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Medizingeschichte: Ein Fall für die Psychiatrie?

Wie viel tragen geistige und körperliche Prozesse jeweils zu neuropsychiatrischen Beschwerden bei? Diese Frage beschäftigt die Neurologie seit ihrer Entstehung – und führte schon zu vielen Fehldeutungen.
Die künstlerische Illustration zeigt eine Person, die am Rand einer großen, dunklen Klippe steht, deren Umrisse einen menschlichen Kopf zeichnen.
Alles nur im Kopf? In der Geschichte der Neurologie musste die Psyche schon als vermeintlicher Verursacher so mancher Hirnerkrankungen herhalten. Und: Die Tendenz besteht zum Teil noch heute fort, wie das Beispiel ME/CFS zeigt.

8. April 1880: Im überfüllten Hörsaal der berühmten Pariser Nervenklinik Hôpital de la Salpêtrière herrscht gespannte Stille. Der Pathologe Jean-Martin Charcot hat Ärzte, Studenten und Journalisten zu einer Vorführung der »grande hystérie« geladen. Die Gäste erwartet ein Mix aus Vortrag und Theater. Assistenten von Charcot begleiten eine Modellpatientin in den Saal, die unter dem Namen Augustine in interessierten Kreisen bereits Bekanntheit erlangt hat. Einer der Helfer versetzt sie durch gezielten Druck auf Punkte am Hals und am Unterleib in Hypnose. Staunend beobachtet das Publikum, wie der Körper der jungen Frau erst erschlafft, ihre Muskulatur dann heftig auf kleinste Schläge reagiert und sie schließlich zur Statue erstarrt.

Im Alter von 14 Jahren kam Augustine um 1875 in die Anstalt, fünf Jahre sollte sie dort leben. Bei der »Hysterie« der jungen Frau handle es sich um ein medizinisch reproduzierbares Phänomen, erklärt Charcot seinen Zuschauern. Dann steuert er auf den Höhepunkt seiner Demonstration zu. Zwei Stühle stehen auf der Bühne bereit. Auf Anweisung des Professors legen Assistenten die willenlose Patientin mit dem Hals auf die Rückenlehne des einen, mit den Knöcheln auf die des anderen Stuhls. Ihr Rumpf wirkt starr wie ein Brett. Er schwebt frei in der Luft, gehalten durch eine groteske Muskelspannung.

Etwa so wie in dieser Schilderung haben sich die berüchtigten »Dienstagsvorlesungen« historischen Quellen zufolge abgespielt. Im ausklingenden 19. Jahrhundert lud Charcot (1825–1893), der als Begründer der modernen Neurologie gilt, regelmäßig zu ihnen ein. Die Szene auf den Stuhllehnen ließ er fotografisch festhalten; sie ist in einem Band der Iconographie photographique de la Salpêtrière verewigt.

Die vorgeführte Patientin | Jean-Martin Charcot im Jahr 1887 bei einer seiner Demonstrationen: Er führt seinen Gästen eine hypnotisierte Patientin vor, die in der Pariser Nervenklinik Hôpital de la Salpêtrière bei ihm wegen »Hysterie« in Behandlung ist.

Die Fragen, mit denen sich der Franzose zeitlebens befasste, sind zum Teil weiterhin aktuell. Denn in Fachkreisen wird noch immer darüber diskutiert, welchen Einfluss die Psyche und welchen der Körper bei der Entstehung neuropsychiatrischer Beschwerden hat. Charcot selbst tat sich bei der Trennung von körperlich und geistig ziemlich schwer. Die zu seiner Zeit in Mode geratene Diagnose »Hysterie« (deren Symptome man heute mehrheitlich dissoziativen und neurologischen Störungen zuordnet) betrachtete er zunächst als organische Erkrankung. Die von ihm vermuteten zugrunde liegenden Hirnschäden fand er jedoch nie. Später sprach er von einer »funktionellen Störung« des Nervensystems, bis er schließlich in einer Vorlesung sagte: »Hysterie muss genommen werden als das, was sie ist: eine psychische Erkrankung par excellence.« So jedenfalls zitierte ein Student den Professor in einem handschriftlichen Transkript. Bevor der Text publiziert wurde, schwächte Charcot die Formulierung ab, verortete die Ursachen »nur« noch zu drei Vierteln in der Psyche – ganz sicher war er sich anscheinend nie. Heute gibt es die Diagnose Hysterie überhaupt nicht mehr.

