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Schädel-Hirn-Trauma: Kontaktsport macht die Blut-Hirn-Schranke dauerhaft durchlässiger

Eine Studie fand bei ehemaligen Athleten in Sportarten mit häufigen Kopferschütterungen noch viele Jahre nach Ende ihrer Karriere Lecks in der Blut-Hirn-Schranke. Die Gewebeschäden gingen einher mit andauernden Entzündungen und kognitiven Beeinträchtigungen.
Ein Rugbyspieler in einem gestreiften Trikot und Helm springt dynamisch durch die Luft, während er einen Rugbyball festhält.
Wiederholte Kopferschütterungen bei Sportarten wie Rugby erhöhen das Risiko für spätere neurodegenerative Erkrankungen.

Beim Sport erlittene Kopferschütterungen machen Menschen dann in fortgeschrittenem Alter für schweren Gedächtnisverlust und Demenz anfällig. Aber warum? Diese Frage gibt Fachleuten seit Langem Rätsel auf. Die Studie eines Teams um Chris Greene vom Trinity College Dublin liefert einen neuen Anhaltspunkt: Es entdeckte, dass die Schutzbarriere um das Gehirn noch Jahrzehnte nach Ende der Sportkarriere beschädigt sein kann. Die daraus folgende verstärkte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke löst offenbar eine lang anhaltende Immunreaktion aus, die kognitiven Verfall fördern könnte, so das Ergebnis der Studie.

Wer Langzeitfolgen von Kopfverletzungen untersuchen möchte, musste bislang oft sehr lange warten. Manche neurodegenerative Erkrankungen, darunter die chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE), ließen sich etwa nur im toten Gehirn sicher diagnostizieren, erklärt der Mitautor der Studie Matthew Campbell. Sein Team suchte deshalb nach Krankheitsmarkern, die sich bereits bei lebenden Menschen abzeichnen. Dazu nahm es die Blut-Hirn-Schranke in den Fokus – eine dichte Zellschicht, die jene Blutgefäße auskleidet, die das Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Die Barriere verhindert normalerweise, dass schädliche Substanzen aus dem Blut ins Hirngewebe gelangen.

Die Forschenden scannten die Gehirne von 47 ehemaligen Sportlern. Sie alle waren zuvor in Kontaktsportarten aktiv gewesen, die ein hohes Risiko für wiederholte Gehirnerschütterungen bargen. In solchen Disziplinen, zu denen Rugby und Boxen zählen, kommt es nämlich regelmäßig zu Schlägen gegen den Kopf. Das Team untersuchte außerdem eine Kontrollgruppe aus Nichtsportlern und Athleten, die Sportarten ohne ausgiebigen Körperkontakt ausgeübt hatten.

Löchrige Blut-Hirn-Schranke als Warnzeichen für kognitiven Verfall

Die Bildgebung offenbarte, dass die Blut-Hirn-Schranke der Kontaktsportler deutlich undichter war als die der Personen in der Kontrollgruppe – und das, obwohl die Sportler zum Zeitpunkt der Studie bereits seit durchschnittlich zwölf Jahren nicht mehr aktiv gewesen waren. Jene mit den umfangreichsten Schäden an der Barriere schnitten bei Gedächtnis- und kognitiven Tests zudem schlechter ab als Testpersonen mit weniger ausgeprägter Löchrigkeit. »Das war der erste Nachweis im lebenden Gehirn, dass die Blut-Hirn-Schranke bei Personen gestört ist, die wahrscheinlich an CTE leiden«, fasst Campbell die Ergebnisse zusammen.

Zwar existieren bereits Bluttests, die auf manche Hirnschäden hinweisen können. Sie erwiesen sich bei dieser Patientengruppe allerdings als wenig aussagekräftig. Ein genauerer Blick auf die Körperabwehr der Sportler offenbarte jedoch Warnzeichen. Im Blut von Probanden mit den größten Barriereschäden und dem stärksten kognitiven Verfall befanden sich vergleichsweise mehr entzündungsfördernde weiße Blutkörperchen. Zudem enthielt es weitere Biomarker, die auf eine Immunaktivierung hindeuteten. »Es sah so aus, als befänden sich die Sportler dauerhaft in einem hyperinflammatorischen Zustand«, erläutert Campbell.

Die Entdeckung lässt darauf hoffen, dass Hirnscans eines Tages dabei helfen könnten, Menschen mit hohem Risiko für schwere Hirnerkrankungen zu identifizieren, schreiben die Autoren. Sie böte Wissenschaftlern zudem einen potenziellen Ansatzpunkt für Therapien, um dieser Art von Neurodegeneration vorzubeugen. Das Team will seine Erkenntnisse nun an einer größeren Patientengruppe überprüfen. Campbell weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die bisherigen Tests nur wenige Frauen einbezogen hatten. Sie machten insgesamt 7 von 62 Sportlern und Kontrollteilnehmern aus – das läge daran, so erklärt er, dass es derzeit noch deutlich weniger ehemalige Athletinnen als Athleten in den entsprechenden Sportarten gäbe.

Die Gefahren durch bestimmte Sportverletzungen sollten Menschen keinesfalls von körperlichen Aktivitäten abhalten, betont der Forscher. »Sport zu treiben ist unglaublich gesund für das Gehirn«, kommentiert er. »Die Art von Schäden, die wir sehen, entsteht durch lang anhaltende Belastung – es sind kumulative Kopfverletzungen, die besorgniserregend sind.«

  • Quellen
Greene, C. et al.: Science Translational Medicine 18, 2026

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