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Essstörungen: Hirnschrittmacher für Anorexiepatienten

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Schwere, bislang kaum therapierbare Fälle der Essstörung Anorexia nervosa können mit tiefer Hirnstimulation behandelt werden, hoffen Forscher vom Krembil Neuroscience Centre in Kanada. Sie untersuchten sechs Patientinnen, die an langjähriger, stark ausgeprägter Magersucht litten und bei denen herkömmliche Therapien nicht gewirkt hatten. Nicht nur konnten die Patientinnen im Lauf der Behandlung ihr Gewicht erhöhen und halten, auch ihre Stimmung verbesserte sich nachhaltig.

Anorexie geht mit starkem Untergewicht, übertriebener Angst vorm Dickwerden und ständiger Beschäftigung mit dem eigenen Körper und Selbstbild einher. Begleitet wird die Erkrankung oftmals von Niedergeschlagenheit und Perfektionismus. Häufig entstehen schwer wiegende gesundheitliche Folgeschäden wie etwa Herzrhythmusstörungen. Bis zu 20 Prozent der Patienten sprechen auf medikamentöse und psychologische Therapien nicht an, weshalb Mediziner verschiedene Alternativtherapien untersuchen. Dazu gehört auch die tiefe Hirnstimulation, die bereits in der Behandlung der Parkinsonerkrankung erfolgreich ist und zur Therapie von Epilepsie und chronischer Depression erforscht wird.

Die Wissenschaftler implantierten den Patientinnen Elektroden in die weiße Hirnsubstanz unterhalb des Corpus callosum. Über einen Impulsgeber reizen die Elektroden die Gehirnregion elektrisch und können somit die Aktivität dysfunktionaler Hirnschaltkreise beeinflussen. Der neurochirurgische Eingriff verlief unbedenklich, lediglich eine der sechs Patientinnen erlitt in Folge der Operation einen Krampfanfall. Da nur sechs Personen an der Studie teilnahmen, sind die Ergebnisse über Wirksamkeit und Risiken des Verfahrens vorläufig, die tiefe Hirnstimulation eignet sich derzeit also noch nicht zur breiten Anwendung in der Anorexiebehandlung.

Dennoch glaubt der Neurochirurg Andres Lozano, dass die tiefe Hirnstimulation einen therapeutischen Nutzen hat, der über den Placeboeffekt hinausgeht: "Besonders überraschend ist der Befund, dass anhaltend untergewichtigen Patienten Verbesserungen in Stimmung und Ängstlichkeit zeigten, denn bekanntlich sprechen gerade untergewichtige Patienten äußerst schlecht auf konventionelle Therapieverfahren an." Die tiefe Hirnstimulation wirkt, indem sie krankheitsaufrechterhaltende Faktoren unterbricht, denn gehobene Stimmung und stabilisierte Emotionsregulation schaffen die Voraussetzung, damit auch herkömmliche Psychotherapien ansetzen und wirken können, meinen die Forscher.

11. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11. KW 2013

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