Verhaltensbiologie: Hummeln können etwas, was sie nicht können sollten

Anders als ihr Aussehen vermuten lassen könnte, sind Hummeln keine plumpen Einfaltspinsel. Wie eine neue Studie im Fachblatt »Science« ergab, setzen die Insekten der Art Bombus terrestris Werkzeuge ein, um komplexe Probleme zu lösen und so an eine zuckerhaltige Belohnung zu gelangen – selbst wenn sie zuvor nie auf den Werkzeuggebrauch trainiert worden waren. Wie die Fachleute zudem feststellten, haben einige der Hummeln sogar geschummelt, indem sie die Aufgabenstellung umgingen und dennoch an die Belohnung gelangten.
Schon früher haben Wissenschaftler Hummeln bei der Werkzeugnutzung beobachtet. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2016, dass die Insekten lernen können, an einer Schnur zu ziehen, um eine Belohnung zu erhalten. Untrainierte Hummeln schauten sich die Vorgehensweise bei Artgenossen ab, die den Trick bereits beherrschten. Bei der neuen Studie hatten die Hummeln diese Möglichkeit nicht. Die Erkenntnisse liefern nun neue Belege dafür, dass nicht nur Tiere mit größeren Gehirnen wie Vögel und Menschenaffen Probleme einfallsreich lösen und dazu Werkzeuge nutzen.
Das Gehirn von Hummeln ist relativ einfach aufgebaut: Es besteht aus etwa einer Million Neuronen. Zum Vergleich: Das menschliche Hirn hat ungefähr 86 Milliarden Neurone. Offenbar ist für die Lösung komplexer Probleme nicht unbedingt ein komplexes Gehirn erforderlich.
»Die Anzahl der Neuronen korreliert nicht mit den kognitiven Fähigkeiten«, sagt Olli Loukola, Verhaltensbiologe an der finnischen Universität Oulu und Mitautor der neuen Studie. »Möglicherweise benötigen Tiere mit größeren Körpern auch größere Gehirne – oder Tiere, die vermehrt auf ein Langzeitgedächtnis angewiesen sind, brauchen größere Gehirne, während Bienen in sich rasch verändernden Umgebungen leben.«
Kugel rollen, draufsteigen, fressen
Die Forscher teilten die Hummeln für mehrere Experimente in Gruppen auf. Der Aufbau war stets gleich: eine kleine Kammer mit mehreren Vertiefungen im Boden. Rollte das Insekt eine Styroporkugel in die richtige Vertiefung, konnte es auf die Kugel klettern und von einer mit Zucker gefüllten künstlichen Blume an der Kammerdecke trinken. Die Kammer war so gebaut, dass die Hummeln weder unter die Blume schweben noch sie vom Boden aus erreichen konnten.
Der Test war bewusst so konzipiert, dass er sich von Situationen in der natürlichen Umgebung der Tiere unterschied. Zwar rollen Hummeln gerne Bälle zum Spaß umher, doch es gibt keine Hinweise darauf, dass sie in freier Wildbahn einen Ball an eine Stelle bringen würden, um an eine Nahrungsquelle wie eine Blume zu gelangen.
»Wir waren nicht an ihrem Instinktverhalten interessiert, sondern an ihrer Flexibilität bei der Entscheidungsfindung«, sagt Loukola. »Man braucht etwas, das für sie unnatürlich ist. Sie müssen eigentlich keine Gegenstände rollen, wenn sie auf Nahrungssuche sind.«
Den Insekten wurde nicht beigebracht, wie der Ball unter der Blume verwendet werden muss. Zu Beginn des Experiments wussten sie lediglich, dass sich in der Blume eine zuckerhaltige Belohnung befand und der Ball beweglich war. Insgesamt rollten 16 der 22 getesteten Tiere den Ball erfolgreich in die richtige Vertiefung und kamen in den Genuss der Belohnung.
Schummel-Hummeln
Nicht jede Hummel war erfolgreich. Das bedeute jedoch nicht, dass es so etwas wie einfältige Hummeln gibt, sagt Loukola. Die Tiere ähnelten vielleicht auch Menschen, fährt er fort: Manchen fehle es womöglich an Motivation, oder sie seien zu gestresst oder zu hungrig, um das Problem zu lösen. Und einige Hummeln, die den Test formal nicht bestanden haben, könnten ihre Artgenossen sogar übertroffen haben – indem sie lernten, nicht härter, sondern klüger zu arbeiten.
»Wir haben das in der Veröffentlichung nicht erwähnt, aber eine sehr coole Sache, die wir beobachtet haben und die nicht als Erfolg gewertet werden konnte, war: Einige Individuen haben geschummelt«, sagt Hauptautor Akshaye Bhambore von der Universität Oulu. »Das Experiment war so konzipiert, dass sie nicht gleichzeitig fliegen und trinken konnten, weil die Kammer zu niedrig war – sie mussten also den Ball als Werkzeug nutzen. Doch ein paar wenige Exemplare fanden heraus, dass sie den Ball gar nicht brauchen und sich einfach an der Decke festhalten und so versuchen konnten, aus der Blume zu trinken.«
Die Fachleute planen bereits neue Experimente, um die physiologischen Reaktionen der Hummeln beim Problemlösen besser erfassen zu können. Die Tests sollen zeigen, ob Hummeln so etwas wie einen Aha-Moment erleben, ähnlich wie Menschen, wenn sie den besten Weg zu einer gewünschten Lösung finden. Womöglich wird auch klar, wie viel die Tiere von der Welt um sie herum verstehen, ob sie die physikalischen Eigenschaften von Objekten erkennen, und wie sie ihre Umwelt zu ihrem eigenen Vorteil verändern können.
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