Klimawandel: Warum sich Europa schneller erwärmt als andere Kontinente

Fünf Hitzewellen mit Temperaturen von über 40 Grad, verbreiteter Trockenheit und verheerenden Waldbränden hat Europa diesen Sommer erlebt. Doch selbst, wenn es sich nun endlich ein wenig abgekühlt hat: Auf dem Kontinent werden derart heiße Sommer wiederkommen, und das sogar deutlich schneller als im Rest der Welt. Denn in Europa steigen die Temperaturen durch den Klimawandel schneller an als in fast allen anderen bewohnten Regionen der Erde.
Das macht den eigentlich sehr ungewöhnlichen Sommer 2026 zu einer Warnung für die Zukunft. Zwar erwärmen sich auch Teile Nordamerikas, Nordasiens und des Nahen Ostens schnell, und mit im Mittel bis zu über 0,5 Grad Erwärmung pro Jahrzehnt ist Europa hier mindestens geteilter Rekordhalter. Bei den sommerlichen Extremwerten sticht der Kontinent aber heraus. Die durchschnittlichen Tageshöchstwerte stiegen 2,4-mal schneller als im globalen Durchschnitt, die Temperaturen an den heißesten Tagen aber sogar 3,3-mal so schnell. Zwar werden Hitzewellen überall länger und stärker, in Europa vollzieht sich dieser Trend aber drei- bis viermal schneller als in anderen Regionen der nördlichen Halbkugel.
Warum sich allerdings nahezu alle Weltregionen langsamer erwärmen als ausgerechnet Europa, war lange Zeit rätselhaft. Erst langsam wird klar: Gleich mehrere unterschiedliche Effekte sind dafür verantwortlich – und ein Teil des Problems ist jahrhundertealt.
Europas Landschaft fördert schnelle Erwärmung
Ein beträchtlicher Teil des Problems geht auf den Menschen zurück und darauf, wie er die Landschaft über Jahrzehnte und Jahrhunderte verändert hat. Wie eine Region auf den Klimawandel reagiert, hängt nämlich auch davon ab, wie die Landoberfläche dort aussieht. So heizen sich menschliche Siedlungen wie auch landwirtschaftlich genutzte Flächen in vielen Fällen schneller auf als naturbelassene Gebiete. Gebäude und Straßen speichern Hitze, sodass sich besonders in den Hitzeinseln der Städte die Luft nachts langsamer abkühlt.
Im dicht besiedelten und intensiv genutzten Europa sind außerdem in den letzten Jahrhunderten große Teile der Landschaft systematisch entwässert worden. Die Konsequenzen sieht man 2026. Durch die fehlenden Wasserreserven werden Dürren und große Brände wahrscheinlicher, zudem fallen die Flusspegel bei Trockenheit und Hitze schneller. Eine wasserärmere Landschaft verschärft aber auch direkt Hitzeperioden im Sommer.
Oberflächenwasser kann verdunsten und so große Mengen an Sonnenwärme aufnehmen. Die enormen Energiemengen, die es braucht, um Wasser vom flüssigen in den gasförmigen Zustand zu bringen, können dann nicht mehr die Temperatur der Luft erhöhen. Damit hat Feuchtigkeit einen starken kühlenden Effekt. Umgekehrt steigt die Temperatur direkt über trockenen Böden an. Dadurch verstärken sich Trockenheit und Hitze oft gegenseitig. Europas ungewöhnliche Erwärmung durch den Klimawandel hat also eine 2000-jährige Vorgeschichte der Entwässerung.
Europa hat ein arktisches Problem
Ein zweiter Treiber der Erwärmung ist die Luftverschmutzung, die bis an den Beginn der von Europa ausgehenden industriellen Revolution zurückreicht. Dass die Luft seither deutlich sauberer geworden ist, beeinflusst nun Europas Klima auf unvorhergesehene Weise. Eigentlich ist das eine gute Nachricht. Die schwefelhaltigen Aerosole aus der Verbrennung von Öl und Kohle verursachten Gesundheitsschäden bei Menschen und der saure Regen schadete dem Wald. Gleichzeitig allerdings warfen die feinen Schwebteilchen einen Teil der Sonnenstrahlung zurück und förderten die Wolkenbildung. Europa kühlte dadurch ab. Mit der verbesserten Luftqualität bekommt Europa jetzt aber die vollen Auswirkungen des Klimawandels zu spüren. Und auch dieser Effekt ist im Sommer am stärksten, wenn am meisten Sonnenstrahlung eintrifft.
Doch die außergewöhnlich schnelle Erwärmung Europas lässt sich nicht allein an Prozessen festmachen, die lokalen Ursprungs sind. Ebenfalls bedeutend sind etwa großräumige Veränderungen des Klimasystems. Besonders wichtig dabei sind zwei benachbarte Regionen: die Arktis und der Atlantik. Die Regionen nördlich des Polarkreises heizen sich im globalen Maßstab bei Weitem am schnellsten auf – um bis zu ein Grad pro Jahrzehnt. Da die Bevölkerungszentren Europas ein ganzes Stück weiter nördlich liegen als vergleichbar dicht besiedelte Regionen Nordamerikas und Asiens, macht sich diese Aufheizung bei uns bemerkbar.
