Direkt zum Inhalt

Wissenschaftskommunikation: »Ich glaube an ein Leben nach dem Tod – zumindest in Teilen«

Seit 100 Ausgaben schreibt Eckart von Hirschhausen eine monatliche Kolumne für »Gehirn&Geist«. Zum Jubiläum sprach Daniel Lingenhöhl mit ihm über Witz und Wahrheit.
Lachendes PublikumLaden...

Eckart von Hirschhausen gehört zu den bekanntesten deutschen Comedians und Wissenschaftskommunikatoren. Über die verschiedenen Medien erreicht er dabei ein Millionenpublikum. Seit Jahren schreibt er unter dem Titel »Hirschhausens Hirnschmalz« eine Kolumne für »Gehirn&Geist«, die sich verschiedenen Themen und Forschungsergebnissen aus der Psychologie, Hirnforschung und anderer Fachgebiete widmet. Seit einigen Jahren engagiert sich der studierte Mediziner auch im Klimaschutz. Angesichts des Jubiläums sprach Spektrum-Chefredakteur Daniel Lingenhöhl mit Eckart von Hirschhausen – coronakonform über eine Videokonferenz.

Lieber Eckart von Hirschhausen, Humor hebt bekanntlich die Laune. Macht er auch Wissenschaft besser verständlich?

Vor zehn Jahren ahnte noch niemand, dass Humor in der Wissenschaftskommunikation einmal so selbstverständlich sein würde. Ich bin Jahrgang 1967, und als ich in den 1990er Jahren im Print anfing mit Medizinjournalismus, gab es noch eine klare Trennung von U und E, unterhaltsamem »Quatsch« und seriöser Information. Das hat sich stark verändert. Deshalb freue ich mich, dass wir aus Anlass meiner 100. Kolumne hier darüber reden.

Ist fachliche Exaktheit heute weniger wichtig?

Früher war alles besser!? Nein, nicht alles, was langweilig und mit ernster Miene vorgetragen wird, ist exakter oder richtiger. Natürlich ist Recherche die Grundlage, aber mehr Hirnschmalz geht in die Darstellungsformen, denn die Konkurrenz ist heute größer. Es gibt Science Slams, Podcasts, bloggende Forscher und so weiter. Das ist auch eine Folge der Digitalisierung. Und das selbstständige Informieren im Internet nagt am Journalismus. Die Aufmerksamkeitsökonomie macht die Darstellungs­formen moderner, bunter, weniger abstrakt.

Eckart von HirschhausenLaden...
Eckart von Hirschhausen | Der Mediziner und Comedian geht seit Jahren mit Humor die Wissenschaftskommunikation an. Mittlerweile legt er dabei den Schwerpunkt auf das Thema »Gesundheit und Klimawandel«.

Was heißt das?

Ein Beispiel: In meiner Anfangszeit als Wissenschaftsjournalist sollte ich für die »Rhein-Neckar-Zeitung« über einen Venenmedizinkongress in Heidelberg berichten. Das schrie nicht gerade nach Humor. Da habe ich mir überlegt: Wie bringt man das Thema Krampfadern anschaulich rüber? Heidelberg liegt am Neckar und hat eine enge Innenstadt. Um den Verkehr zu entlasten, geht ein Tunnel durch den Berg, und so erklärte ich, wie Krampfadern entstehen: Ist der Verkehr unser Blut und sind die tiefen Gefäße, sprich der Tunnel, verstopft, fließt mehr Blut außen herum und wird sichtbar, an der Neckarstraße oder eben unter der Haut. Das wurde mir prompt vom Redakteur gestrichen. Heute wäre es viel einfacher, solche Vergleiche unterzubringen.

Was dich nicht davon abbrachte, Medizin humorvoll zu vermitteln.

Darf ich kurz angeben? Ich habe hier seit ein paar Wochen eine Urkunde hängen, die Ehrenmitgliedschaft der Fakultät der Charité, an der ich studiert habe. Als Anerkennung für meine Art von Wissenschaftskommunikation. Das freut mich sehr, da hab ich studiert und gearbeitet, bevor ich auf »Abwege« kam und das medizinische Kabarett erfunden habe. Die ersten 20 Jahre waren nicht einfach, denn weder die Wissenschafts- noch die Unterhaltungsredaktionen waren von meinem Ansatz überzeugt. Ich habe in der Fußgängerzone gezaubert, um mein Medizinstudium mitzufinanzieren. Ich war bei der Studienstiftung, habe dort Workshops zu kreativem Schreiben gemacht und gemerkt, dass es mein Talent ist, Leute mit Zauberei, Geschichten und Humor anzusprechen. Und zwischen den Zeilen noch ein Häppchen Information mitzugeben.

»Nicht alles, was langweilig und mit ernster Miene vorgetragen wird, ist exakter oder richtiger«

Worauf kommt es dafür an?

Auf das Mitmachen. Zum Beispiel beim Thema Impfen und Immunität. Da präsentierte ich vor Corona-Zeiten in einem Bühnenprogramm eine Geschichte, bei der die Leute aufstehen und sich gegenseitig abklatschen sollten. Später sagte ich, nur Leute, deren Vorname mit I beginnt, sollen aufstehen. Iris, Isabell, Ingolf. Die anderen blieben sitzen. Und dann sollten die Stehenden einander abklatschen, was natürlich nicht ging, weil sie total verstreut standen. Genau das ist Herdenimmunität. Es ist etwas anderes, ob man das rational erklärt ­bekommt oder ob man es spielerisch am eigenen Leib erfährt.

Du erforschst Humor in Studien?