Das Grundproblem der Neurologie

Ist ein Leiden nun psychisch oder körperlich bedingt, gehört es in den Bereich der Psychiatrie oder der organischen Medizin? Die Aufteilung von Krankheiten und Symptomen in diese Kategorien bringt einige Probleme mit sich. Immer wieder erhalten Patienten aufgrund falscher Krankheitskonzepte nur unzureichende Therapien. Dass es in der Neurologie besonders oft zu solchen Irrtümern kommt, führt der Medizinhistoriker Heiner Fangerau von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf auf die enge Verbandelung des Fachgebiets mit der Psychiatrie zurück.

»Wenn man in den Wald geht und keine Pilze findet, heißt das nicht, dass keine Pilze da sind«Heiner Fangerau, Medizinhistoriker

Das liegt nicht nur an der Arbeit der Diagnostiker, sondern vor allem an vorherrschenden Krankheitskonzepten und den verfügbaren Methoden. Denn selbst mit gründlicher Untersuchung lassen sich zum Teil keine physischen Ursachen für eine Erkrankung finden. Und genau dann fällt der Verdacht häufig automatisch auf die Psyche. Doch Fangerau mahnt: »Wenn man in den Wald geht und keine Pilze findet, heißt das nicht, dass keine Pilze da sind.« Hinter den Beschwerden können durchaus körperliche Veränderungen stecken – möglicherweise lassen sie sich nur nicht mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen nachweisen. Die Haltung »Was sich nicht messen lässt, kann auch nicht da sein« sei aber gerade im Gesundheitswesen sehr verbreitet, beobachtet der Medizinhistoriker.

Die Geschichte der Neurologie wartet mit einer ganzen Reihe von Fehlschlüssen auf. So stellte etwa die Multiple Sklerose (MS) Ärzte lange Zeit vor Rätsel. Die Krankheit verläuft in der Regel in Schüben, bei denen Betroffene zunehmend neurologische Beschwerden entwickeln. Die Symptomatik kannte man zwar schon im Mittelalter. Über ihre Einordnung war man sich jedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein unsicher. 1868 definierte Charcot MS schließlich erstmals als eigenständiges neurologisches Krankheitsbild. Heute ist sie fest als Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems anerkannt.

Fortschritte bei den Diagnosewerkzeugen trugen entscheidend zu der Entwicklung bei. Spätestens als in den 1970er- und 1980er-Jahren Computer- und Magnetresonanztomografie in den klinischen Alltag einzogen, wurde klar: MS geht mit Gewebeschäden im Gehirn einher. Bevor sich dieses Wissen durchsetzte, seien zahlreiche Betroffene als hysterisch klassifiziert worden, schreibt Colin Talley von der Emory University in Atlanta. Er hatte sich bereits in seiner Dissertation mit der Geschichte der Erkrankung in den USA befasst.

Beim vormals rätselhaften Tourette-Syndrom war es ein Medikament, das den Durchbruch ermöglichte. So gilt die Störung mit ihren markanten Tics – also unkontrollierten Bewegungen oder Ausrufen – heute längst nicht mehr als psychisch verursacht. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen dagegen falsche Erziehungsmethoden im Verdacht, das Verhalten auszulösen. Der Wirkstoff Haloperidol offenbarte jedoch, dass ihm neuronale Prozesse zugrunde liegen müssen. Die Arznei blockiert Dopaminrezeptoren im Gehirn und lindert damit die Tic-Symptomatik maßgeblich.

Die infektiöse »Paralyse der Verrückten«

Auch der Blick auf die Neurosyphilis hat sich in den vergangenen 150 Jahren eindrücklich gewandelt. Als »Paralyse der Verrückten« fand sie im 19. Jahrhundert in Lehrbücher über psychiatrische Störungen Eingang. Damals litten zahlreiche Insassen sogenannter Irrenanstalten unter Symptomen, die auf sie zurückgingen. 1913 wies der japanische Bakteriologe Hideyo Noguchi den Syphiliserreger, Treponema pallidum, im Hirngewebe verstorbener Betroffener nach. Die Entdeckung klärte nicht nur, dass Neurosyphilis keine »Geisteskrankheit« ist. Sie zeigte auch erstmals, wie ein Infekt psychische Symptome bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen hervorrufen kann.

Selbst heute kommt es jedoch gelegentlich noch zu Fehldiagnosen. 2024 veröffentlichte etwa ein Team um den Düsseldorfer Psychiater Aykut Aytulun den Fall eines 63 Jahre alten Mannes, der mit schwerer Depression, Wahnvorstellungen und akustischen Halluzinationen stationär in die Psychiatrie kam. Dank Psychopharmaka besserte sich sein Zustand, bis er acht Jahre später einen Rückfall erlitt. Erst dann wurde klar, dass ein früheres Geschwür am Penis des Patienten, das ohne weiteres Zutun wieder verschwunden war, den Schlüssel zu seiner Diagnose darstellte. Der alte Befund brachte die Ärzte auf die richtige Spur: Der Mann litt an einer Neurosyphilis. Er erhielt eine Antibiotikatherapie und sein Zustand verbesserte sich nachhaltig.

Was die Diagnose von Epilepsie erschwert

Bei der Epilepsie war es Charcot, der im Gegensatz zu anderen Ärzten seiner Zeit früh erkannte, dass sich hinter den Symptomen eine Hirnerkrankung versteckt. Doch häufig tritt das Krampfanfallsleiden zusammen mit psychischen Beschwerden wie Depression oder Angststörungen auf. Was die Diagnose zusätzlich erschwert, sind die vielen unterschiedlichen Ausprägungen. »Wenn ein großer Anfall auftritt, kann das jeder einordnen«, erläutert der Neurologe Felix Rosenow, der das Epilepsiezentrum der Frankfurter Universitätsmedizin leitet. »Aber es gibt Formen der Epilepsie, da ist das unklarer.« Wie wichtig eine gründliche Untersuchung ist, beschreibt er anhand eines Beispiels: »Wir hatten eine Patientin, die beim Anblick von fließendem Wasser epileptische Anfälle bekam.« Erst als parallel ihre Hirnaktivität gemessen und ihr Verhalten gefilmt wurde, ließ sich dies sicher nachweisen.

Bei manchen Betroffenen zeigt sich beispielsweise nur ein subtiles Zucken, ein dezentes Schmatzen oder eine sonstige leichte Verhaltensauffälligkeit. Wenn offensichtliche motorische Symptome fehlen, kommt es häufiger zu psychiatrischen Fehldiagnosen. Rosenow schätzt, dass ungefähr fünf Prozent der Epilepsiepatienten zunächst irrtümlich eine psychische Erkrankung attestiert wird. Umgekehrt halten Ärzte sogar rund zehn Prozent der tatsächlich funktionellen Anfälle fälschlicherweise für eine Epilepsie.

Grundsätzlich ist der Prozess, der zur Entstehung von Epilepsie führt, jedoch geklärt: überschießende neuronale Aktivität im Gehirn. Bei anderen Störungen stehen sich weiterhin gänzlich unterschiedliche Krankheitskonzepte gegenüber. Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) beklagen etwa, dass ihre Beschwerden häufig als rein psychisch gedeutet und somit falsch behandelt werden. Der Grund liegt im Leitsymptom der Krankheit, der Post-exertionellen Malaise (PEM): Überschreiten Betroffene ihre Belastungsgrenze, stellt sich nicht etwa ein Trainingseffekt ein, sondern sie bezahlen mit einer Zustandsverschlechterung.

Was Betroffenen mit ME/CFS schwerfällt | Duschen, sich im Bett aufsetzen oder das Haus verlassen: Eine Umfrage unter mehr als 500 Erkrankten (moderat bis sehr stark betroffen) verdeutlicht, wie häufig verschiedene Aktivitäten des täglichen Lebens noch ausgeführt werden können (von nie = 0 bis hin zu täglich = 4)

Das Rätsel um die Mechanismen von ME/CFS

ME/CFS tritt meist nach Infektionserkrankungen auf, etwa nach Covid-19. Die Neurologin Christiana Franke von der Charité in Berlin beschreibt das Syndrom als schwerste Form postakuter Infektionssyndrome. Fälle gab es schon Jahrzehnte vor der Covid-Pandemie, als mögliche Auslöser gelten unter anderem das Epstein-Barr-Virus und diverse Bakterien. Die Weltgesundheitsorganisation klassifizierte ME/CFS 1969 als neurologische Erkrankung. In welchem Maß sie auf Veränderungen im Gehirn oder in den dort ansässigen Zellen zurückgeht, ist in Fachkreisen jedoch weiterhin umstritten.

