Fünf Jahre nach der Flut 2021: »Mit Sirenen verändern wir den Wasserstand um keinen Zentimeter«

Herr Schüttrumpf, Sie waren kurz nach der Flutkatastrophe im Juli 2021 selbst in den betroffenen Gebieten: Was haben Sie da erlebt?
Zunächst war ich rund um Aachen unterwegs. Es ist damals ja nicht nur die Ahr über die Ufer getreten, sondern auch Erft, Inde, Vicht, Rur und Wupper. Mir und meinem Team ging es um die städtebaulichen Auswirkungen. Deswegen haben wir etwas gewartet, bis wir ins Ahrtal gefahren sind. Da wurden ja immer noch Todesopfer geborgen. Klar ist: Es ist etwas völlig anderes, ob man sich dem Hochwasserschutz nur theoretisch nähert oder ob man die Folgen einer solchen Katastrophe mit allen Sinnen live vor Ort erlebt. Den Geruch nach Öl, Chemikalien und auch Fäkalien werde ich nie vergessen. Viele Menschen dort sind noch fünf Jahre nach der Flut schwer traumatisiert. Die bekommen Panik, wenn sie Wasser rauschen hören. Das geht tief unter die Haut.
Hat dieses Erlebnis Ihre Sicht auf Ihre wissenschaftliche Arbeit verändert?
Ich würde sogar sagen: Das Ereignis hat mein Leben verändert. Zusammen mit meiner Arbeitsgruppe habe ich seitdem unzählige Forschungsprojekte angeschoben, um aus dem, was da passiert ist, für die Zukunft zu lernen. Ich habe Hunderte Vorträge zu dem Thema gehalten, war zu Gast in der Tagesschau, beim SWR und beim WDR, habe Interviews gegeben und saß als Sachverständiger in Untersuchungsausschüssen und Gerichtsverfahren. Ich kenne inzwischen viele Bürgermeister der betroffenen Städte und Gemeinden.
Mehr als 100 000 Menschen waren direkt betroffen, haben ihr Zuhause verloren oder erlitten massive finanzielle Schäden. Über 180 Menschen starben in den Fluten.
Der Ingenieur leitet das Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Hochwasserschutz und Hochwasserrisikomanagement. Nach der Flutkatastrophe an Ahr, Erft, Inde, Vicht und Wupper im Jahr 2021 saß er als Sachverständiger in zahlreichen Expertenkommissionen und Untersuchungsausschüssen.
Furchtbar. Stellen Sie sich vor, Sie gehen vor die Tür und haben nur noch das, was Sie am Körper tragen – kein Handy, kein Portemonnaie, nichts von dem, was Ihnen etwas bedeutet. Das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Menschen harrten auf Dächern aus, während Autos, Waschmaschinen, Öltanks und auch Leichen an ihnen vorbeizogen. Das eine ist die Katastrophe, die man sieht: die Zerstörung und der wirtschaftliche Schaden. Das andere ist die psychisch-soziale Katastrophe.
Und trotzdem versuchen Sie, in Ihrer Rolle als Wissenschaftler mit einem nüchtern-professionellen Blick auf die Ereignisse von damals zu schauen. Was war aus Ihrer Sicht der entscheidende Faktor für das Ausmaß der Zerstörung?
Da kam wirklich vieles zusammen, was dann in der Katastrophe gemündet ist. Also zunächst mal das Wetter: Wir hatten fast 200 Millimeter Niederschlag innerhalb von 24 Stunden. Das ist sehr viel Regen in sehr kurzer Zeit. Das kann so schnell nicht versickern, sondern fließt oberflächlich ab, zumal die Böden bereits sehr stark mit Wasser gesättigt waren. Dann hat sich in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten die Landnutzung stark verändert. Es stehen viel zu viele Häuser in Überflutungsgebieten. Und dann wurde einfach nicht ausreichend viel für den Hochwasserschutz getan.
