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Fledermäuse: Hufeisennasen, eine verzwickte Familienbande

Wie viele Fledermausarten es gibt? Wohl deutlich mehr als bisher gedacht. Das zeigen die Daten von Fledermäusen, die Forschende in Südchina und Südostasien gefangen haben. Ein verräterisches Merkmal: die Nase.
»Kleine-Hufeisennase«-Fledermäuse (Rhinolophus hipposideros) hängen in einer Höhle.

Einer Genomanalyse zufolge gibt es in Südostasien Dutzende von unbekannten Hufeisenfledermausarten. Etwa 40 Prozent der Hufeisennasen in der Region wurden laut der in »Frontiers in Ecology and Evolution« veröffentlichten Studie noch nicht offiziell beschrieben.

Hufeisennasen (Rhinolophidae) gelten als Reservoir für viele Viren, die von Tieren auf den Menschen übergehen können. Darunter sind die nahen Verwandten jener Erreger, welche das schwere akute respiratorische Syndrom (Sars) und Covid-19 verursachen. Die korrekte Identifizierung von Fledermausarten könnte dazu beitragen, geografische Hotspots mit einem hohen Risiko für Zoonosen zu ermitteln, sagt Shi Zhengli, Virologin am Wuhan Institute of Virology in China. »Diese Arbeit ist wichtig«, sagt sie.

Fledermausarten genauer zu kennen, könnte zudem helfen, den Ursprung von Sars-CoV-2 zu finden, indem die Suche auf Tiere eingegrenzt wird, die möglicherweise enge Verwandte des Virus beherbergen, sagt Alice Hughes, Mitautorin der Studie und Naturschutzbiologin an der University of Hong Kong. Die engsten bekannten Verwandten von Sars-CoV-2 haben Teams in Fledermäusen der Art Rhinolophus affinis in der Provinz Yunnan im Südwesten Chinas sowie in drei Arten von Hufeisenfledermäusen in Laos entdeckt.

Es gibt mehr kryptische Fledermausarten als erwartet

Hughes wollte die Vielfalt der Fledermäuse in Südostasien besser verstehen und standardisierte Methoden zu deren Identifizierung finden. Deshalb haben sie und ihr Team zwischen den Jahren 2015 und 2020 Exemplare in Südchina und Südostasien gefangen. Sie maßen und fotografierten deren Flügel und das Nasenblatt – »das seltsame Gewebe um die Nase«, wie Hughes es beschreibt – und zeichneten ihre Echoortungsrufe auf. Außerdem sammelten sie ein winziges Stückchen Gewebe von den Flügeln der Fledertiere, um genetische Daten zu gewinnen.

Um die genetische Vielfalt der Fledermäuse zu kartieren, verwendete die Gruppe mitochondriale DNA-Sequenzen von 205 der gefangenen Tiere und weitere 655 Sequenzen aus Online-Datenbanken, die insgesamt elf Arten der Rhinolophidae repräsentieren. Im Allgemeinen gilt: Je größer der Unterschied zwischen dem Genom zweier Fledermäuse ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Tiere genetisch unterschiedliche Gruppen und damit verschiedene Arten repräsentieren.

Die Forschenden fanden heraus, dass es sich bei jeder der elf Arten wahrscheinlich um mehrere Arten handelt, möglicherweise einschließlich dutzender versteckter Arten in der gesamten Stichprobe. Versteckte oder kryptische Arten sind Tiere, die scheinbar zur selben Art gehören, aber in Wirklichkeit genetisch verschieden sind. So deutet beispielsweise die genetische Vielfalt von Rhinolophus sinicus darauf hin, dass es sich bei der Gruppe um sechs verschiedene Arten handeln könnte.

»Das ist eine ernüchternde Zahl, aber nicht sehr überraschend«, sagt Nancy Simmons, Kuratorin am American Museum of Natural History in New York City: Rhinolophidae sind eine komplexe Gruppe, und es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Proben dieser Tiere.

Wenn man sich jedoch auf die mitochondriale DNA stützt, könnte die Zahl der versteckten Arten überschätzt werden. Und zwar deshalb, weil die mitochondriale DNA nur von der Mutter vererbt wird, so dass wichtige genetische Informationen fehlen könnten, sagt Simmons. Dennoch könnte ihr zufolge die Studie dazu führen, dass neue Fledermausarten in der Region benannt werden.

Fledermäuse erkennen an Nasen und Rufen

Die Ergebnisse bestätigen andere genetische Untersuchungen, laut denen es in Südostasien viele kryptische Arten gibt, sagt Charles Francis. Der Biologe des Canadian Wildlife Service in Ottawa untersucht selbst Fledermäuse in der Region. Die Schätzungen beruhen jedoch auf einer kleinen Anzahl von Proben.

Hughes' Team nutzte die morphologischen und akustischen Daten für eine detailliertere Analyse von 190 Fledermäusen, die man in Südchina und Vietnam gefunden hatte. Die Forschenden stellten fest: Die Daten bestätigten, dass viele Arten in diesen Regionen nicht identifiziert worden waren. »Die Studie ist ein starkes Argument, auf mehrere Nachweise bei der Abgrenzung von Arten zu setzen«, sagt Simmons.

Ihr Team habe außerdem herausgefunden, sagt Hughes, dass sich der Gewebelappen direkt über den Nasenlöchern der Fledermäuse eignet, um Arten zu identifizieren. Genetische Daten wären demnach nicht zwingend nötig. Stimmt das, ließen sich versteckte Arten ohne aufwändige morphologische Untersuchungen oder teure DNA-Analysen identifizieren.

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