Im November 2025 kam es diesbezüglich auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zu intensiven Debatten. In einer Podiumsdiskussion zu ME/CFS betonte Franke: »Es ist eine interdisziplinäre Erkrankung«, und appellierte: »Ohne die Neurologie geht da nichts.« Christian Geis vom Universitätsklinikum Jena war anderer Meinung. Er erklärte, dass er ME/CFS gerade nicht in dem Fachbereich verorte. Geis und sein Nürnberger Kollege Frank Erbguth gehören zu den Hauptautoren einer im Juli 2025 publizierten Stellungnahme der DGN zum Forschungsstand bei ME/CFS. In der Diskussion ließen beide wenig Zweifel daran, dass sie die Patienten am besten in der Psychosomatik oder der Psychiatrie aufgehoben sehen.

Die genauen Mechanismen sind noch nicht geklärt, aber jüngere Forschungsergebnisse haben die neuroimmunologische Sicht gestärkt: Bei ME/CFS-Erkrankten zeigen sich fehlgesteuerte Stoffwechselvorgänge in der Muskulatur, mitochondriale Schäden sowie auffällige Autoantikörper. Dennoch sind es gerade Neurologen, die die Erkrankung teils vehement als psychisch bedingt einordnen. Womit sich die Frage stellt: Wie viel hat das Fach aus seinen historischen Fehlern gelernt – und wie gut ist es davor gefeit, diese zu wiederholen?

Ein besonders folgenschwerer Irrtum liegt gar nicht lange zurück. Er betraf mit der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis eine relativ seltene, schwere Autoimmunerkrankung. Frauen sind wie auch bei MS und ME/CFS deutlich häufiger betroffen als Männer. Der prominenteste deutsche Patient war jedoch ein Tier: der Eisbär »Knut«, einst Publikumsliebling im Berliner Zoo. 2011 ertrank er bei einem Anfall. Der Charité-Neurologe Harald Prüß wies 2015 nach, dass die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis diesen ausgelöst hatte.

Wenn das Immunsystem verrücktspielt

Wegen der vorwiegend psychiatrischen Symptome wurde die Ursache der Krankheit häufig übersehen. Prüß räumte in einer Pressemitteilung ein: »Wir gehen davon aus, dass in der Vergangenheit durchaus Betroffene als psychisch krank bzw. schlichtweg ›verrückt‹ eingestuft und ohne Aussicht auf Heilung in Nervenheilanstalten verwahrt wurden.« Diese Vorstellung sei beklemmend, schließlich lasse sich die Störung mithilfe von Immunsuppressiva gut behandeln. Das ist jedoch erst seit 2007 bekannt, als klar wurde, welche Rolle Autoantikörper bei jener Form der Gehirnentzündung spielen.

Auch hinter den Beschwerden des seltenen Stiff-Person-Syndroms (SPS) steckt ein fehlreguliertes Immunsystem der Betroffenen. Bei der Krankheit, die mehrheitlich Frauen entwickeln, sorgen Antikörper gegen körpereigene Proteine für eine fortschreitende Muskelversteifung. Hinzu kommen unkontrollierte, schmerzhafte Krämpfe in Reaktion auf Geräusche, Berührungen oder Stress. Mit Immun-, Physio- und Schmerztherapie ist SPS heute meist gut behandelbar. Doch leider wird vielen Betroffenen die wirksame Therapie vorenthalten, erklärt Claudia Sommer vom Universitätsklinikum Würzburg. Sie kenne etliche Fälle, in denen Patientinnen nach Ausschluss einer rheumatischen Erkrankung an die Psychiatrie oder in eine psychosomatische Reha verwiesen worden seien. Dort durchgeführte Maßnahmen können ihre Beschwerden zwar kurzfristig lindern. Aber Psychotherapie allein hilft nicht gegen die peinigenden Krämpfe.

Eine gezielte Therapie lässt die Schmerzen hingegen oft nahezu komplett verschwinden. Voraussetzung dafür ist, dass die Krankheit richtig diagnostiziert wird. Ein Teil der Ärzteschaft ginge jedoch selbst bei einem Nachweis der problematischen Autoantikörper davon aus, dass diese für das klinische Bild keine Rolle spielten, so Sommer: »Manche Kollegen sind unbelehrbar.«

Der Faktor Geschlecht

Ein Aspekt, der wohl zu mancher Fehlinterpretation beitrug, ist das Geschlecht der Betroffenen – besser gesagt: der männliche Blick auf Patientinnen. Schon vor knapp 2400 Jahren prägte der griechische Denker Platon (428/427–348/347 v. Chr.) diese Sichtweise. Er schrieb der Gebärmutter, die auf Altgriechisch »hystéra« heißt, zahlreiche Krankheiten zu. Laut seiner These veränderte ihr »Hunger« nach Befruchtung die Position des Organs. Daraus entwickelte sich die Diagnose »Hysterie«, die Mediziner daraufhin als vorwiegend weibliches Phänomen betrachteten. Auch Charcot trug wohl zu dem Vorurteil bei: Indem er bei seinen dienstäglichen Inszenierungen regelmäßig Frauen zur Schau stellte, festigte er das Bild der Hysterie als typisch weiblich.

»Wenn Mediziner ein Krankheitsbild nicht erklären können, denken sie in Richtung der Psyche«Claudia Sommer, Neurologin

Zwar hat sich seit Platon in der Medizin vieles verändert, doch die männliche Sicht und stereotype Geschlechterbilder wirken fort. Das zeigt sich etwa im »Yentl-Syndrom«, einem Konzept, das die US-amerikanische Kardiologin Bernadine Healy 1991 im »New England Journal of Medicine« vorstellte. Sie fasste darunter Situationen zusammen, in denen sich Frauen am besten als Männer ausgeben, um eine fundierte Diagnose und optimale Versorgung zu erhalten. In Healys Fach, der Kardiologie, wird man ebenfalls fündig: Patientinnen entwickeln bei Herzinfarkten oft andere als die »typischen« Symptome, die man vor allem an Patienten erfasst und untersucht hat. Ärztinnen und Ärzte deuten ihre Bauchschmerzen, Müdigkeit und Atemprobleme deshalb häufiger falsch. Aus diesem Grund, so die Forscherin, werde ein Infarkt bei Frauen im Durchschnitt seltener und später erkannt als bei Männern.

Auch in der Neurologie lassen sich solche Effekte beobachten. »Es ist leider immer noch so: Wenn Mediziner ein Krankheitsbild nicht erklären können, denken sie in Richtung der Psyche«, erläutert Sommer. Und meist seien es eben Frauen, bei denen schwer verständliche Symptome zu der Annahme führten, »das muss wohl psychisch sein«. Der Frankfurter Neurologe Rosenow beobachtet Ähnliches: Dass eine Epilepsie verkannt und irrtümlich als Angststörung eingestuft werde, passiere eher bei Frauen. »Bei einem Mann würde man eher eine organische Ursache annehmen.«

Ist »funktionell« das neue »hysterisch«?

Die Würzburger Forscherin befasst sich noch mit einer zweiten Erkrankung, die sich an der Grenze zwischen Neurologie und Psychiatrie befindet: dem Fibromyalgiesyndrom (FMS). Betroffene entwickeln Schlafprobleme und zunehmende Schmerzen am ganzen Körper, typischerweise begleitet von psychischen Beschwerden. Sommers Arbeiten zufolge ist der chronische Schmerz nicht rein psychosomatisch bedingt. Ihr Team wies Schäden an den kleinsten Nervenfasern nach und zeigte, dass bei gut einem Drittel der Patienten und Patientinnen Autoantikörper das Nervensystem attackieren.

Abschließend geklärt sind die Ursachen des FMS bisher nicht. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt, sie als funktionelle Störung zu erklären. Bei einer solchen lässt sich mit den verfügbaren Diagnosewerkzeugen keine körperliche Veränderung nachweisen, die den Symptomen zugrunde liegt. Stress und Teufelskreismodelle spielen jeweils eine bedeutende Rolle in der vorgeschlagenen Krankheitsentstehung.

Funktionell, psychosomatisch, psychogen, hysterisch – Begriffe wie diese tauchen insbesondere dann auf, wenn die Mechanismen rätselhaft bleiben

Der betreffende Text stammt aus dem Jahr 2017 und wird derzeit überarbeitet. Eine große Diskussion, so Sommer, drehe sich dabei um die Frage: Was genau ist eine »funktionelle Störung«? Der Begriff wird heute vor allem dann verwendet, wenn sonstige Erklärungsmodelle an ihre Grenzen stoßen. Funktionell, psychosomatisch, psychogen, hysterisch – Adjektive wie diese tauchten und tauchen in der Neurologie insbesondere dann auf, wenn die Mechanismen rätselhaft blieben.

