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Internetrecherche: 'Ich hab Sie mal gegoogelt!'

Das Internet bietet endlos viele Informationen, auch über unsere Mitmenschen. Allzu oft greifen wir inzwischen darauf zurück. Dabei erfahren wir zwar viel, doch oft lernen wir nichts. Die digitale Suche kann sogar mehr schaden als nutzen.
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Ashlenett13 geht nicht mehr unvorbereitet zu einem Date. Bevor die junge Frau einen Mann zum ersten Mal trifft, googelt sie ihn ausgiebig, berichtet sie in einem Internetforum. Sie wolle schließlich sichergehen, dass sie genügend Themen hat, über die sie mit der Verabredung sprechen kann. Und: dass er kein Serienmörder ist.

Pre-Dating nennt eine Kolumnistin der US-Zeitung "Huffington Post" diese Vorab-Recherche im Internet über einen potenziellen Partner. Eine Seltenheit ist das einseitige Abtasten vor dem echten Kennenlernen nicht: Eine Umfrage des sozialwissenschaftlichen Pew Research Center unter US-Amerikanern ergab, dass 2013 jeder Dritte zwischen 18 und 49 Jahren vor einem Date den Namen der Verabredung in eine Suchmaschine eintippte, um mehr über ihn oder sie zu erfahren. Jede zweite Frau checkt Pinnwand, Fotos und Freunde einer neuen Bekanntschaft auf Facebook, ergab zudem eine Umfrage des Onlinedating-Portals match.com unter mehr als 5400 Single-Frauen.

Doch nicht nur vor einem Rendezvous schnüffeln Menschen in anderer Leute Online-Leben herum. Auch unter Personalmanagern ist die Suchlust ausgebrochen. Die Online-Jobbörse Career Builder etwa berichtete bereits 2009, dass jeder zweite Arbeitgeber neben eingesandten Bewerbungsschreiben und Lebensläufen sich auch die Onlineprofile der Bewerber auf Facebook, LinkedIn oder MySpace anschaute, deren Blogs las oder den potenziellen Mitarbeitern auf Twitter folgte. Mehr als ein Drittel hat demnach auf Basis solcher Recherchen schon Bewerber abgelehnt, vor allem wegen aufreizender oder provokativer Fotos sowie solchen, auf denen die Kandidaten mit alkoholischen Getränken oder beim Drogenkonsum zu sehen sind.

Wo früher noch eine Bewerbungsmappe ausreichte, muss heute tiefer im Privatleben gegraben werden. Wo einst das schlichte Interesse aneinander für eine Verabredung genügte, muss nun erst Google zu seiner Meinung über einen möglichen Partner befragt werden. Woher kommt dieser scheinbar unstillbare Durst nach noch mehr Informationen? Weshalb kramen Menschen in den Untiefen des Internets nach Fotos, Posts oder Videos des anderen, statt sich auf das persönliche Treffen und den direkten Eindruck zu verlassen? Wieso dieser zusätzliche Aufwand?

Urbedürfnisse des Menschen: Sicherheit und Neugier

Dahinter stecke ein Urbedürfnis des Menschen, meint Astrid Carolus, Medienpsychologin an der Universität Würzburg. "Jede Form von Informationsbeschaffung reduziert unsere Unsicherheit", sagt sie. Wenn wir einen Menschen zum ersten Mal treffen, sei das mit viel Unwissenheit über den anderen verbunden, egal ob Date oder Bewerbungsgespräch. Das verunsichert: Wie soll ich mich kleiden? Wie verhalten? Was sagen? Und mit welchen Worten? Der erste Eindruck ist wichtig und nicht selten entscheidend. Daher ist es den Menschen ein Bedürfnis, so viele Informationen wie möglich einzuholen – vorher.

"Neu ist diese Zusatzrecherche nicht", betont Carolus. "Früher haben wir Freunde über jemanden, mit dem wir verabredet sind, ausgefragt. Arbeitgeber haben, bevor es Google gab, einfach bei vorherigen Arbeitsstellen des Bewerbers angerufen und sich nach ihm und seiner Arbeitsmoral erkundigt." Heute weiten sie ihre Suche auf Instagram-Beiträge, Twitter-Kommentare oder Statusnachrichten bei Facebook aus.

Zugleich befriedigt die Onlinerecherche ein weiteres menschliches Bedürfnis: die Neugier. "Viele hoffen, bei ihrer Suche auf etwas Spannendes, Privates zu stoßen", sagt Christiane Eichenberg, Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Medien an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Da man vorher nicht wisse, was bei der Eingabe des Namens herauskommt, könne die Internetsuche bei manchen einen Nervenkitzel auslösen. Ganz anonym und ungestört.

