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Humorwüste: Witze von Forschern sind meist nicht witzig

Ein guter Witz kann einen wissenschaftlichen Vortrag auflockern. Das Publikum hört dann auch besser zu. Einziges Problem: Gute Witze sind rar.
Ein Mann in einem weißen Laborkittel und Schutzbrille steht vor einem neutralen Hintergrund. Er zeigt mit beiden Händen in eine Richtung und hat einen ausdrucksstarken Gesichtsausdruck. Der Laborkittel hat eine Tasche mit einem Stift darin. Der Mann trägt ein Hemd mit Krawatte unter dem Kittel.
Auge zu und durch: Eine Grimasse kann lustig sein – muss sie aber nicht.

Jeder weiß, dass ein guter Witz einen Vortrag auflockern kann. Doch leider sind gute Witze Mangelware – zumindest laut einer Untersuchung von gut 530 Vorträgen, die auf Tagungen von Biologen und Biologinnen gehalten wurden.

Zwei Drittel der Witze während Vorträgen verfehlten ihre Wirkung. Sie lösten, wenn, nur höfliches Schmunzeln oder gar keine Lacher aus. Knapp einem Viertel der Scherze konnte ein »mäßiger Erfolg« bescheinigt werden; sie entlockten etwa der Hälfte des Publikums hörbares Lachen. Bloß neun Prozent brachten die meisten oder alle Anwesenden dazu, begeistert loszubrüllen. Fairerweise muss man sagen, dass 42 Prozent der Witze spontane Bemerkungen zu Pannen bei eigenen Präsentationen waren, wie zum Beispiel Fehlfunktionen bei den Folien. Diese Aussagen zielten also nicht darauf ab, das Publikum von den Sitzen zu reißen. Und möglicherweise erwarten Zuhörerinnen und Zuhörer bei Konferenzen auch keine Witze, was es erschwert, das Publikum überhaupt zum Lachen zu bringen.

Etwa 40 Prozent der untersuchten Vorträge waren gänzlich witzlos. Soll heißen: Die Rednerinnen und Redner machten überhaupt keine Anstalten, lustig, witzig oder humorvoll zu sein. Damit lag zwar das Risiko eines missglückten Scherzes bei null, aber zugleich erhöhte sich wohl das Risiko, vor einem gelangweilten Publikum zu sprechen. Die neue Studie ist am 18. März 2026 in den »Proceedings of the Royal Society B« erschienen.

»Humor ist eine Fähigkeit, die Wissenschaftler nicht unbedingt priorisieren«, sagt Mitautorin Victoria Stout, die Improvisationstheater in einer Truppe namens STEM Fatales macht und am Sacramento City College in Kalifornien Studierende der Naturwissenschaften betreut. »Ich finde, [Wissenschaftler] sollten das aber tun«, so Stout, die einige Tipps für all jene hat, die es einmal ausprobieren möchten (siehe »Kleine Witzologie«). »Mehr Menschen werden mit Ihnen zusammenarbeiten wollen, wenn Sie sich trauen. Man wird sich an Sie erinnern.«

Machst du Witze?

Stout arbeitete an ihrer Promotion in Umweltwissenschaften, als sie aus Langeweile anfing, auf einer Konferenz Witze zu dokumentieren. Daraus entwickelte sich schnell eine umfassende Studie, die sie gemeinsam mit dem Höhlenökologen Stefano Mammola vom Nationalen Forschungsrat in Rom und anderen Kollegen durchführte.

Insgesamt besuchten die Teammitglieder 531 Vorträge auf 14 Biologiekonferenzen, die zwischen 2022 und 2024 stattfanden. Sie dokumentierten 870 humoristische Versuche, die sie anhand bestimmter Signale identifizierten, etwa wenn ein Redner kurz pausierte, um einem Lacher Raum zu geben.

Männer erzählten etwas häufiger Witze als Frauen, vielleicht weil sie sich eher trauten, vermuten die Autoren. Und fast 60 Prozent der Vorträge enthielten mindestens einen lustigen Moment.

