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Humanevolution: Wann machte der Daumen Vormenschen zu Menschen?

Als Erfolgsrezept in der Evolution des Menschen wird immer zuerst das Gehirn genannt. Dabei war der Daumen vor zwei Millionen Jahren genauso wichtig!
Die Hände einer Frau halten einen Stein

In der Evolution zum Menschen spielen neben dem großen Gehirn auch die Anatomie der Extremitäten eine wichtige Rolle: Es hilft zunächst, nur noch auf zwei Beinen zu laufen, um die Hände frei zu haben und damit Werkzeuge benutzen zu können. Und das klappt umso besser, wenn der Daumen den anderen Fingern anatomisch gegenübergestellt wird: Erst dieser opponierbare Daumen macht aus den Klettergreifern der Affen die pinzettenartig greifenden Präzisionswerkzeuge des Menschen. Dabei war wissenschaftlich lange umstritten, wann die anatomischen Umbauten genau begannen. Ein Team von um Alexandros Karakostis von der Universität Tübingen hat das nun mit einem technisch neuen Ansatz herauszufinden versucht. Das Team kommt im Fachblatt »Current Biology« zu dem Schluss, dass die Daumen unserer Vorfahren wohl vor rund zwei Millionen Jahren deutlich geschickter geworden sind – etwa mit dem Aufkommen des Homo erectus. Dieser war aber vermutlich kaum die einzige Art des Menschen mit dem nützlichen Daumenumbau.

Die Forscher haben nicht wie einige Gruppen zuvor nur die Handskelettstrukturen verschiedener Vor- und Frühmenschen untersucht. Stattdessen gingen sie von den Muskelansatzstellen an den Fingerknochen aus und modellierten virtuell die Muskulatur der Hand in 3-D, um daraus dann biomechanische Schlussfolgerungen zu ziehen. So prognostizierten sie die Geschicklichkeit, mit der die Hände von anatomisch frühen modernen Menschen, dem Neandertaler, Homo naledi und älteren Australopithecinen greifen konnten.

3-D-Modell der frühmenschlichen Handanatomie | Das Forscherteam modellierte am Computer die Beweglichkeit verschiedener Früh- und Vormenschenhände. Grundlage waren die Muskelansatzstellen, die den wahrscheinlichen Verlauf von Muskelsträngen und Geweben nahe legen.

Demnach finden sich die ersten Belege für eine bewegliche Rolle des Daumens bei den Homininen aus der Swartkrans-Fundstelle, die vor etwa zwei Millionen Jahren im Süden Afrikas gelebt haben – es handelt sich um frühe Vertreter der Gattung Homo oder dem Paranthropus, die beide offenbar schon Tiere jagen und geschickt zerlegen konnten. Der Daumen des älteren Australopithecus sediba ähnelte in seiner Beweglichkeit dagegen eher dem Daumen von Schimpansen, wie die Analyse zeigt. Das überrascht, weil auch Australopithecinen der Gebrauch von Steinwerkzeugen zugeschrieben wird. Ebenfalls nicht recht ins bisherige Bild passt der Befund der Hände von Homo naledi: In den Fundstellen dieser etwas mysteriösen, wohl vor noch 250 000 Jahren lebenden Frühmenschenart mit einem eher kleinen Gehirn hatte man bislang keine Spuren für Werkzeuggebrauch gefunden. Die Hände von Homo naledi wären dafür möglicherweise geschickt genug gewesen. Vielleicht, so diskutieren die Forscher in ihrer Studie, wird hier deutlich, dass das Volumen eines Gehirns weniger als seine Komplexität darüber entscheiden könnte, zu welchen handwerklichen und kulturellen Leistungen ein Frühmensch in der Lage war.

Insgesamt vermuten die Forscher, dass die Geschicklichkeit der Hände, die damit die höhere Effizienz bei der Jagd und die mit den so besseren Ernährungsmöglichkeiten einhergehende allmähliche Vergrößerung des Gehirns sich gegenseitig bedingten. Vielleicht ermöglichte dies einen Evolutionsschub, der dann dem Homo erectus erlaubt hat, zur ersten global verbreiteten Art des Menschen zu werden.

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