Zum Erwärmungstrend in Europa tragen deswegen auch Mechanismen bei, die eigentlich nur die Polargebiete betreffen. Weil Schnee und Meereis im Norden schwinden, wird weniger Sonnenstrahlung zurück ins All geworfen und mehr Energie aufgenommen. Gleichzeitig verändern sich die atmosphärischen Strömungen. Dadurch nimmt der kühlende Einfluss der nördlichen Lage Europas ab. Nicht zuletzt liegt in Europa selbst im Winter mittlerweile deutlich weniger Schnee. Die zusätzlich absorbierte Sonneneinstrahlung führt dazu, dass die Temperaturen im Frühjahr schneller und früher steigen und dauerhafte Hochdruckgebiete statt winterlicher trockener Kälte schon im April Wärme bringen.
Mehr Hitze kommt auch vom Meer
Der Nordatlantik, die zweite benachbarte Region, spielt eine wesentliche Rolle für das allgemeine Klima in Europa. Er sorgt durch den Wärmetransport der Atlantischen Umwälzzirkulation, kurz AMOC, für das ungewöhnlich milde Klima und beeinflusst durch jahre- und jahrzehntelange atmosphärische Zyklen wie die Nordatlantische Oszillation direkt das Wetter in Europa. Die große Wassermasse puffert zudem Temperaturschwankungen ab und liefert Feuchtigkeit, sodass heiße und trockene Bedingungen vor allem dann auftreten, wenn ein stationäres Hochdruckgebiet den Einfluss des Ozeans fernhält. Gleichzeitig erwärmt sich der Nordatlantik im Klimawandel deutlich. Vermutlich trägt das ebenfalls zum Erwärmungstrend im benachbarten Europa bei; wie groß dieser Einfluss ist, ist allerdings derzeit noch unklar.
Eine wichtige Rolle spielt der Atlantik aber bei den veränderten atmosphärischen Strömungen insgesamt auf der Nordhalbkugel. Sie tragen schon jetzt häufiger warme Luftmassen vom Atlantik vermehrt in die Arktis – was Europa indirekt beeinflusst – und sind auch an sommerlichen Hitzewellen beteiligt, die in Europa häufiger, länger und intensiver werden. Ein zentraler Faktor nämlich für solche überdurchschnittlich heißen Perioden ist der Jetstream, jenes Windband in großer Höhe, das die Wettersysteme Europas von West nach Ost steuert – oder eben nicht.
Denn wenn sich der Jetstream ungewöhnlich verhält, kann er ein Hochdruckgebiet lange unbeweglich über Europa festhalten. Solche Wettermuster treten auf, wenn der Jetstream entweder stark geschwungen oder in einen nördlichen und einen südlichen Ast aufgeteilt ist. In solchen blockierten Situationen wird ein Hochdruckgebiet quasi im Jetstream eingeklemmt – entweder in der Schlaufe oder zwischen den beiden Ästen der Strömung. Lange Zeit war umstritten, ob solche blockierten Wetterlagen zunehmen. Aktuelle Forschungsarbeiten deuten jedoch darauf hin, dass Perioden mit gespaltenem Jetstream über Europa häufiger vorkommen und länger andauern werden.
In einem solchen Hochdruckgebiet sinkt die Luft nur sehr langsam ab, sodass sich kaum Wolken bilden, nur leichter Wind weht und keine kühle Luft vom Meer einströmen kann. Halten diese Bedingungen im Sommer länger an, weil die Wettersysteme blockiert sind, bildet sich ein Hitzedom. Entsprechend sind solche Jetstream-Muster statistisch eng mit Hitzeextremen in West- und Zentraleuropa verbunden. So fanden die schweren Hitzewellen 2003 und 2010 während derartiger Jetstream-Zustände statt.
Warum warme Sommer heute anders sind als früher
Bisher ist allerdings umstritten, ob die beobachteten Veränderungen des Jetstreams auf den Klimawandel zurückgehen oder ob natürliche Zyklen im Nordatlantikraum eine Rolle spielen. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass einerseits der sinkende Temperaturunterschied zwischen Arktis und mittleren Breiten, andererseits Prozesse in der Arktis selbst entscheidend daran beteiligt sind, dass der Jetstream häufiger Hitzewellen bringt.
Nicht zuletzt verändern sich auch die Hitzewellen selbst. Ein besonders heißer Sommer sieht heutzutage ganz anders aus als sein Gegenstück in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser unerwartete Effekt kam in einer aktuellen Untersuchung zutage: Wir haben heute nicht nur mehr besonders warme Tage als in vorindustrieller Zeit, sie treten auch häufiger nacheinander auf. Durch dieses »Clustering« sind die heißen Phasen im Mittel etwa acht Prozent länger als vergleichbare historische Wärmeperioden.
In Extremsommern, die beim derzeitigen Klima etwa einmal in 100 Jahren auftreten, sind die Hitzeperioden demnach sogar 30 Prozent länger. Und auch Europas Lage hoch im Norden, historisch eher ein kühlender Faktor, ändert unter den aktuellen Bedingungen sein Vorzeichen. Die Tage sind im Sommer sehr lang, sodass die Sonne 16 Stunden und mehr am Tag scheint. Die kurzen Nächte bringen zugleich weniger Abkühlung, sodass sich gerade längere Hitzeperioden besonders erbarmungslos anfühlen.
Vor allem dank der warmen Sommer ist Europa nun also bei steigenden Temperaturen, was es sonst kaum noch irgendwo ist: Weltspitze. Wirklich darüber freuen kann man sich nicht, denn die zunehmende Sommerwärme geht, wie der Sommer 2026 gezeigt hat, bereits heute über angenehmes Badewetter weit hinaus. Sie macht extreme Hitzeperioden wahrscheinlicher, die schon jetzt direkt menschliche Gesundheit, Nahrungsversorgung und Wirtschaft bedrohen. Und da kommt noch mehr – schneller als irgendwo sonst auf dem Planeten.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.