»Das ist mehr, als ich gedacht hätte. Gut für die Biologen«, sagt die Medizinerin Taylor Soderborg, die auch Geschäftsführerin von Science Riot ist, einer gemeinnützigen Organisation für Kommunikationstraining in Denver. Sie war nicht an der Studie beteiligt.

Auch schlechte Gags haben etwas Gutes

Die häufigsten Witze waren Eingeständnisse, dass beim Vortrag etwas schiefgelaufen war, es beispielsweise eine technische Panne gab. »Das ist einfach menschlich, mehr nicht«, sagt Stout. Andere Witze konzentrierten sich auf das Thema des Vortrags oder griffen lustige Begebenheiten aus der Forschungsarbeit auf. Es gab auch einige Anspielungen auf die Popkultur und Versuche, mit Körperkomik zu punkten.

Gedämpftes Lachen bedeute aber keinen Misserfolg, fügt Stout hinzu. »Selbst bei Witzen, die nur ein Stöhnen hervorrufen, entspannen sich die Leute«, sagt sie. »Humor kann die Stimmung im Raum verändern und den Kopf freimachen.«

Das Team weiß nicht, ob Forscher anderer Fachgebiete lustiger oder nüchterner sind als Biologen. Doch Stout plant, im Dezember an der Jahrestagung der American Geophysical Union – einer der weltweit größten Wissenschaftskonferenzen – teilzunehmen, um dort ihre Forschungen auszubauen.

Aufgewacht!

Witze seien eine großartige Möglichkeit, die Aufmerksamkeit zu steigern, sagt Soderborg. »Trotz der unglaublichen Fülle an interessanten Inhalten auf Konferenzen kann es schwierig sein, bei der Sache zu bleiben. Und mit ›bei der Sache bleiben‹ meine ich, wach zu bleiben«, erklärt die Medizinerin. »Humor kann das zu 1000 Prozent ändern. Bei keiner meiner Comedy-Shows ist jemals jemand eingeschlafen.«

Frühere Forschungen zur öffentlichen Wissenschafts- und Bildungskommunikation haben gezeigt, dass Lachen das Lernen fördert, Inhalte einprägsamer macht und die Bindung zum Vortragenden stärkt. Der Evolutionsökologe Stephen Heard von der kanadischen University of New Brunswick in Fredericton und seine Kollegen haben herausgefunden, dass Forschungsarbeiten mit humorvollen Titeln einen Vorteil haben, weil sie womöglich eher geteilt und gelesen werden.

»Unsere Fachliteratur ist im Großen und Ganzen ziemlich langweilig. Es ein wenig auf die Spitze zu treiben, macht Spaß und scheint tatsächlich zu helfen«, sagt Heard. Er will die neue Studie für einen Ig-Nobelpreis nominieren – den Preis für Wissenschaft, die »zuerst zum Lachen bringt und dann zum Nachdenken«. Stout findet: »Das ist großartig.«

Kleine Witzologie

Tipps fürs Witzemachen bei Vorträgen – zusammengestellt von Victoria Stout, die in der Studierendenbetreuung am Sacramento City College tätig ist und auch als Comedian auftritt.

  • Entscheidend ist, dass Sie authentisch sind. Aber extrem sarkastisch oder gemein zu sein, ist deplatziert.
  • Nutzen Sie Humor, um eine Bindung zum Publikum herzustellen, nicht um Menschen auszuschließen.
  • Wissenschaftler mögen Wortspiele und Analogien.
  • Menschen entspannen sich schon beim Versuch eines Witzes. Das ebnet den Weg für spätere wirklich gute Pointen.
  • Wissenschaftler haben unglaublich interessante Lebenswege – und Humor entsteht aus persönlichen Erlebnissen. Deshalb können auch Sie witzig sein.

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  • Quellen
Mammola, S. et al., Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 10.1098/rspb.2025.3000, 2026

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