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News: HIV beherrscht sowohl die Offensive als auch die Defensive

Um ihr eigenes Überleben zu sichern, nutzen HI-Viren eine sehr clevere Spielstrategie. Mit ein und demselben viralen Protein schicken sie nicht infizierte Immunzellen in den programmierten Selbstmord, schützen aber die von ihnen besetzten Zellen vor genau diesem Prozess. Die ungestörte Vermehrung ist somit gesichert. Gelänge es den Forschern, diese Taktik zu untergraben, könnten die Viren sich nicht mehr vollständig reproduzieren und würden eventuell das Spiel verlieren.
Herkömmliche Therapien gegen HIV konzentrieren sich hauptsächlich auf die Hemmung enzymatischer viraler Proteine. So werden etwa Integrase-Hemmer eingesetzt, um den Viren ihren Einbau ins menschliche Genom zu erschweren. Oft kombinieren Ärzte dieses Medikament mit Protease-Inhibitoren, die auf einer zweiten Ebene in den Reproduktionszyklus der Viren eingreifen. Doch die bislang verfolgten Therapien sind nicht wirksam genug, und so verfolgen Forscher nun einen völlig anderen Weg, um den Viren das Wasser abzugraben.

Die tödlichen Viren verdanken ihre erfolgreiche Vermehrung im menschlichen Immunsystem einer doppelten Strategie. So zwingen sie einerseits Immunzellen, die einer infizierten Zelle benachbart sind, in den programmierten Selbstmord – die Apoptose –, schützen aber die von ihnen besetzten Wirtszellen vor dem tödlichen Untergang. Ermöglicht wird dies durch das von ihnen mitgebrachte virale Protein Nef. "Es ist ein ziemlich bemerkenswertes Beispiel der cleveren Strategie, die das HI-Virus verwendet, um sein Überleben und Verbreiten zu sichern", sagt Warner Greene von der University of California in San Francisco. Während Nef die benachbarten Zellen in die Apoptose treibt, bildet es in den Wirtszellen einen überlebenswichtigen Komplex mit dem Spielmacher des programmierten Selbstmordes – dem Protein ASK1. Indem es an ASK1 bindet, hemmt es seine Wirkung und unterbricht dadurch die gerichtete Selbsttötung der Zelle. "Wenn wir den Zusammenbau von Nef und ASK1 effektiv blockieren könnten, würde dies zu einem vorzeitigen Tod der HIV infizierten Wirtszellen führen", spekuliert Greene. Der Infektionsprozess von HIV wäre dann kurzgeschlossen, sodass das Virus ausstirbt, weil ihm die nötige Zeit fehlt, um sich vollständig zu vermehren.

Bestätigt wird die doppelte Taktik von Nef durch infizierte Patienten, deren HI-Viren das entsprechende Gen fehlt. Bei ihnen entwickelt sich das Krankheitsbild wesentlich langsamer. Doch um Nef auszutricksen, muss erst ein passender Gegenspieler gefunden werden, der sich wie ein Keil zwischen den Zusammenschluss von ASK1 und Nef drängt. Die Identifizierung eines solchen Moleküls könnte zur Entwicklung einer ganz neuen Klasse von Medikamenten im Kampf gegen die HIV-Infektion führen – eine neue Herangehensweise, um das Virus auszutricksen.

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