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Schönheit: "Höchst zierlich, schlank und leicht"

Kultur- und epochenübergreifend sind Dichter in schlanke Taillen vernarrt, fanden Wissenschaftler heraus. Und was für die Literaten gilt, dürfte wohl auch auf den Rest der Männerwelt zutreffen, denn offenbar hat die Biologie ihre Hände im Spiel: Eine zierliche Leibesmitte gibt vorzüglich Auskunft über den Gesundheitszustand einer Frau.
Korsett (um 1904)Laden...
Ihre Zöpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken waren über alle Begriffe schön, und die Taille, von der bei den modernen antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird, höchst zierlich, schlank und leicht, zeigte sich an ihr in dem älteren Kostüm äußerst vorteilhaft.
(Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandschaften)


Gibt es irgendeine Kultur, deren Literatur nicht die Vorzüge weiblicher Formen rühmt? Vermutlich nicht. Was die Dichter privat begeisterte, fand zu allen Zeiten auch den Weg in ihr öffentliches Wirken. Kein Konsens herrscht indes in der Frage, worin die Schönheit einer Frau besteht: Große Brüste, kleine Brüste, volle Lippen oder schmale – für all das lassen sich in der Weltgeschichte Belege finden, wenn man nur danach sucht.

Wissenschaftler um Devendra Singh von der Universität von Texas in Austin taten genau das. Sie durchforsteten den Fundus Weltliteratur und richteten ihr besonderes Augenmerk auf eine ebenfalls viel gerühmte Eigenschaft: die Wespentaille. Bei dieser, so vermuteten sie, könnte es sich im Unterschied zu den anderen um ein universelles Schönheitsmerkmal handeln.

Peter Paul Rubens: Das Urteil des ParisLaden...
Peter Paul Rubens: Das Urteil des Paris | Peter Paul Rubens zog zwar üppige Formen vor – doch bei genauerer Betrachtung vom "Urteil des Paris" fällt auf, dass die Frauen über vergleichsweise schlanke Taillen verfügen.
Ausschließlich solche Werke, die von modernen Massenmedien und heutiger westlicher Kultur unbeeinflusst waren, kamen in die Auswahl – britische Literatur des 16. bis 18. Jahrhunderts sowie klassische indische und chinesische Dichtung – und dennoch war der Befund eindeutig. Nirgendwo wurde die Attraktivität einer breiten Taille besungen.

Wenn Zufall angesichts dieser Ergebnisse ausgeschlossen ist, muss es gute Gründe dafür geben, dass genau diese Eigenschaft keinen Modeströmungen unterworfen ist. Vermutlich hat hier die Evolution versucht, die Partnerwahl von Homo sapiens in die richtige Richtung zu lenken, sagen die Autoren.

Was die schlanke Taille dem Mann so begehrenswert erscheinen lasse, sei vor allem die Information, die sie über ihre Besitzerin preisgibt. Sie ist der einzige bisher bekannte Körperteil, der verlässliche Rückschlüsse auf Krankheitsrisiken, Östrogenhaushalt und Fruchtbarkeit zulässt – und zwar unabhängig vom Gesamtkörpergewicht. Zahlreiche medizinische Studien konnten das mittlerweile belegen.

Schuld daran ist nach Männerart im Bauchraum gespeichertes Fett. Umschließt zuviel davon die inneren Organe, kann es zu Gesundheitsstörungen kommen. Die attraktivere Birnenform hingegen haben Frauen, bei denen sich das Fett an Schenkeln, Hüften und Gesäß anlagert.

Folgt man Singhs literarischer Spurensuche, dann darf es von diesem Fett auch ruhig etwas mehr sein, ohne dass die Attraktivität Schaden nimmt. Einfach abzunehmen verhilft deshalb auch nicht automatisch zu einer schöneren Körperform – für den Eindruck einer schlanken Taille zählt vor allem das Verhältnis zum Rest des Körpers. Übrigens machen da auch Rubens gemalte Schönheiten keine Ausnahme.

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