Ja, einmal habe ich mit Psychologen der Universitäten in Erfurt und Bielefeld Organspenden thematisiert. Mach das mal lustig! Da geht es um Tod, um Eingeweide. ­Meines Wissens war dies die erste Studie überhaupt mit Live-Performance und Kontrollgruppe. Es konnte belegt werden, dass eine fünfminütige Kabaretteinlage die Ängste minderte und sechs Wochen später mehr Leute einen Organspendeausweis hatten als in der Kontrollgruppe. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod – zumindest in Teilen.

(lacht) Ah, der kommt langsam, aber gut. Verändern Witze unser Denken?

Stress fühlt sich lebensbedrohlich an. Der ganze Körper schreit: »Säbelzahntiger hinter dir!« Dabei ist es nur die Druckerpatrone. Wenn man das so erzählt, können wir drüber lachen. Und uns in der nächsten Stresssituation fragen: Bin ich wirklich in Gefahr? Das nennen Therapeuten kognitive Umstrukturierung – eine sehr wirksame Komponente von Humor. Die andere ist das Gefühl, nicht allein zu sein. Nicht der Einzige zu sein, der schräge Sachen denkt. Diese Erkenntnis, das soziale Moment, ist beim geschriebenen Humor viel schwieriger als auf der Bühne, wo das Feedback unmittelbar erlebbar ist. Deswegen freue ich mich, dass ich mich schon in über 100 Kolumnen ausprobieren durfte.

Birgt Humor nicht auch die Gefahr von Missverständnissen?

Die Comedy-Show »The Colbert Report« im US-Fernsehen kommentierte den Klimawandel einmal ironisch. Konservative Zuschauer glaubten danach erst recht nicht mehr daran. Sie nahmen die Ironie anscheinend ernst. Humor hat immer zwei Ebenen: den gesprochenen Satz und die Aussage dahinter. Wer diese Ebenen nicht auseinanderhält, hat ein Problem. Das betrifft vor allem zwei Gruppen: kleine Kinder und Betrunkene. Beide können nicht so gut zwischen den Sinnebenen wechseln, weil sie genug damit zu tun haben, sich nicht in die Hose zu machen.

Wie beurteilst du die Berichterstattung in Sachen Corona?

Anfangs entstanden viele virale Hits aus der Home­office-Situation. Dann kamen die Hygienedemos. Deren Hauptmerkmal ist ihre absolute Humorlosigkeit. Was haben Verschwörungstheoretiker weltweit gemeinsam? Die Überzeugung, dass das, was sie glauben, absolut richtig ist, dass es keine andere Sichtweise gibt. Null Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit auszuhalten, dass die Welt uneindeutig ist, dass man nicht alles weiß und sich irren kann. Humorvolle Leute sagen: Ja, vielleicht ist es auch anders. Bei einem guten Witz ist ebenfalls nicht klar, was stimmt.

»Wenn du im Karneval neben einem stehst, der pinkeln muss, macht es einen großen Unterschied, ob der eine Hose anhat oder nicht«

Woher kommt diese Humorresistenz?

Wenn man felsenfest von etwas überzeugt ist und auf Denkfehler hingewiesen wird, sagt man dann: Blöd, habe ich nicht gesehen. Danke, dass du mich korrigierst!? Sehr unwahrscheinlich. Dafür müsste man nämlich einsehen, dass man viel Lebenszeit und Energie in Quatsch investiert hat. Und vor dieser Erkenntnis schrecken viele zurück und glauben lieber, alle anderen seien doof.

Hilft es da, Pro und Kontra darzustellen?

In vielen Talkshows gibt es leider die idiotische Regel, dass jeder, der für eine Sache ist, einen Gegenpart bekommt, der dagegen ist. Das soll ausgewogen sein, aber es verzerrt oft nur die Realität. Ich war mal in Frank Plasbergs Sendung »Hart aber fair«, und zur Ausgewogenheit lud man eine Heilpraktikerin und eine Ärztin vom Homöopathen-Verband ein, die behaupten durfte, dass man mit Kügelchen ohne Wirkstoff Krebs behandeln könne. Mich hat das aufgeregt, denn so entsteht der Eindruck, es stehe 50 zu 50 – was nicht stimmt. Der wissenschaftliche Konsens ist ja riesengroß.

EvH_Interview_Ganz

Veröffentlicht am: 06.09.2020

Laufzeit: 0:59:21

Sprache: deutsch

Wie erklärt man überzeugten Gegnern der ­Mund-Nase-Schutzmaske eigentlich, dass sie auf dem Holzweg sind?

Ich habe bei der Maske eine Metapher, die vielleicht zieht: Wenn du im Karneval neben einem stehst, der pinkeln muss, macht es einen großen Unterschied, ob der eine Hose anhat oder nicht. Ohne Hose wirst du nass, mit Hose er. Genau darum geht es. Die Maske ist die Hose für die Nase, und ihr Hauptzweck ist nicht, dich vor anderen zu schützen, sondern die anderen vor dir.

Die Dogmatischen knackt man damit nicht.

Nein, aber die Unentschiedenen in der Mitte der Normalverteilung, der Mitte der Gesellschaft. Und auf die kommt es an! Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit der Psychologie rund um Klima und Gesundheit. Und je tiefer man einsteigt, desto hoffnungsloser kann man werden. Allerdings gibt es auch da gute Studien, die zeigen, dass man mit Humor weiterkommt. Treffen sich zwei Planeten, die Venus und die Erde. Sagt die Venus: »Mensch, Erde, du sieht ja schlecht aus heute.« »Ja, ich hab mir Homo sapiens eingefangen.« Antwortet die ­Venus: »Das geht vorbei.« Möge es ein Witz bleiben.

10/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 10/2020

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos