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Risikowahrnehmung: Weibliche Hurrikane sind tödlicher

Werden Wirbelstürme als schwächer eingestuft, wenn sie einen Frauennamen tragen? Zumindest in den USA könnte diese Einschätzung zutreffen - ein oft tödlicher Fehler.
Sturm "Hanna" und Hurrikan "Gustav"

Arthur, Bertha, Cristobal, Dolly, Edouard, Fay – so sollen die ersten sechs Hurrikane heißen, die in der anstehenden Wirbelsturmsaison durch den Atlantik ziehen könnten. Seit 1979 benennt das US-amerikanische National Hurricane Center die aufziehenden Stürme abwechselnd mit Männer- und Frauennamen. Doch diese Praxis müssen die Meteorologen eventuell noch einmal überdenken. Denn Hurrikane mit weiblichem Titel werden offensichtlich von der Bevölkerung weniger ernst genommen und führen deshalb zu mehr Todesfällen als ihre männlichen Gegenstücke. Das zumindest legt eine Auswertung eines gemischtgeschlechtlichen Teams um Kiju Jung und Sharon Shavitt von der University of Illinois in Urbana-Champaign nahe.

Im Schnitt kommen in den Vereinigten Staaten jährlich rund 200 Menschen durch Hurrikane ums Leben. Doch zeigen sich dabei laut der Auswertung der Wissenschaftler deutliche Abweichungen zwischen den unterschiedlich benannten Wirbelstürmen: So sterben durch einen Hurrikan der höchsten Kategorien 4 und 5 rund 15 Personen, wenn er einen starken männlichen Namen wie Charly trägt. Umgekehrt verdreifacht sich fast die Zahl der Opfer bei einem Monstersturm mit starkem weiblichem Namen wie "Eloise" auf mehr als 40 Menschen. Die verwendete Statistik umfasste 94 Hurrikane, die das US-amerikanische Territorium zwischen 1950 und 2012 getroffen hatten. Allerdings wurden die Stürme bis 1978 im Atlantik generell nur mit weiblichen Namen versehen, doch unterschieden die Forscher auch nach stärker und schwächer feminisierten Namen wie Kim, den beide Geschlechter tragen könnten. Der generelle Trend ließ sich jedoch über alle Jahrzehnte hinweg beobachten.

Weibliche Hurrikane sind tödlicher
Weibliche Hurrikane sind tödlicher | 2008 zogen vier tropische Stürme beziehungsweise Hurrikane mit ergiebigen Niederschlägen über Haiti. Kurz hintereinander folgten der Wirbelsturm "Gustav" und das Tief "Hanna" (hier im Bild). Laut der Studie dürfte rein vom Namen her auch "Gustav" für mehr Schrecken gesorgt haben als "Hanna".

In einem zweiten Schritt überprüften Shavitt und Co ihre These, indem sie in insgesamt sechs verschiedenen Tests zwischen 100 und mehr als 360 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Parameter in Zusammenhang mit der potenziellen Naturkatastrophe bewerten ließen. So sollten die Probanden einschätzen, wie stark die ersten sechs Hurrikane der Saison 2014 ausfallen könnten. Das Ergebnis: Die "Männer" wurden im Mittel deutlich kräftiger eingestuft als die "Frauen". In den weiteren Befragungen ging es darum, wie gefährlich sie prinzipiell verschiedene Wirbelstürme einstufen würden (Alexander versus Alexandra versus namenlos) und ob sie einem Aufruf zur Evakuierung Folge leisten würden. Auch hier zeigte sich das gleiche Resultat: Wirbelstürme mit männlichem Namen zogen eine stärkere Risikowahrnehmung und Bereitschaft zur Flucht nach sich als Pendants mit weiblichem Titel.

Unterschwellige Geschlechterstereotype

Eine Erklärung für dieses Verhalten haben die beteiligten Psychologen und Statistiker der Studie natürlich auch parat: geschlechtsspezifische Stereotype. Sie berufen sich auf zahlreiche Studien, nach denen Männer überdurchschnittlich oft als stark und aggressiv wahrgenommen werden, während man Frauen eher körperliche Schwäche, Wärme und passives Verhalten zuschreibt. Männer neigen zudem häufiger zu gewalttätigem Handeln, weshalb man sie auch stärker als Frauen mit negativen Folgen wie Verwundungen oder Zerstörungen verbinde, so die Forscher. Unterbewusst werde dies auf Naturereignisse wie Hurrikane übertragen und mit entsprechendem Verhalten beantwortet – ein Aspekt, den man zukünftig bei der Vorsorge unbedingt berücksichtigen müsse.

Die Studie bezieht sich allerdings explizit auf die Vereinigten Staaten und deren Hurrikanstatistik. In anderen betroffenen Ländern wie in den Staaten Zentralamerikas mit schlechteren Vorwarnsystemen oder Medienabdeckung dürfte der Zusammenhang wohl nicht mehr haltbar sein. Von den acht atlantischen Wirbelstürme mit den meisten Todesfällen insgesamt tragen vier einen männlichen und vier einen weiblichen Namen – trauriger Spitzenreiter mit rund 11 000 Toten und genauso viel Vermissten in Nicaragua und Honduras war "Mitch" 1998.

23. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23. KW 2014

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