Direkt zum Inhalt

Paläontologie: Homo hyaene lupus?

Oder doch eher "Hyaena homini lupus"? Oft geraten die Urzeit-Menschen in Verdacht, Europas Großtierwelt in den Exitus getrieben zu haben. Manche Raubtiere allerdings drehten zumindest zeitweilig den Spieß auch mal um.
Neandertaler
Der Gestank muss unerträglich gewesen sein, als die Menschensippe von dem Bau Besitz ergriff. Denn nicht umsonst gelten ihre hyänischen Vormieter bis heute als die Unästheten schlechthin beim Verzehr modernder Kadaver. Vielmehr wälzen sie sich bevorzugt in den verwesenden Protein- und Fettbergen, um deren Odeur anzunehmen: Je übler ein Rudelmitglied riecht, desto höher im Rang steht es und desto öfter darf es sich paaren.

Allerdings schätzten die neuen Bewohner wohl zu sehr die Vorzüge des neuen Zuhauses, als dass sie sich von dem darin herrschenden Pesthauch abschrecken ließen. Denn die Höhle lag strategisch günstig wenige Meter über dem Flüsschen Les Grands Moulins in Westfrankreich und hatte zwei Ausgänge: Der eine bot einen komfortablen Zutritt zu dem unterirdischen Karstsystem, der enge andere Weg ermöglichte bei Gefahr die Flucht auf das oberhalb anschließende Hochplateau.

Das nahe Wasser und die Weidegründe der Hochebene lockten zahlreich Büffel, Pferde und anderes Getier an und ermöglichten Mensch wie Raubtier ergiebige Beute. Und tatsächlich entdeckten die französischen Wissenschaftler um Cedric Beauval von der Universität in Bordeaux bei ihren Ausgrabungen in der Kaverne von Les Rochers-de-Villeneuve eine Menge Skelettfragmente erlegter und verspeister Pflanzenfresser mit vielfältigen Spuren von Herdfeuern, Steinwerkzeugen und Reißzähnen.

Sie waren jedoch nur Nebenaspekte, denn die eigentlich wichtigen Funde waren anderer Art: In der untersuchten Sedimentschicht legten die Forscher zahlreiche Gebeine und Zähne von Höhlenhyänen (Crocuta crocuta spelae), einen menschlichen Oberschenkelknochen sowie verschiedene Schabwerkzeuge aus Feuerstein frei. Die Abfolge wie räumliche Verteilung der Gerippe belegen eng wechselnde Herrschaftsverhältnisse im unterirdischen Heim: Mensch und Tier konkurrierten stark um Raum und Ressourcen. Möglicherweise jagten sie sich auch gegenseitig immer wieder erlegte Beute ab, denn viele Knochen weisen Schab- wie Beißspuren auf.

Oberschenkelknochen eines Neandertalers | Der in der Höhle von Les Rochers-de-Villeneuve gefundene Oberschenkelknochen eines Neandertalers weist eindeutige Biss- und Kauspuren von Hyänen auf. Unklar ist nur, ob der Mensch bereits tot war oder ob er den Raubtieren zum Opfer fiel. Sicher ist jedenfalls, dass die Hyänen die Kaverne von den Neandertalern zurückeroberten, denn auf die Artefakte der menschlichen Bewohner folgen nur noch Gerippereste der Hyänen und ihrer Opfer.
Gerade der Oberschenkelknochen – auch Femur genannt – offenbart interessante Details aus der Geschichte der Kaverne und ihrer Bewohner. Seine morphologischen und genetischen Untersuchungen etwa lassen laut Beauval eindeutig auf einen Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) schließen – zu sehr unterscheidet sich das Stück im Aufbau und Inhalt vom Skelettpendant des modernen Menschen. Und auch eine Radikarbondatierung ergab ein Alter von ungefähr 40 700 Jahren und damit ein mittelsteinzeitliches Leben vor der Kolonialisierung Frankreichs durch Homo sapiens sapiens, der in der Jungsteinzeit den europäischen Kontinent eroberte.

Die äußere Form des Femurs deutet nach Ansicht der Paläontologen zudem auf eine große Mobilität des zu Tode gekommenen Neandertalers hin, denn er weist ein Bau- und Belastungsmuster auf, wie sie nur durch erhöhte und stetige Mobilität zustande kommen können. Damit müsste bereits mehrere tausend Jahre früher dem Neandertaler eine räumliche Beweglichkeit zugebilligt werden, wie er sie nach bisherigem Kenntnisstand eigentlich erst in der Endphase seiner Existenz erreichen sollte. Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass dieser frühe Europäer mit dem Auftreten der modernen Menschen beginnend auf größere Wanderschaften ging.

Im aktuellen Fall nutzte dieser verbesserte Fußknochenbau seinem Träger, der zum Todeszeitpunkt in den besten Jahren war, jedoch wenig, denn er und sein Familienumfeld blieben nicht ewig die Herren der Höhle – bald schon folgten ihnen wieder die Hyänen. Die Neandertaler mussten dabei ihren ehemaligen Hort fluchtartig verlassen haben, denn sie nahmen sich nicht einmal die Zeit, erbeutete Nahrung einzupacken.

Karte der Neandertalerfundstellen | Neandertaler besiedelten große Teile Europas und so auch Frankreichs. Bislang gestand man ihnen allerdings bis kurz vor ihrem Ende keine besonders ausgeprägte Mobilität zu. Der Knochen von Les Rochers-de-Villeneuve deutet nun allerdings auf das Gegenteil hin: Sein Bau und seine Form weisen auf eine starke Wanderbereitschaft hin – tausende Jahre früher als gedacht.
Vielleicht starb der fußstarke Neandertaler eines plötzlichen Todes und seine Sippe wollte keine Sekunde länger an diesem Ort verweilen? Die kurz danach den Bau okkupierenden Hyänen hätten dann die Leiche ungestört fleddern können. Oder aber sie vertrieben aktiv die menschlichen Hausbesetzer und delektierten sich anschließend an dem dabei zur Strecke gebrachten Neandertaler. Für beide Möglichkeiten gibt es nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler Hinweise, denn sie fanden Pferde- und Bisonknochen, die gleichzeitig Kratzspuren von Steinwerkzeugen und Beißmerkmale hyänischer Eckzähne aufwiesen. Ebenso wurde der ausgegrabene Oberschenkelknochen mehrfach durchgekaut und mit Zähnen bearbeitet. Sowohl die Tier- als auch der Neandertalerknochen mussten also so frisch gewesen sein, dass zumindest eine Zweitverwertung für die Hyänen noch attraktiv war.

Die Hyänen schienen ohnehin gnadenlose Jäger gewesen zu sein, denn in der Höhle lagen zahllose Knochen anderer Raubtiere wie Bären, Wölfe, Höhlenlöwen und vor allem Füchse. Nicht alle fielen wohl Crocuta crocuta spelae zum Opfer, aber doch einige wiesen die markanten Beiß- und Kauspuren des mächtigen Hyänen-Gebisses auf. Genutzt hat ihnen ihr Furcht einflößendes Auftreten allerdings nur zeitweise: Wie viele andere Tierarten dieser Epoche und wie auch der Neandertaler konnten sie dem Konkurrenzdruck des modernen Homo sapiens sapiens nichts entgegensetzen und verschwanden.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte