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Streit unter Kosmologen: Gerechtigkeit für belgischen Astro-Priester?

Wer hat das expandierende Universum entdeckt? Bisher strich stets ein Amerikaner die Lorbeeren ein. Künftig soll auch Georges Lemaître bedacht werden, finden Astronomen.
Noch mehr Galaxien im All - das zeigen Deep-Field-Aufnahmen von Hubble und Co

Die Internationale Astronomische Union (IAU) hat sich für die Umbenennung eines der Grundpfeiler der Kosmologie ausgesprochen: Die so genannte Hubble-Relation gibt es seit fast 90 Jahren, doch künftig soll sie aus Gründen historischer Gerechtigkeit Hubble-Lemaître-Beziehung heißen. Dafür votierten jedenfalls gut zwei Drittel der 4060 IAU-Mitglieder, die bis zum 26. Oktober online ihre Stimme abgaben.

Die Hubble-Beziehung steht für die empirische Beobachtung, dass sich das Weltall laufend ausdehnt. Ihren Namen verdankt sie dem US-Astronomen Edwin Hubble, nach dem in den 1990er Jahren auch das Hubble-Weltraumteleskop benannt wurde. Der Amerikaner hatte 1929 am Mount-Wilson-Observatorium beobachtet, dass sich weiter entfernte Galaxien mit größerer Geschwindigkeit von uns wegbewegen als nähere. Das Maß, in dem sich die Fluchtgeschwindigkeit mit wachsendem Abstand vergrößert, bezeichnen Astrophysiker als Hubble-Konstante.

Georges Lemaître
Georges Lemaître (1894–1966) | Georges Lemaître war Astrophysiker und katholischer Priester. Er erstellte als erster Wissenschaftler im Jahr 1927 die Theorie eines expandierenden Universums. Von 1925 bis zu seinem Tod 1966 war er Professor an der Katholischen Unversität Löwen (Leuven) in Belgien.

Edwin Hubble war jedoch nicht der Erste, der Hinweise auf das expandierende Universum publizierte. Bereits 1927 war der belgische Priester und Astrophysiker Georges Lemaître darauf gestoßen, dass die Feldgleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie einen sich ausdehnenden Kosmos zulassen. (Bis dahin war die Ansicht verbreitet, der Kosmos habe eine statische Größe.) Lemaître sah den Trend zur Expansion außerdem in bereits publizierten Beobachtungen bestätigt.

Lemaître veröffentlichte seine Theorie jedoch in einer wenig beachteten Brüsseler Fachzeitschrift, und noch dazu auf Französisch. Erst 1931 nahm die internationale Fachwelt von der Arbeit Notiz, als der Belgier seinen Text auf Englisch übersetzte. Da hatte der begnadete Selbstdarsteller Hubble mit der verblüffenden Relation von Entfernung und Fluchtgeschwindigkeit von Galaxien jedoch bereits großen Ruhm eingestrichen. Und so war es sein Name, der untrennbar mit der Expansion des Alls verbunden blieb.

Edwin Hubble am 48-Zoll Schmidt-Teleskop des Palomar-Observatoriums
Edwin Hubble (1889-1953) | Der US-Astronom bestimmte die Rotverschiebungen von Galaxien und ermittelte die Expansionsrate des Universums.

Die Entscheidung der IAU soll diese historische Ungerechtigkeit geraderücken. Die weltweite Astronomenvereinigung trifft sich alle drei Jahre und diskutiert dabei immer wieder über gemeinsame Standards bei der Beschreibung des Weltalls. 2006 hatten die Delegierten beispielsweise Pluto seinen Planetenstatus entzogen und damit eine Debatte losgetreten, die mancherorts bis heute tobt.

Auch bei der Umbenennung der Hubble-Relation könnte es noch Ärger geben: Die Rekonstruktion der Ereignisse, welche die IAU der Entscheidung zu Grunde legte, weise möglicherweise Fehler auf, berichtet das Wissenschaftsmagazin »Science«. Manche Wissenschaftler scheinen außerdem der Meinung zu sein, es habe keine angemessene Debatte über die geschichtlichen Hintergründe stattgefunden. Fürs Erste bleibt damit offen, ob man künftig von Hubble-Lemaître-Beziehung reden wird oder ob der bisherige Name weiter Bestand hat.

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