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Tierphysiologie: Hunger auf Blutwurst

Stechmücken sind lästig - und als Krankheitsüberträger auch manchmal nicht ganz ungefährlich. Spinnen dagegen, obwohl meist ebenso unbeliebt, erweisen sich häufig als nützlich, verspeisen sie doch die surrenden Plagegeister. Eine kleine Springspinne aus Ostafrika schätzt dabei besonders prall blutgefüllte Mägen.
<i>Evarcha</i> mit BeuteLaden...
Pfui Spinne: Kaum taucht solch ein haariger oder hagerer Achtbeiner in der Wohnung auf, drohen ihm meist Staubsauger, Kehrschaufel oder bei etwas freundlicher gesinnten Zweibeinern der Exodus unter einem übergestülpten Glas, um den unerwünschten Neusiedler ganz schnell wieder loszuwerden. Dabei könnte der hungrige Jäger so manchem auch nicht gelittenen Insektenbesuch ebenso Tödliches zuleide tun wie die Fliegenklatsche.

Denn Spinnen, so könnte man denken, fressen alles, was ihnen ins Netz oder zwischen die Klauen gerät – Hauptsache einwickelbare knackige Chitinhülle mit saftigem Innenleben zum Schlürfen. Dass sich aber auch hier wahre Gourmets verbergen, die Wirbeltier-Blutwurst in Insektendarm bevorzugen, überraschte sicher nicht nur Robert Jackson vom Forschungsinstitut für Insektenphysiologie und -ökologie in Nairobi.

<i>Evarcha</i> bei der MahlzeitLaden...
Evarcha bei der Mahlzeit | Mjam: Für Evarcha culicivora, eine kleine ostafrikanische Springspinne, gibt es nichts Leckeres als Stechmückenweibchen, die sich gerade den Bauch mit Blut vollgeschlagen haben.
Dort hegt und pflegt man schon seit langem eine erfolgreiche Zucht von Evarcha culicivora, einer kleinen, nur in Ostafrika vorkommenden Springspinne. Sie lebt in Baumstümpfen und den Wänden dortiger Gebäude, vor allem, wenn diese von Stechmücken nur so wimmeln. Denn wie ihr Artname schon verrät, frisst sie diese offenbar mit Begeisterung: "culici" steht für Culicidae, die wissenschaftliche Bezeichnung für die Familie der Stechmücken, und "vora" für das lateinische vorax, übersetzt gefräßig. Nun sind die lästigen Moskitos im Vergleich zu ähnlich großem anderen Mückengetier aber eher in der Unterzahl. Müsste sie daher eigentlich ihren Namen ändern?

Jackson und seine Kollegen starteten einen peniblen Speiseplantest: Sie montierten verschiedene mögliche Beute auf Korkplättchen und stellten die Springspinnen vor die Wahl: Wie wär's mit einer dicken Zuckmücke? Oder ein Moskitomännchen? Vielleicht doch eher ein Stechmückenweibchen, gut gerundet von der Zuckersaftdiät? Oder lieber deren Artgenossinnen, den Bauch noch prall gefüllt mit der letzten Blutmahlzeit, die es alle drei Tage zu futtern gab?

Selten fallen Verhaltensstudien so eindeutig aus: Zielstrebig entschieden sich acht von zehn Evarcha für die Vampirkost – selbst wenn sie dabei mit einer kleineren Beute vorlieb nehmen mussten, obwohl ihnen eine größere, blutfreie Alternative angeboten wurde. Schon den Kleinen waren die Präferenzen in die Wiege gelegt, denn unabhängig von generationenlanger Abstinenz strebten auch sie zum blutgefüllten Happen, sogar wenn dieser ihre Beutevertilgungskapazitäten eigentlich überschritt und daneben ein größenangepasster Ersatz lockte.

Letzteres beweist einmal mehr, dass Springspinnen im Gegensatz zu vielen ihrer Verwandten hervorragend sehen können und ihre Augen dementsprechend bei der Jagd einsetzen. Doch auch die Nase überzeugt: Ließen die Forscher die Tiere den Geruch von potenziellen Beutetieren der oben genannten Varianten schnuppern, überzeugte der Duft – in welcher Form auch immer – sogar neun von zehn Probanden, in Richtung Moskitoweibchen mit blutgefülltem Magen zu eilen.

Dieser volle Bauch macht die Beute natürlich schwerfällig – wird sie deshalb so gern verspeist? Einfach, weil sie leicht zu jagen ist? Nein, erklären Jackson und seine Kollegen: Sie hatten ihre Experimente schließlich mit festgenagelten Lockmitteln durchgeführt – da die verschiedenen Leckerbissen so in tödlicher Ruhe verharrten, konnte deren Trägheit keine unmittelbare Rolle gespielt haben. Das schließt aber nicht aus, dass dieses leichtere Erbeuten der Spinnenvorliebe einst den Weg ebnete.

Es scheint den Springspinnen also tatsächlich nicht nach Insektenkörperpastetchen, sondern nach Wirbeltierblutfülle zu gelüsten. Ein Begehren, das sie auf direktem Wege gar nicht erfüllen können: Ihre Mundwerkzeuge sind zwar bestens geeignet, Stechmücken zu vernaschen, aber keineswegs dazu, Mensch, Ratte oder ähnlichen Blutgeschöpfen zu nahe zu treten. Noch nicht veröffentlichte Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass es die Blutmahlzeit für die Achtbeiner wirklich in sich hat – doch da wollen Jackson und Co noch nicht zu viel verraten. Bedeutet: Fortsetzung folgt.
13.10.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13.10.2005

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