-Diabetikern, 54 gesunden Geschwistern und 24 nicht verwandten Gesunden nach mütterlichen Zellen. Es zeigte sich, dass die Diabetiker deutlich mehr Fremdzellen in sich trugen als die Gesunden, egal, ob verwandt oder nicht.

Um herauszufinden, in welcher Verbindung diese Zellen nun tatsächlich mit Diabetes stehen, suchten die Wissenschaftler dann gezielt in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) von vier verstorbenen Jungen nach mütterlichen Zellen – und wurden fündig. Ein Kind, das an Diabetes Typ 1 gelitten hatte, trug mehr mütterliche Zellen in sich als die anderen drei Kinder, wobei zwei nur wenige Wochen nach der Geburt verstorbene Jungen deutlich weniger weibliche Pankreaszellen hatten als die beiden älteren.

Das Überraschende daran: Die Zellen der Mutter hatten sich in den beiden älteren Kindern vermehrt – besonders stark bei dem an Diabetes erkrankten Jungen – und waren nun Insulin produzierende Betazellen.

"Wir denken, dass die mütterlichen Zellen dabei helfen könnten, geschädigtes Pankreasgewebe zu reparieren"
(Lee Nelson)
Demnach sind die mütterlichen Zellen also – anders als vermutet – keineswegs schädlich, sondern haben eine positive Wirkung. "Wir denken, dass die mütterlichen Zellen dabei helfen könnten, geschädigtes Pankreasgewebe zu reparieren", sagt Nelson. "Das Kind ist wahrscheinlich gegenüber den halb passenden Zellen der Mutter tolerant, weil das Kind die Zellen während der fetalen Phase bekommen hat, als sich sein Immunsystem noch entwickelte."

So prägt der mütterliche Zellentransfer den Sprössling ein Leben lang. Und die Wissenschaftler hoffen, dass der Mikrochimärismus einmal zur Behandlung von Typ-1-Diabetes eingesetzt werden kann.
23.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23.01.2007

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