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Hitze und Dürre: Geht uns bald das Wasser aus?

Alle schauen auf die brutale Hitzewelle, die Deutschland seit ein paar Tagen im Griff hat. Dabei baut sich im Hintergrund ein Problem auf, das das Land noch länger beschäftigen wird.
Ein langer, schmaler Steg erstreckt sich über eine kiesige Fläche unter einem blauen Himmel mit weißen Wolken. Zwei Personen stehen am Ende des Stegs, während im Hintergrund eine Berglandschaft sichtbar ist. Der Fokus liegt auf den Kieselsteinen im Vordergrund, die eine raue Textur zeigen.
Der Pegelstand des Chiemsees am Priener Hafen liegt momentan bei 517,97 Meter über dem Meeresspiegel – Tendenz fallend. Das ist nur minimal mehr als der diesjährige Tiefstand Ende Mai 2026, als dieses Bild aufgenommen wurde. Der Normalstand liegt 60 bis 70 Zentimeter höher.

Deutschland erlebt eine extreme und wahrscheinlich historische Hitzewelle. Seit einigen Tagen steigen die Temperaturen fast überall auf mehr als 30 Grad Celsius, im Südwesten sogar auf mehr als 35 Grad. Am Oberrhein hält die Hitzewelle bereits länger als eine Woche an, nachts kühlt es in den Großstädten nicht mehr unter 20 Grad ab – und der Höhepunkt steht erst noch bevor. An diesem Wochenende, 27. und 28. Juni 2026, wird es in Deutschland brutal heiß, 40 Grad und mehr sind möglich. Meteorologen rechnen mit neuen Rekordwerten. Und sogar ihnen verschlägt es die Sprache, wenn sie in die Wetterkarten schauen. Solche Werte, mit flächendeckend 41 und 42 Grad, haben selbst erfahrene Meteorologen hierzulande noch nie gesehen.

Die Lage ist also alles andere als normal. Weder ist das »einfach bloß Sommer«, wie mancher in den sozialen Netzwerken meint, noch handelt es sich um eine gewöhnliche Hitzewelle, wie sie Mitteleuropa jedes Jahr erlebt. Die aktuelle Hitzewelle ist auch nicht einfach außergewöhnlich oder extrem, sie ist historisch. Viele Meteorologen haben diesen Begriff in dieser Woche verwendet, und den wenigsten von ihnen kann nachgesagt werden, sie seien Alarmisten oder Apokalyptiker. Sie wissen um die Tragweite von Superlativen. Und deshalb richten sie ihren Blick auf die kommenden Monate, die nicht nur von Hitze, sondern auch von extremer Trockenheit geprägt sein könnten. Dieses Problem baut sich im Hintergrund gerade beinahe unbemerkt auf.

Die Fakten: Eine derart heiße Luftmasse hat sich im Juni noch nie auf den Weg nach Mitteleuropa gemacht. Noch nie in der Aufzeichnungsgeschichte des Wetters seit dem Jahr 1881 ist es so früh so lange heiß geworden. Und noch nie sind 40 Grad im Juni überschritten worden. Am Samstag rechnen die Meteorologen im Westen und Südwesten mit Temperaturen von 40 Grad und mehr, am Sonntag trifft es dann den Osten. Und sehr wahrscheinlich wird sogar der Allzeit-Hitzerekord von 41,2 Grad fallen. So heiß wurde es Ende Juli 2019 in Duisburg und Tönisvorst – also zu einem Zeitpunkt im Jahr, zu dem statistisch auch die heißesten Werte erwartet werden. Und nicht schon Ende Juni.

El Niño hat keinen Einfluss auf die derzeitige Hitze

Klimaforscherinnen und -forscher der World Weather Attribution haben soeben eine erste Analyse der Hitzewelle veröffentlicht. Ihr Fazit ist eindeutig: Ohne den Klimawandel hätte es diese Gluthitze im Juni nie gegeben. Zudem ist sie heute zehnmal so wahrscheinlich wie im Jahrhundertsommer 2003. Und auch die Schwüle in zahlreichen europäischen Städten ist beispiellos. El Niño spielt dabei allerdings keine Rolle, halten die Forscher fest.

Europa erwärmt sich von allen Kontinenten am stärksten – und trocknet auch am schnellsten aus. Das haben Hydrologen anhand von Daten der beiden Grace-Satelliten herausgefunden, die das Schwerefeld der Erde überwachen und damit Wasserschwankungen auf den Landmassen sichtbar machen. Um zweieinhalb bis drei Grad hat sich der Kontinent seit Beginn der Industrialisierung erwärmt. Damit liegt er über dem weltweiten Durchschnitt. Mittel- und Westeuropa sind die beiden Weltregionen, die seit Jahrhundertbeginn am meisten Wasser verloren haben. Und trotzdem herrscht in Deutschland weiterhin eine erstaunliche Sorglosigkeit im Umgang mit dem wertvollen Gut. Auch ein bundesweites Dürre-Frühwarnsystem gibt es hierzulande noch nicht.

