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Humanevolution: Gleich runde Gehirne trotz unterschiedlicher Schädelformen

Der Schädel des frühen Homo sapiens war anders geformt als der Kopf heutiger Menschen. Daher sollte sich auch das Gehirn unterscheiden. Dies trifft aber wohl nicht zu.
Schädel des frühen Homo sapiens digital rekonstruiert
Zwei fossile Schädel aus Herto, Äthiopien, wurden rekonstruiert: Links zu sehen ist das digitale Modell eines Erwachsenen, rechts der Schädel eines etwa sechs- bis siebenjährigen Kindes. Blau dargestellt sind die Umrisse der Gehirne.

Obwohl sich der Schädel des frühen Homo sapiens und der des heutigen modernen Menschen in ihrer Form unterscheiden, sind ihre Denkorgane in etwa gleich groß und rundlich. Darüber berichtet das Forscherteam um Christoph Zollikofer von der Universität Zürich im Fachjournal »Proceedings of the National Academy of Sciences«.

Welche Form das Gehirn unserer menschlichen Vorfahren vor 160 000 Jahren hatte, stand bislang zur Debatte: Statt eines rundlichen Kopfes besaß Homo sapiens damals einen breiten, länglichen Schädel mit einem eher lang gezogenen Gesicht; und Fachleute vermuteten, das Gehirn besäße eine dem Knochen ähnliche Silhouette. Eine gängige Hypothese: Das Denkzentrum habe sich in den vergangenen 200 000 Jahren in seiner Funktion und daraufhin in seiner Form stark weiterentwickelt. In der Folge habe auch der umgebende Schädel eine entsprechende Gestalt angenommen.

Die Forschenden rekonstruierten die Schädel eines Kindes und eines Erwachsenen, die von der äthiopischen Ausgrabungsstelle Herto stammten und rund 160 000 Jahre alt waren. Zusätzlich analysierten sie mehrere Schädelknochenfunde aus den Fundstätten Qafzeh und Skuhl in Israel, die rund 100 000 bis 120 000 Jahre zurückdatieren. Die 3-D-Modelle der fossilen Schädel verglichen sie anschließend mit 125 Schädelaufnahmen von heutigen Menschen. Dabei machten sie sich zu Nutze, dass das menschliche Hirnwachstum praktisch abgeschlossen ist, wenn die ersten bleibenden Backenzähne im Kindesalter in Erscheinung treten. Die Gesichts- und Schädelbasisknochen wachsen dagegen bis ins Erwachsenenalter weiter.

Das Team um Zollikofer stellte fest, dass die kindlichen Schädelknochen der frühen Homo-sapiens-Exemplare und die Köpfe heutiger Kinder ähnlich geformt waren – zu einem Zeitpunkt, als ihr Hirnwachstum bereits abgeschlossen war. Die abweichende Schädelform entwickelte sich erst nachfolgend. Wahrscheinlich, folgern die Forschenden, sei diese Abweichung auf Unterschiede in der Ernährung und im Lebensstil zurückzuführen: Weichere Nahrungsmittel sind leichter zu zerkauen und erfordern weniger Kieferarbeit. Eine entsprechende Ernährungsweise stehe daher möglicherweise in Zusammenhang mit kleineren Gesichtern und rundlichen Schädeln.

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