Ähnlich wie bei Post-Covid und ME/CFS ist nicht abschließend klar, was die Fibromyalgie auslöst. Muskelschmerzen entwickeln sich dabei nicht plötzlich, sondern schleichend. Es fehlen messbare Merkmale, anhand derer man das Syndrom eindeutig feststellen kann. Das erschwert die Diagnostik und lässt Raum für Interpretationen und Irrtümer. Dubiose Anbieter profitieren von dieser Unsicherheit: Wie auch bei Post-Covid und ME/CFS gibt es zahlreiche »alternative« Therapieansätze, die Abhilfe versprechen. Sie sind in der Regel nicht evidenzbasiert und beruhen zum Teil auf gänzlich unplausiblen Thesen.

Per Magengeschwür zum Nobelpreis

In der Geschichte brauchte es manchmal spektakuläre Nachweise, um mit vorherrschenden Konzepten zu brechen. So griff der australische Mikrobiologe Barry Marshall 1984 zum Selbstversuch, um zu belegen, dass Magengeschwüre nicht allein von Stressreaktionen herrühren müssen. Dazu trank er eine Nährlösung mit lebenden Bakterien der Art Helicobacter pylori. Das Experiment brachte dem Forscher heftige Bauchschmerzen, eine Magenspiegelung und 20 Jahre später den Medizin-Nobelpreis ein.

Bis dahin hatten viele Ärzte bakterielle Ursachen für Geschwüre kategorisch ausgeschlossen. Das sei ihnen nach dem riskanten Versuch »um die Ohren geflogen«, sagte Peter Henningsen vom TUM Klinikum in München auf dem ME/CFS-Podium beim DGN-Kongress: »Es gab die Phase, in der die Psychosomatik sich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt und gemeint hat, alle möglichen Erkrankungen als rein psychisch erklären zu können.«

»In der Medizin gibt es kein Nie und kein Immer«Heiner Fangerau, Medizinhistoriker

Umso bemerkenswerter erscheint die Vehemenz, mit der manche Wissenschaftler heute postinfektiöse Syndrome entweder als sicher psychogen oder als eindeutig neuroimmunologisch einstufen, als bestünden keinerlei Zweifel mehr. »Mit dem historischen Blick wäre ich da sehr vorsichtig«, mahnt der Medizinhistoriker Heiner Fangerau: »In der Medizin gibt es kein Nie und kein Immer.«

Heute ist das biopsychosoziale Krankheitsmodell – also die Ansicht, dass Körper, Geist und Umwelt bei der Entstehung von Krankheiten zusammenwirken – weithin akzeptiert. Darin erkennt Fangerau ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass psychische und physische Faktoren jeweils beide einen gewissen Anteil haben. In der Debatte würden aber dennoch häufig persönliche Interessen eine Rolle spielen. »Es geht oft darum, recht zu haben oder Forschungskarrieren voranzutreiben«, so Fangerau. »Wenn Sie zugeben, dass an der Position des anderen etwas dran sein könnte, schwächen Sie Ihre eigene Position.«

Um voranzukommen, benötige es ihm zufolge vor allem drei Dinge: Erstens müssen psychische Erkrankungen weiter entstigmatisiert werden. Überdies sollte man Patienten mit »rätselhaften« Krankheiten weniger mit Misstrauen begegnen. Und zuletzt braucht es unter den Fachleuten die größere Bereitschaft, die eigene Position im Lichte neuer Erkenntnisse zu ändern.

Denn auf keinen Fall dürfen Muster und Stigmen der Vergangenheit fortwirken – im Interesse der Patienten, die darunter leiden würden. Auch Augustine, Charcots Vorzeigepatientin, war im Pariser Gesundheitssystem des 19. Jahrhunderts offenbar kein Happy End vergönnt. Historischen Quellen zufolge floh sie 1880 aus der Salpêtrière – als Mann verkleidet, um unbehelligt ihres Weges gehen zu können – und tauchte in Paris unter. Was aus ihr wurde, ist nicht überliefert.

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  • Quellen

Aytulun, A. et al.: Clinical Case Reports 10.1002/ccr3.8836, 2024

Healy, B.: NEJM 10.1056/NEJM199107253250408, 1991

Martin, M. et al.: Deutsches Ärzteblatt, Heft 31–32, 2022

Prüss, M. et al.: Scientific Reports 10.1038/srep12805, 2015

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