Neurowissenschaft: Hirnscans liefern Hinweise auf zwei verschiedene Formen von Autismus

Bei Versuchen mit Menschen und Mäusen im Hirnscanner fanden Forscherinnen und Forscher Anhaltspunkte für zwei verschiedene Arten von Autismus, die sich anhand der Hirnaktivität unterscheiden lassen. Beim ersten Typ sind die einzelnen Hirnareale schwächer miteinander vernetzt als bei Menschen ohne Autismus, beim zweiten hingegen stärker. Das berichtet das Team um Marco Pagani vom Italienischen Institut für Technologie im Fachmagazin »Nature Neuroscience«.
Die Gruppe untersuchte Mäuse mit Mutationen, die mit Autismus beim Menschen in Verbindung gebracht werden. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie entdeckte sie bei einigen der Nager eine geringere Zusammenarbeit zwischen diversen Hirnarealen, eine Hypokonnektivität, während andere eine stärkere neuronale Vernetzung aufwiesen, also eine Hyperkonnektivität.
Die Gene, die bei den Mäusen mit Hypokonnektivität mutiert waren, sind wichtig für die Funktion von Synapsen, den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen. Tiere mit Hyperkonnektivität wiesen hingegen Veränderungen an Genen auf, die an der Genregulation und an Immunprozessen beteiligt sind.
Danach fahndete das Team bei rund 1000 menschlichen Autisten und 1000 Nicht-Autisten nach entsprechenden auffälligen Mustern in der Hirnaktivität. Bei rund 8 Prozent der Autisten stieß es tatsächlich ebenfalls auf eine Hypokonnektivität im Gehirn, während 17 Prozent eine Hyperkonnektivität zeigten. Die übrigen 75 Prozent ließen sich in keine der beiden Gruppen einteilen.
Die Forscher gehen daher davon aus, dass es noch mehr Subtypen von Autismus geben könnte, die sich anhand der Hirnaktivität unterscheiden lassen. Möglicherweise stehen solche Formen der Neurodiversität mit Veränderungen an anderen Genen in Verbindung, die die Gruppe nicht untersucht hat. Allerdings ist die Aussagekraft von Tiermodellen bei Autismus ohnehin sehr begrenzt.
Fachleute suchen schon länger nach charakteristischen Signaturen im Gehirn von Autistinnen und Autisten. Bislang lieferten die Studien aber kein einheitliches Bild. Die Untersuchung von Pagani und seinen Kollegen stützt die These, dass es so etwas wie das eine Muster möglicherweise auch gar nicht gibt. Wahrscheinlich sind die Gehirne von Autisten so unterschiedlich, wie es auch die verschiedenen Ausprägungen von Autismus sein können.
Menschen mit Autismus oder autistische Menschen – wie heißt es richtig?
Die beiden großen internationalen Diagnosemanuale (DSM und ICD) zählen alle autistischen Störungen zu den Autismus-Spektrum-Störungen. Der Kürze wegen ist aber oft nur von Autismus die Rede. Doch auch der offizielle Begriff ist umstritten, weil er Autismus als Störung definiert. Viele Betroffene argumentieren, Autismus sei eine Variante in der Funktionsweise des Gehirns, und bezeichnen sich als neurodivergent. Manche bevorzugen dagegen Autist oder Autistin, andere wiederum Mensch mit Autismus-Spektrum-Störung. Die Vorlieben können sich auch von Land zu Land unterscheiden. Der Selbsthilfeverband Autismus Deutschland e.V. verwendet viele verschiedene Begriffe, zum Beispiel Autisten, Autist:innen, Menschen mit Autismus und autistische Kinder. Dem schließen wir uns an: Spektrum der Wissenschaft wechselt mehrere Begriffe ab, wie auch beim Gendern. So schreiben wir der Kürze halber in der Überschrift häufig nur Autisten, in längeren Texten auch Autistinnen und Autisten oder Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.
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