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Geburtenstatistik: Hunger soll für Töchter sorgen

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Frauen gebären häufiger Töchter, wenn sie während der Schwangerschaft und davor von Hungersnöten bedroht waren, meint der Soziologe Shige Song von der City University in New York nach einer Auswertung von Geburtendaten aus China [1]. Die Zahlen waren von 300 000 chinesischen Frauen erfragt worden, die zwischen Herbst 1929 und Sommer 1982 Kinder bekommen hatten. Die Analyse zeige, so der Forscher, dass sich das Verhältnis von neugeborenen Jungen zu neugeborenen Mädchen im Zuge des chinesischen "Großen Sprungs nach vorn" hin zu mehr Mädchen verschoben habe. In der zeitgeschichtlichen Epoche von 1958 bis 1961 hatte die chinesische Führung das Ziel verfolgt, die Industrieproduktivität zu steigern; dies sollte unter anderem durch den Einsatz umgesiedelter Landarbeiter erreicht werden. Der "Große Sprung nach vorn" war in schweren landesweiten Hungersnöten mit Millionen von Opfern gemündet, nachdem die landwirtschaftliche Produktion massiv eingebrochen war.

Laut Song dauerte es gerade einmal ein Jahr, bis die Episode sich in der Geburtenstatistik niederzuschlagen begann: Waren im April 1960 noch 109 Knaben- auf 100 Mädchengeburten gekommen, so wurden im Oktober 1963 – zwei Jahre nach dem Ende der Hungersnöte – nur noch 104 männliche auf 100 weibliche Babys geboren. Das vorherige Ausgangsniveau wurde dann erst wieder um den Juli 1965 herum erreicht.

Das Absinken der Geburtenrate von männlichem Nachwuchs in Hungerphasen würde eine seit Längerem kursierende biologische Hypothese bestätigen, nach der die Wahrscheinlichkeit, ob ein männliches oder weibliches Kind geboren wird, auch durch die Umweltbedingungen mitbestimmt wird. Dies könnte biologisch sinnvoll sein, weil schlecht ernährte, gesundheitlich angeschlagene männliche Organismen in der Regel weniger Nachwuchs produzieren als ähnlich schlecht ernährte weibliche Organismen. Um die Population insgesamt trotz schlechter Umweltbedingungen stabil zu halten, sollten daher mehr weibliche, robustere Nachkommen geboren werden.

Einige Daten aus dem Tierreich – etwa an Rotwild [2] – belegen die Theorie; sie am Menschen zu beweisen, gelang bisher allerdings nicht – unter anderem, weil die Datenlage gerade für ausgewiesene Hungerszeiten schwach ist. Frühere Untersuchungen über das Geschlechterverhältnis von Neugeborenen während der Hungersnot im holländischen Kriegswinter 1944/45 [3,4] oder der Belagerung Leningrads 1945 [5] brachten keine eindeutigen, allgemein akzeptierten Erkenntnisse.

Song denkt nun, dass er mit den Daten seiner Untersuchung eine solideres, weil breiteres Fundament für die statistische Analyse hat. Vor allem habe die chinesische Hungersnot größere Ausmaße angenommen, länger angedauert und vor allem viel mehr Menschen betroffen. Somit könne er nun sogar eingrenzen, dass es mindestens ein Jahr dauere, bis der beobachtete Effekt durchschlägt.

Der analysierte Datensatz war 1982 erhoben worden, als die chinesischen Behörden Frauen über ihre gesamte Geburtenhistorie befragt hatten; somit stehe und falle die Aussagekraft mit der Ehrlichkeit der Befragten. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass andere Faktoren als die Nahrungsknappheit das Geschlechterverhältnis beeinflusst haben – etwa die psychologischen und physischen Herausforderungen, denen sich die chinesische Bevölkerung während des "Großen Sprungs" ausgesetzt sah. Die Methodik erlaubt zudem nur, eine statistische Korrelation zu errechnen; der Kausalzusammenhang zwischen häufigeren Mädchengeburten und Hunger ist damit aber keineswegs erwiesen. Die Studie könne somit gut das Schicksal anderer Untersuchungen auf ähnlichem Gebiet teilen, deren Schlussfolgerungen später stark in Zweifel gezogen wurden.

Song möchte seine Resultate nun überprüfen, indem er weitere Daten aus jüngerer Zeit analysiert – etwa aus Befragungen im Jahr 1988. Damals war in China die Ein-Kind-Politik schon etabliert, bei der ein System aus Sanktionen und Vergünstigungen dafür sorgen soll, dass Familien nur in Ausnahmefällen mehr als ein Kind bekommen. Die Ein-Kind-Politik war 1978 eingeführt worden und hatte allmählich dazu beigetragen, dass immer mehr Jungen in China geboren wurden, von denen sich Eltern häufig eine größere wirtschaftliche Stabiliät für die Familie versprechen. Auswirkungen auf die Geburtenhäufigkeit der von Song ausgewerteten Daten von 1982 habe die Ein-Kind-Politik aber noch nicht gehabt, meint der Wissenschaftler: In den ersten Jahren nach der Einführung hatten die Eltern beispielsweise noch kaum die Möglichkeit gehabt, das Geschlecht ihres Ungeborenen per Ultraschall zu ermitteln; die später häufigeren Abtreibungen von Mädchen kamen daher noch nicht vor.

13. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13. KW 2012

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