Was hätte denn geholfen?
Also klar ist, dass wir bessere Frühwarnsysteme brauchen. Das verschafft der Bevölkerung Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Was aber oft unterschätzt wird: Viele wissen zwar, was zu tun ist, wenn es brennt – manche wissen eventuell noch, wie sie sich verhalten sollen, wenn die Erde bebt. Aber bei Wasser? Das wird viel zu wenig geübt. Es ist zum Beispiel denkbar schlecht, bei einem Flutereignis in den Keller zu gehen. Man sollte den höchsten, schnell erreichbaren Punkt aufsuchen – im Haus oder auch draußen. Allerdings verändern wir mit Sirenen oder einem Handyalarm den Wasserstand um keinen Zentimeter. Noch viel wichtiger sind also Hochwasserrückhaltebecken, Talsperren und auch naturnahe Lösungen.
»Besonders eindrucksvoll hat man bei der Inde in Eschweiler gesehen, was passiert: Der Fluss hat sich einfach sein historisches Bett gesucht«
Was meinen Sie damit konkret?
Wir müssen den Flüssen wieder mehr Raum geben und natürliche Überschwemmungsgebiete frei halten. Hätten die Menschen nicht derart nah am Ufer gebaut, wäre weit weniger passiert. Besonders eindrucksvoll hat man bei der Inde in Eschweiler gesehen, was passiert: Der Fluss hat sich einfach sein historisches Bett gesucht und ist geradewegs über einen Sportplatz hinweg in den Tagebau durchgebrochen. Die Natur sucht sich eben ihren Weg.
Was wäre, wenn sich das Ereignis heute wiederholen würde? Wären wir dann besser gewappnet?
Zum aktuellen Zeitpunkt: nein. Es sind zwar 18 große Regenrückhaltebecken im Ahrtal geplant – aber noch keins davon gebaut. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Aber man sollte Versäumnisse aus früheren Zeiten nicht wiederholen. Dazu lohnt ein Blick in die Geschichtsbücher. Vor ziemlich genau 100 Jahren gab es schon einmal eine große Flutkatastrophe im Ahrtal. Im Anschluss wurden 32 Rückhaltebecken geplant, die ein Wasservolumen von 75 Millionen Kubikmetern gefasst hätten. Raten Sie mal, wie viele davon gebaut wurden?
Zehn?
Nein, null! Und es wurde auch keine der angedachten Talsperren gebaut.
Kurz darauf brach der Erste Weltkrieg aus, dann der Zweite …
Das stimmt. Aber wir Menschen tendieren offenbar dazu, solche Katastrophen schnell zu verdrängen und andere Projekte zu priorisieren. Es ist einfacher, an alter Stelle alles wieder aufzubauen, statt neue Wege zu gehen.
Von der einst malerischen Uferpromenade in Bad Neuenahr ist nicht viel übrig. Innerhalb weniger Stunden stieg das Wasser von normalerweise weniger als einem Meter auf mehr als sechs Meter.
Gab es Aspekte der Katastrophe, die selbst Sie als Experten überrascht haben?
Oh ja, da gab es einige. Am überraschendsten aber war für mich die Zahl der zerstörten Brücken. Von 115 Brücken im Ahrtal ist weniger als die Hälfte stehen geblieben. Haben Sie schon mal was von Verklausung gehört?
Nein.
Darunter versteht man die Blockade eines Fließgewässers durch Treibgut wie Totholz, Äste oder Müll. Und das ist hier in extremer Weise passiert. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde von den Wassermassen mitgerissen und hat sich vor die Brücken gesetzt. Dadurch stand das Wasser teilweise noch mal um zwei Meter höher als ohne Verklausung. Das ist fast ein ganzes Stockwerk. Dieses Brückenthema hat eine Mitarbeiterin von mir inzwischen intensiv untersucht.
»Ist es also wirklich nötig, alle Brücken im Ahrtal wieder aufzubauen? Ich meine, nein«
Was hat sie herausgefunden?
