Direkt zum Inhalt

Hirngesundheit: Wie der Job das spätere Demenzrisiko beeinflusst

Eine gute Schulbildung schützt vor Demenz, zeigen viele Studien. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Was es wirklich braucht, um kognitive Reserven aufzubauen.
Eine Person sitzt an einem Tisch und schaut konzentriert auf einen Laptop-Bildschirm. Neben dem Laptop liegen ein Smartphone und eine Brille. Im Hintergrund ist eine Küche zu sehen. Die Person trägt ein rosa Hemd und stützt den Kopf auf die Hände.
Bildung schützt vor allem deshalb vor Demenz, weil sie Menschen häufiger in geistig anspruchsvolle und »komplexe« Berufe führt, zeigt eine Studie.

Demenzprävention beginnt im Kindes- und Jugendalter. Das mag komisch klingen, ist unter Fachleuten aber längst Konsens. Je länger jemand zur Schule geht und je höher sein Bildungsabschluss, desto geringer das spätere Demenzrisiko. Das zeigen zahlreiche Arbeiten. Sie vermitteln den Eindruck, als gebe es dieses eine Fenster am Anfang unseres Lebens, diese eine Chance, eine Art geistigen Puffer aufzubauen, der uns später vor Verfall schützen soll. Und als endete diese Chance mit dem letzten Zeugnis.

Diese Vorstellung ist womöglich nicht nur vereinfacht, sondern falsch. Darauf deutet eine im Fachjournal BMC Psychiatry veröffentlichte Studie hin, für die drei Forscherinnen Daten aus Großbritannien von rund 384 000 Menschen ausgewertet haben.

In ihrer Analyse wollten die Forschenden herausfinden, ob und wie genau Bildung das spätere Demenzrisiko der Probanden beeinflusste. Ist wirklich allein entscheidend, wie lange jemand zur Schule gegangen ist? Oder ließen sich Effekte auf das spätere Demenzrisiko, die man aus älteren Studien kannte, womöglich damit erklären, dass sich Menschen mit höherer Bildung im Schnitt gesünder verhalten, etwa weniger rauchen oder trinken? Und dass sie mehr Geld verdienen oder andere Jobs machen?

Kurzum: Ist es gar nicht die Schulbildung selbst, sondern was aus ihr im Leben folgt, das vor Demenz schützt?

Ein 20 Prozent geringeres Demenzrisiko

Für solche Fragen sind die verwendeten Daten ein wahrer Schatz. Sie stammen aus der UK-Biobank, einer weltweit nahezu einzigartigen Datenbank, die Informationen von Hunderttausenden Patienten enthält. Aus ihnen lässt sich beispielsweise ablesen, wie lange jemand zur Schule gegangen ist, wie hoch sein Einkommen ist, welchen Job er hat, ob er trinkt, raucht oder an Diabetes oder Bluthochdruck leidet. Mit den Daten lässt sich auch das Schicksal jedes Einzelnen fünfzehn Jahre lang nachverfolgen. Und sie zeigen, ob die Person im Laufe ihres Lebens eine Demenz entwickelt hat.

Anhand dieser Daten stellten die Forscherinnen fest: Menschen, die über ihr sechzehntes Lebensjahr hinaus zur Schule gingen, hatten später im Mittel ein um 20 Prozent geringeres Risiko, eine Demenz zu entwickeln, als jene, die kürzer zur Schule gegangen sind. So weit nichts Neues, das passte zur altbekannten These: Längere Bildung führt zu besserem Schutz.

Als die Forscherinnen aber statistisch ermittelten, ob nicht andere Faktoren den Zusammenhang erklären könnten, machten sie eine bemerkenswerte Entdeckung. Bildung schützte demnach vor allem deshalb vor Demenz, weil sie die Probanden häufiger in geistig anspruchsvolle und, wie es in der Studie heißt, »komplexe« Berufe führte. Der Faktor Arbeit erklärt der Studie nach über 70 Prozent des schützenden Bildungseffekts auf das Gehirn.

Experten sehen darin eine ermutigende Botschaft: »Mit dem letzten Zeugnis ist also noch nichts verloren«, sagt der Psychologe und Epidemiologe René Thyrian, der am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Greifswald forscht. »Für unsere Hirngesundheit scheint es viel wichtiger zu sein, was wir danach tun. Dass wir uns ein Leben lang geistig fordern«, sagt er.

Diese Erkenntnis wirft allerdings Fragen auf: Wie genau muss eine Arbeit sein, um als komplex und gut für die Hirngesundheit zu gelten? Und wie genau schützt sie im Hirn vor einer Demenz?

Wie geistige Arbeit das Gehirn verändert

»Das ist eine Schwäche dieser Arbeit«, sagt Thyrian. Sie teile alle Jobs letztlich in nur zwei Kategorien ein. Managerjobs, in denen Menschen mehr Verantwortung für andere tragen, gelten als komplexer. Dazu zählten beispielsweise Lehrer, Ärzte oder Juristen. Dem gegenüber stehen in der Studie die anderen Jobs, etwa in der Fertigung, im Bau oder an der Kasse. »Die Unterscheidung ist so grob, dass sie vieles außen vor lässt«, sagt Thyrian. Wechseln etwa Menschen, die Autos zusammenschrauben, alle paar Wochen ihre Stationen – oder machen sie den immer gleichen Arbeitsschritt?

