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Evolution: Homo erectus lebte so lange wie kein anderer Frühmensch

Bekannte Funde aus Indonesien legen nahe: Homo erectus lebte bis vor 108 000 Jahren. Damit sind die frühmenschlichen Verwandtschaftsverhältnisse gleich noch mal komplizierter.
Schädel von Homo erectusLaden...

Der heutige Mensch ist die einzige lebende Art aus der Gattung Homo. Vor mehreren tausend Jahren jedoch gab es noch andere: den Neandertaler, Homo neanderthalensis, etwa. Oder die Denisovaner. Oder Homo erectus. Letzterer soll sich nach seiner Reise aus Afrika schon vor rund anderthalb Millionen Jahren im heutigen Indonesien herumgetrieben haben. Eine bisher ungeklärte Frage: Bis wann gab es die Art? Der Antwort ist man dank einer neuen Datierung altbekannter Funde von der Insel Java näher, wie ein Forscherteam im Magazin »Nature« berichtet.

Bereits in den 1930er Jahren hatten Wissenschaftler in einem Steinbett nahe dem Fluss Solo in Ngandong auf Java zwölf Schädelkalotten und zwei Schienbeinknochen entdeckt, die sich dem Homininen zuordnen lassen. Auf Grund der Beschaffenheit der Ausgrabungsstätte und weil Funde mit denen anderer Grabungen vermischt wurden, ließ sich das Alter der Fossilien aber nicht eindeutig bestimmen.

Galt in den 1980er Jahren noch, dass Homo erectus zuletzt vor 250 000 Jahren lebte, deutete eine Studie von 1996 auf ein weit längeres Dasein hin. Demnach ließen die Erectus-Fundschichten von Ngandong auf Java auf ein Alter zwischen 53 000 und 27 000 Jahren schließen – was einer Sensation gleichkam, denn zum einen hätte Homo erectus damit rund zwei Millionen Jahre existiert – so lange wie keine andere Homo-Art. Zum anderen hätten sich Homo sapiens und H. erectus theoretisch treffen können, was aber eben durchaus umstritten war. Russell Ciochon, Kira Westaway und ihre Kollegen wollten es deshalb nun genau wissen und analysierten die Fundstelle erneut. Das Ergebnis: Noch vor 117 000 bis 108 0000 Jahren gab es Homo erectus. Zeitlich hätten sich der anatomisch moderne Mensch und Homo erectus demnach zwar treffen können. Doch das Forscherteam schreibt selbst, die beiden hätten sich in der Region eher nicht getroffen. Denn Homo sapiens weilte den bisherigen Funden nach an ganz anderen Orte der Erde.

Hunderte Generationen, einzelne Fossilien

Wer wen wann traf und wer wann wo lebte – so richtig sicher kann das niemand sagen. Dafür gibt es schlicht zu wenig handfeste Funde und zu viel Raum für Spekulationen. Aus rund sieben Millionen Jahren Menschheitsgeschichte stehen Paläontologinnen und Paläontologen bloß ein paar tausend Knochenteile zur Interpretation zur Verfügung. Statistisch kommen so auf hunderte Generationen nur einzelne Fossilien, weshalb sich bei neuen Funden und der Interpretation oft mehr Fragen auftun als Antworten.

Anlässlich der neu datierten Java-Knochen beispielsweise lässt sich nun spekulieren: Trafen sich Homo erectus und die Denisova-Menschen?

Die Denisovaner sind erst seit etwa einem Jahrzehnt bekannt. Damals hatten Archäologen einzelne Knochenfragmente in der namensgebenden Denisova-Höhle in Sibirien entdeckt. Weitere Funde erlaubten zuletzt eine Rekonstruktion ihres Äußeren, vermutlich besaßen sie ein hervorstehendes Gesicht und ein breites Becken wie die Neandertaler, wie ein Forscherteam aus der DNA las. Genanalysen an heutigen Menschen in Neuguinea ergaben, dass wohl vor ungefähr 363 000 oder 283 000 Jahren Denisovaner nach Südostasien gelangt waren.

Nach den neuen Datierungen wäre es gut möglich, dass sie dort auf Homo erectus getroffen sind und sich vielleicht sogar mit diesem paarten. Denn Paläogenetiker wissen: Die Denisova-Menschen und der anatomisch moderne Mensch liefen sich über den Weg, vor ungefähr 45 000 Jahren und vor rund 30 000 Jahren. Bekannt ist auch, dass sich die Neandertaler und die Denisovaner trafen und Nachkommen zeugten. Doch im Erbgut dieser drei Homo-Arten liegt Genmaterial, das von einer bislang unbekannten Art stammt. Wie nun Ciochon und sein Team spekulieren, könnte es Homo erectus sein, der in Südostasien auf die Denisovaner traf. Mit ihnen ging deren Erbgut dann auch in den anderen Homo-Arten auf.

51/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 51/2019

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