Die 115 Brücken verteilen sich über eine Flusslänge von 89 Kilometern. Das bedeutet, dass es im Schnitt alle 780 Meter eine Möglichkeit gibt, den Fluss zu überqueren. Zum Vergleich: Zwischen Köln und Bonn gibt es am Rhein nur alle 6,5 Kilometer eine Brücke. Ist es also wirklich nötig, alle Querungen im Ahrtal wieder aufzubauen? Ich meine, nein.
Welche zentralen Fortschritte hat die Hochwasserforschung in den letzten fünf Jahren gemacht?
In Nordrhein-Westfalen hat sich viel getan, muss man sagen. Es gibt neue Schutzkonzepte, Planungen für Hochwasserrückhaltebecken und den politischen Willen, das auch umzusetzen. Die Hochwasser-Gefahrenkarten wurden aktualisiert und es wird zumindest versucht, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren. Aber rein statistisch wird das nächste Hochwasserereignis eine andere Region treffen – doch ich sehe nicht, dass das Thema bundesweit gleichermaßen weit oben auf der Agenda steht.
Haben sich die Modelle zur Vorhersage solcher Starkregenereignisse seit 2021 substanziell verbessert?
Ja, es gibt inzwischen von künstlicher Intelligenz unterstützte Modelle, die Hochwasserereignisse in sehr kurzer Zeit recht präzise berechnen können. Allerdings zeigen Analysen, dass das europäische Hochwasserwarnsystem EFAS bereits mehrere Tage vor der Katastrophe auf ein außergewöhnliches Risiko hingewiesen hat. Auch der Deutsche Wetterdienst warnte bereits ab dem 11. Juli 2021 vor großen Regenmengen. Das Problem war also nicht primär ein völliges Versagen der Wettermodelle, sondern die Übersetzung der Warnungen in lokale Gefahreneinschätzungen und Schutzmaßnahmen.
»Es wäre gut, besser darüber zu informieren, was in so einem Fall zu tun ist. In der Schule sollte nicht nur vermittelt werden, wie man sich im Brandfall verhält, sondern auch bei Erdbeben, Gewittern und Starkregen«
Wo sehen Sie in Deutschland die gravierendsten Lücken beim Hochwasserschutz?
Also es wäre gut, besser darüber zu informieren, was in so einem Fall zu tun ist. Am besten fängt man in der Schule bei den Kindern an. Dort sollte nicht nur vermittelt werden, wie man sich im Brandfall verhält, sondern auch bei Erdbeben, Gewittern, Starkregen. Ich sagte ja eben bereits: Bei Hochwasser muss man immer den höchsten Punkt aufsuchen. Schon ab einem Wasserstand von 20 Zentimetern lässt sich eine Kellertür nicht mehr öffnen. Viele Menschen sind während des Hochwasserereignisses 2021 in ihrem Keller ertrunken, weil sie nicht mehr rauskamen.
Außerdem sollten wir Hochwassermaßnahmen wie Rückhaltebecken oder Deiche schnell und konsequent umsetzen. Jede Maßnahme, die nur auf dem Papier existiert, schützt nicht. Daher brauchen wir unbedingt auch schnellere Genehmigungsverfahren.
Wie kann verhindert werden, dass in hochwassergefährdeten Gebieten die Häuser einfach wieder aufgebaut werden?
So richtig verhindern kann man es nicht. Tatsächlich gibt es Versicherungen, die nur zahlen, wenn man sein Haus an gleicher Stelle wieder errichtet. Aber es gibt zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen als Reaktion auf die Erlebnisse aus 2021 die »Hochwasser-App NRW«. Da kann man seine Adresse eingeben und für verschiedene Ereignisse wie Starkregen oder extremes Hochwasser schauen, wie gefährdet man ist und wie hoch das Wasser steigen würde. Da sollte wirklich jeder und jede mal reinschauen.
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