Auch wenn sich anhand der aktuellen Studie nicht genau beantworten lässt, wie ein Job das Gehirn fit hält, gibt es doch Hinweise aus älteren Arbeiten. Gut sind demnach abwechslungsreiche Tätigkeiten, die einen geistig fordern und mit Menschen in Kontakt bringen. Schlecht sind jene, die uns entweder dauerhaft überfordern und unter Stress setzen oder in denen wir immer wieder das Gleiche tun und der Kopf passiv herumdümpelt. Hetzt ein Arzt den ganzen Tag liegen gebliebenen Aufgaben hinterher? Oder kann er in einer gut organisierten Station in Ruhe alles Nötige abarbeiten?

Thyrian sagt, dass man mit diesen Kriterien so gut wie jeden Job »kognitiv stimulierend« gestalten kann, nicht nur Managerjobs. Mit regelmäßigen Fortbildungen, neuen Tätigkeiten oder Strukturen, die Überforderung verhindern, etwa weil ausreichend Personal vorhanden ist.

Es gibt erste Vermutungen, wie genau eine geistig fordernde Arbeit das Gehirn verändern könnte. In einer Studie maßen Forschende die Konzentration von knapp 5000 Proteinen im Blutplasma ihrer Probanden. Einige davon stammen aus dem Gehirn, wo sie beispielsweise daran beteiligt sind, zu regulieren, wo neue Synapsen sprießen, also neue Verknüpfungen zwischen Hirnzellen. Manche dieser Proteine stehen im Verdacht, die Neubildung auszubremsen. Wer einer geistig fordernden Tätigkeit nachging, hatte weniger dieser Bremsproteine im Blut. Was im Umkehrschluss heißt, dass sich schneller neue Verknüpfungen bilden könnten.

Diese Beobachtung passt zu einer der gängigsten Erklärungen, warum uns geistige Arbeit länger fit im Kopf hält. Sie sorgt dafür, dass sich neue Verknüpfungen im Gehirn bilden. Aus der Schlafmedizin weiß man, dass das Gehirn jeden Tag solche Verbindungen zwischen den Nervenzellen neu knüpft und überschüssige kappt, sobald wir nachts schlafen. Neuroplastizität nennen Forschende das. Wer regelmäßig Reize für neue Verknüpfungen setzt, dessen Hirn ist wahrscheinlich engmaschiger verdrahtet und arbeitet effizienter. Wenn nun im Rahmen von neurodegenerativen Erkrankungen wie einer Demenz Hirngewebe zugrunde geht, kann solch ein besser verknüpftes Gehirn das länger kompensieren. Experten nennen das »kognitive Reserve«.

Es muss nicht immer ein Kreuzworträtsel sein

All dem könnte man entgegenhalten, dass diese großen Arbeiten streng genommen nur einen Zusammenhang zeigen, der auch zufällig zustande gekommen sein kann – und nicht zwangsweise, dass die Art unserer Arbeit die Ursache für diese Veränderungen ist. Dass es sich also um eine Korrelation handelt und nicht um eine Kausalität. Doch es sind nicht nur die großen Zahlen, die das wahrscheinlich machen, sondern auch bestimmte Mechanismen.

Es gibt zum Beispiel eine Studie, für die Ärzte Demenzpatienten in zwei Gruppen aufteilten. In der einen machten Probanden regelmäßig Übungen, schulten ihre Sprache, das Gedächtnis, den Geruchssinn oder das Gehör – und all das zusammen mit anderen Patienten. Insgesamt zweimal pro Woche eine Stunde lang. Die Probanden der zweiten Gruppe machten nichts davon, sie dienten als Kontrolle.

Nach 16 solcher Übungssitzungen fertigten die Ärzte Hirnscans an und ließen alle Probanden eine Reihe an Tests absolvieren. Schon nach den wenigen Wochen konnten sie messbare Unterschiede zwischen den beiden Gruppen feststellen. Wer trainiert hatte, schnitt nicht nur in manchen Tests besser ab – seine Gehirnregionen, die für Lernen und Gedächtnis eine wichtige Rolle spielen, waren auch besser verknüpft. Es liegt nahe, dass ein Beruf, der den Geist über Jahre oder Jahrzehnte auf verschiedene Weise fordert, erst recht positive Spuren im Gehirn hinterlässt.

Und wie lässt sich diese Erkenntnis nun in den Alltag integrieren? Wie fängt man damit an, sich mehr zu fordern? »Dann heißt es immer: Macht doch mal ein Sudoku oder Kreuzworträtsel zwischendurch«, sagt Thyrian. »Aber das alles hilft ja nur, wenn man es wirklich in den Arbeitsalltag integrieren kann und es einem Spaß macht, sodass man dranbleibt.« Er rät: Abwechslung einbringen und Neues wagen, wo und wann es geht. Und Neues lässt sich auch in der Freizeit entdecken. »Tanzen ist zum Beispiel eine wunderbare Sache«, sagt er. Da müsse man sich unterhalten, darauf achten, sich nicht auf die Füße zu treten, und man komme sogar ins Schwitzen. Eine, wie Thyrian findet, »sehr komplexe Geschichte«, die übrigens nachweislich dazu führt, dass Hirnregionen wachsen, die für das Gedächtnis wichtig sind – und die Gedächtnisleistung sich verbessert.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

  • Quellen

Taylor, K. et al., BMC Psychiatry 10.1186/s12888–025–06619–4, 2025

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.