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Das aktuelle Stichwort: Hormonelle Verhütung für den Mann

Familienplanung mit Hilfe einer kleinen Pille - was noch vor fünfzig Jahren revolutionär und entsprechend verrufen war, ist inzwischen Routine im Leben so mancher Frau. Das könnte sich jedoch in den nächsten Jahren ändern. Denn aktuelle Studien versprechen einen neuen Trend: Reversible Unfruchtbarkeit für den Mann - dank eines speziellen Hormoncocktails.
Will ein Mann aktiv zur Empfängnisverhütung seiner Partnerin beitragen, hat er momentan – neben der Abstinenz – genau zwei Optionen zur Auswahl: das Kondom und die Vasektomie. Beide Methoden haben jedoch ihre Schönheitsfehler. Das Kondom etwa ist nur bedingt sicher; zwölf von einhundert Paaren zeugen trotz sachgemäßen Gebrauchs bereits im ersten Jahr ungewollt Nachwuchs. Die Vasektomie hingegen, bei der mittels eines einfachen operativen Eingriffs der Samenleiter des Mannes durchtrennt und so das Ejakulat von Spermien bereinigt wird, hat den Nachteil, dass sie nur bedingt wieder rückgängig gemacht werden kann.

Hormonelle Verhütung, so hoffen Wissenschaftler wie etwa Eberhard Nieschlag vom Institut für Reproduktionsmedizin der Universität Münster, könnte dagegen beides sein – sicher in der Anwendung und reversibel danach.

Das Ziel der hormonellen Behandlung ist es, die Produktion von Spermien im männlichen Körper, die Spermatogenese, zu stoppen (Azoospermie) oder zumindest zu einem für die Verhütung ausreichenden Maße zu verringern (Oligospermie). Drei Methoden stehen derzeit mit jeweils unterschiedlichem Erfolg im Mittelpunkt der Forschungen: die Gabe von Androgenen, einer Kombination von Androgen und Progesteron und die Verwendung eines Gonadoliberin-Antagonisten.

Alle drei Methoden greifen in den Hormonhaushalt ein, der für die Spermienproduktion verantwortlich ist, indem sie entweder das Luteinisierende (LH), das follikelstimulierende (FSH) oder das Gandoliberin-Hormon beeinflussen. Erstere wirken auf verschiedene Zellen des Hodens ein. Während LH die Leydig-Zellen des Testis zur Ausschüttung von Testosteron anregt, veranlasst FSH – im Zusammenspiel mit dem Testosteron – die so genannten Sertoli-Zellen im Hoden zur Herstellung von noch unreifen Spermien. Diese wandern dann durch die Tubili seminiferi des Hodens in die Nebenhoden und entwickeln sich dort zum endgültigen Stadium. Das Gonadoliberin hingegen steuert LH und FSH, und ist somit der oberste Anknüpfungspunkt für jede hormonelle Verhütungsstrategie.

Die Gabe von Adrogenen, den männlichen Keimdrüsenhormonen, zu denen auch Testosteron gehört, versucht nun, die Ausschüttung des Testosterons im Hoden zu verhindern – indem es dessen Konzentration im Blutkreislauf künstlich erhöht. Dadurch wird in einer negativen Rückkopplung die Produktion von LH und dessen Stimulator Gonadoliberin reduziert, sodass letztlich die Ausschüttung vom Testosteron im Hoden verringert wird. Da das künstliche Testosteron zudem nicht aus dem Blutkreislauf in die Hoden gelangen kann, bleibt dort die Androgen-Konzentration zu gering, um Spermien zu produzieren.

Diese relativ simple Methode hat allerdings einen Haken: Nicht alle Männer reagieren gleichermaßen auf den Testosteron-Überschuss. Bei asiatischen Männern etwa verringert sich die Spermienproduktion zu beinahe 100 Prozent. Männer kaukasischer Abstammung reagieren nur zu 60 Prozent mit Oligozoospermie. Sie brauchen offenbar einen zusätzlichen Wirkstoff, um ihre Spermien in Zaum zu halten. Während in Asien daher bereits im nächsten Jahr mit einem Verhütungsmittel auf Testosteron-Basis gerechnet wird, benötigt der Rest der Männerwelt weitere Forschung.

Einen relativ neuen Ansatz bietet hier die Verwendung von Gonadoliberin-Antagonisten. Sie blockieren die Gonadoliberin-Rezeptoren der Hypophyse und verhindern so eine Ausschüttung von LH und FSH und damit die Herstellung von Spermien. Diese Methode wirkt schnell und ist sicher. Doch auch hier gibt es Probleme – in der Nutzerfreundlichkeit. Schon beim Testosteron hatten sich weder Pillenform noch Creme oder Pflaster als praktikabel erwiesen. Implantate oder – je nach Testosteron-Variante – Injektionen alle zwei bis acht Wochen sind hier die eher unangenehmen Applikationsmöglichkeiten. Die Gonadoliberin-Antagonisten hingegen verlangen nach täglicher Injektion. Zudem ist ihre Produktion kompliziert und entsprechend kostspielig. Der Reiz einer solchen Verhütungmethode hält sich also sehr in Grenzen.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma verdanken die Männer womöglich ausgerechnet den Frauen – oder vielmehr der Erforschung der Antibaby-Pille. Denn es scheint, dass ausgerechnet einer Kombination aus Testosteron und Progesteron, welches anfangs ausschließlicher Bestandteil der oralen hormonellen Verhütung war, in den nächsten Jahren der Durchbruch gelingen wird. Hier verhindert das Progesteron die Ausschüttung von LH und FSH, das Testosteron sorgt hingegen für den Erhalt von Libido, Muskelmasse und Stimmung – eben der Männlichkeit. Diese Wirkstoffkombination wird gerade intensiv erforscht: In Deutschland wurde gerade eine Phase-II-Studie mit 350 Probanden abgeschlossen, andere, deutlich kleinere Untersuchungen zeigen bislang schon erheblich bessere Resultate als die Verwendung von Testosteron allein. Erste Produkte werden bereits in den nächsten Jahren erwartet.

Bleibt die Frage: Kauft das überhaupt jemand? Die Pharmaunternehmen haben zumindest Interesse bekundet – und begonnen, aktiv in die Erforschung der Wirkstoffe investieren. Doch nicht nur sie sehen für die männliche Verhütung einen Markt – auch die Weltgesundheitsorganisation WHO gehört seit Jahren zu den entschiedenen Unterstützern der "Pille" für den Mann. Schließlich wäre sie auch in Kulturen, in denen Frauen aus diversen Gründen keine Möglichkeit haben, aktiv zu verhüten, eine effektive Möglichkeit der Bevölkerungspolitik.

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