»Es ist höchst ungewöhnlich, dass wir schon die zweite Hitzewelle dieses Jahres erleben, obwohl erst Juni ist«Erich Fischer, Klimaforscher

»Es ist höchst ungewöhnlich, dass wir schon die zweite Hitzewelle dieses Jahres erleben, obwohl es erst Juni ist«, sagt auch Erich Fischer, Klimaforscher an der ETH Zürich. Und nicht nur das: Die Hitzewelle pulverisiere zahlreiche Rekorde, obwohl sie schon so früh auftrete. Sehr auffällig sei zudem, dass diese Hitze stark durch eine sogenannte Subsidenz geprägt sei, meint Fischer. Bei diesem Phänomen sinken Luftmassen in einem Hochdruckgebiet großflächig ab. Beim Absinken wird die heiße Luft zusammengedrückt und heizt sich so zusätzlich auf. Am Boden erreicht sie dann extreme Temperaturen. Fataler Nebeneffekt: Da es ohne Temperaturunterschiede keinen Luftaustausch gibt, können sich keine Wolken bilden. Der Regen bleibt dadurch in Europa großflächig aus.

Die Folge lässt sich in vielen Regionen Europas beobachten, wie der EU-Klimadienst Copernicus Ende Mai zusammenfasste: Schon zu jenem Zeitpunkt waren die Böden in Teilen Frankreichs und Süddeutschlands sehr trocken. Dort, wo es besonders trocken ist, verstärkt sich der Effekt laut Fischer derzeit noch. Denn ausgedörrte Böden können das Land nicht mehr kühlen, was sie wiederum noch weiter austrocknet. Heiße Luftmassen können sich dadurch noch stärker erhitzen. Aktuell ist vor allem der Süden betroffen, wie der Dürre-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig zeigt. Sowohl im Oberboden als auch im tiefen Boden herrscht regional eine außergewöhnliche Dürre.

Regendefizit im Süden und Osten am größten

Das wundert angesichts der trockenen Vorgeschichte nicht. Seit einschließlich November 2025 habe Deutschland nur einen Monat mit überdurchschnittlich viel Regen erlebt, sagt Jan Weber, Meteorologe am Karlsruher Institut für Technologie. Lediglich der Februar brachte mehr Regen als gewöhnlich; insgesamt fielen im Winter nur 71 Prozent des durchschnittlichen Niederschlags.

Auch das Frühjahr fiel bundesweit viel zu trocken aus, verbreitet kamen nur gut zwei Drittel des üblichen Niederschlags zusammen. Überrascht sind die Forscher davon aber nicht: Seit etwa 20 Jahren zeigt der Niederschlagstrend zwischen März und Mai stark nach unten, in ganz Mitteleuropa herrscht beinahe jährlich Regenarmut. Mancherorts fehlten Ende Mai sogar 250 Liter Regen pro Quadratmeter, dementsprechend sei der Boden in der Tiefe eher trocken, sagt Weber. Besonders wenig Regen und Schnee fiel in den vergangenen Monaten im Schwarzwald, in Oberbayern und Niederbayern, teilweise auch in Sachsen und Brandenburg. Bundesweit ist das Regendefizit jetzt schon größer als in den Dürrejahren 2018 und 2022, analysiert Weber. 2025 war es zu diesem Zeitpunkt sogar noch größer. Damals half ein feuchter Juli, den Mangel auszugleichen.

Und jetzt? »Im Süden ist die Lage bereits sehr kritisch«, sagt Monica Ionita, Hydrologin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die derzeitige Hitzewelle werde die Dürre noch intensivieren. Zwar habe es in den vergangenen Monaten immer wieder geregnet, aber meistens viel zu wenig, um die Grundwasservorräte und tiefen Bodenschichten wieder aufzufüllen. Die Wasserbilanz ist also negativ. Man müsse jedoch Winter- und Sommerhalbjahr unterscheiden, sagt die Hydrologin: Im Winter fällt zu wenig Regen lange nicht ins Gewicht, weil wenig verdunstet und die oberste Bodenschicht daher trotzdem feucht bleibt. Das ändert sich, sobald die Sonne im Frühjahr höher steht. Zudem ziehen die Pflanzen mit dem Vegetationsbeginn verstärkt Wasser aus dem Boden – und Niederschlag fällt oft in Form von Starkregen, sodass er schlechter in den Boden einsickern kann. Im Sommerhalbjahr spielt daher die Verdunstung eine wichtige Rolle für die Wasserbilanz.

Vier Größen ergeben die Wasserbilanz: der gefallene Regen oder Schnee, der Abfluss, die Speicherung des Wassers im Boden – und die Verdunstung. Nur gesamtheitlich betrachtet zeigen sie, ob in einem Gebiet zu viel oder zu wenig Wasser vorhanden ist, doch oft wird die Verdunstung in der Bilanzrechnung unterschlagen. Häufig schauen Meteorologen nur, ob es zu wenig geregnet hat, denn die Verdunstung ist unsichtbar und daher nicht so intuitiv wie Regen – und sie lässt sich schwer messen und berechnen. Dabei ist sie vor allem in Europa oft die entscheidende Größe für Trockenheit und Dürre. Aus einem Quadratmeter Boden können an einem sonnigen Sommertag fünf Liter Wasser verdunsten. Der Klimawandel erhöht diesen Wassertransport in die Atmosphäre. Je wärmer und sonniger es wird, desto stärker steigt er.

Grundwassersituation bleibt angespannt

Eigentlich leben wir in Mitteleuropa in einem Klima mit einer positiven Wasserbilanz. In den meisten Monaten ist der Verbrauch durch Verdunstung und Transpiration der Pflanzen geringer als das Angebot, das der Regen zur Verfügung stellt. Einzig in den Sommermonaten kann die Wasserbilanz vorübergehend ins Negative kippen. Normalerweise ist das kein Problem, weil im Boden üblicherweise genügend Wasser gespeicher ist, das die negativen Bilanzen ausgleichen kann. Ist die Bodenfeuchte allerdings gering, bleibt die Wasserbilanz über längere Zeit negativ. Dann vertrocknen Pflanzen noch während der Wachstumsphase.

Solche Bedingungen waren lange Zeit die Ausnahme, mittlerweile werden sie im Sommerhalbjahr schon beinahe zur Regel. Die Dürre ist in Zeiten des Klimawandels beinahe zum Normalzustand geworden; die Vorstellung, dass wir ein wasserreiches Land wären, ist längst überholt. Von 2018 bis 2020 erlebte Europa eine für die letzten 250 Jahre beispiellose Hitze- und Trockenphase, schrieb eine Gruppe des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung im Mai 2022 in der Fachzeitschrift »Earth’s Future«. Dann folgte der Dürre- und Hitzesommer 2022.

Kommunen und Wasserversorger bitten die Bevölkerung bereits, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen

Der Aufruf der deutschen Behörden, Wasser zu sparen, entwickelt sich mittlerweile zum Ritual. Zahlreiche Kommunen und Wasserversorger bitten die Bevölkerung bereits, sparsam mit dem Trinkwasser umzugehen, darunter Großstädte wie München und Mainz. Pools und Planschbecken sollen leer bleiben, auf das Bewässern der Rasenflächen solle man verzichten. Stadt und Landkreis Osnabrück warnten am 23. Juni zudem vor sinkenden Grundwasserständen. Und auch bei den Oberflächengewässern macht sich die Dürre bemerkbar. Rhein und Mosel melden Niedrigpegel, der Bodenseepegel bei Konstanz liegt mit 3,33 Meter niedriger als üblich, zudem ist die Wassertemperatur am Messpunkt Lindau mit 26,1 Grad sehr hoch. Hydrologen befürchten Dürreschäden in Ökosystemen wie auch in der Landwirtschaft. Viele Kulturen sind in der frühen Wachstumsphase deutlich empfindlicher als im August.

Kurzfristig geht die historische Hitzewelle nächste Woche zu Ende. Aber viel Regen ist weiterhin nicht in Sicht. Und der Hochsommer steht erst noch bevor. Die Bodenfeuchte bleibt also gering, und auch die Grundwasserstände werden sich nicht erholen können. Die Dürre im Süden bleibt erhalten – und könnte sich im Juli und August erst richtig zuspitzen. Denn die langfristigen Aussichten sind nicht gut: Jan Weber rechnet weiterhin mit sehr trockenen und heißen Bedingungen, vor allem im August und September. Treffen die Vorhersagen so ein, »werden wir wieder einen Dürresommer erleben, der zumindest in die Richtung von 2018 und 2022 geht«, sagt Weber. Es könnte also sein, dass uns noch Schlimmeres bevorsteht.

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  • Quellen

Keeping, T. et al., WWA scientific reports, https://www.worldweatherattribution.org/wp-content/uploads/FINAL-WWA-Scientific-Report-European-Heatwave.pdf, 2026

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