Auch Psychotherapeuten googeln ihre Patienten

Eine Verlockung, vor der kaum jemand gefeit ist, wie Eichenberg kürzlich in einer Studie zeigte. Sie befragte Psychotherapeuten und Patienten, ob sie sich im Internet über den jeweils anderen informiert haben. Nicht überraschend: Acht von zehn Patienten googeln demnach ihren Behandler. Aber: Auch Psychotherapeuten gehen im Netz auf die Suche nach mehr Informationen über ihre Patienten. Vier von zehn Behandlern gaben zu, online schon mal nach ihren Patienten Ausschau gehalten zu haben, einer sogar bis hin zur Suche nach Bildern vom Wohnblock auf Google Maps. Manche erhofften sich, den Patienten dadurch besser zu verstehen, andere fanden es für die Therapie wichtig zu wissen, wie sich jemand im Internet präsentiert. Viele suchten wiederum nichts Bestimmtes oder wurden von blanker Neugier geleitet. Aber geht die Suchlust hier nicht zu weit? Dürfen Therapeuten ihren Patienten hinterherrecherchieren?

Wieso nicht? Die Daten sind ja für jeden frei zugänglich, könnte man meinen. "Wenn Psychotherapeuten ihre Patienten im Internet suchen, kollidiert das allerdings mit ihrer Berufsordnung", sagt Eichenberg. Die sehe vor, dass die Therapeuten nur im Rahmen des Patientenauftrags Daten sammeln, speichern und nutzen dürfen, und auch, dass sie den Patienten über alle Behandlungsabläufe informieren müssen. "Ohne Zustimmung des Patienten überschreiten Therapeuten folglich eine Grenze, wenn sie durch seine Onlineprofile surfen", betont die Wiener Psychologin. Auch stelle sich die Frage, wie ein Therapeut Informationen, die er ohne Rücksprache im Netz gesammelt hat, verwerten möchte. Wenn er seine Recherchen offenbart, könne das für den Patienten einem Vertrauensbruch gleichkommen – und die therapeutische Beziehung unwiderruflich schädigen. Und: Bedeutet es nicht das Gleiche für jede andere zwischenmenschliche Annäherung, auch außerhalb von psychologischen Praxen?

Tatsächlich löst der Gedanke, dass der Therapeut einen im Internet hinterherspioniert, bei mehr als jedem dritten Patienten Unbehagen aus, so Eichenbergs Ergebnis. Aber auch wer sich auf einen Job bewirbt, den stößt es ab, wenn der künftige Arbeitgeber seinen Eindruck aus dem Netz statt aus dem Lebenslauf gewinnt. In einer Befragung von 171 Studenten in den USA verging zahlreichen von ihnen die Lust, sich bei einer Firma zu bewerben, wenn sie erfuhren, dass diese ihre Bewerber im Internet scannt.

Schnüffelei könnte mehr schaden als nützen

Richtet die Suche also eher Schaden an, als die gewünschte Erkenntnis zu bringen? Womöglich schon. Denn selbst im Bewerbungsverfahren für einen Job, wo Personalabteilungen verständlicherweise sichergehen wollen, dass sie den oder die Richtige für ihren offenen Posten finden, scheinen die Online-Ermittlungen nur bedingt sinnvoll. Das zeigt eine Untersuchung von Industriepsychologen aus den USA. Deren Fazit: Aus Informationen, die ein Facebook-Profil über Bewerber offenbart, wie zum Beispiel seine Attraktivität und welche Privatsphären-Einstellungen jemand installiert hat, lassen sich durchaus Schlüsse auf seine Persönlichkeit ziehen. Gewissenhafte Bewerber etwa hatten eher hohe Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen, um ihr Profil zu schützen. Dennoch konnte keine der gewonnenen Informationen von der Plattform vorhersagen, wie erfolgreich der- oder diejenige schließlich in der Firma mitarbeiten würde.

"Das Internet ist nur die Illusion einer zuverlässigen Informationsquelle"(Astrid Carolus)

Die schwache Vorhersagekraft der ungefilterten Informationen gibt zu denken. Aber auch die Inhalte selbst sind mit Vorsicht zu genießen. "Das Internet ist nur die Illusion einer zuverlässigen Informationsquelle", warnt die Würzburger Psychologin Carolus. Ein Beispiel seien Profile in Job-Netzwerken wie Xing oder LinkedIn. Hier werde nur aufgelistet, was man alles könne, nicht, was man nicht kann. Authentisch sei das nicht. "Es ist auch nicht gelogen, aber der Eindruck, der entsteht, ist verzerrt", sagt Carolus. Ebenso verhalte es sich bei anderen sozialen Netzwerken, wo wir uns gern Arm in Arm mit vielen Freunden, lustig und gut gelaunt von unserer vermeintlich besten Seite präsentieren.

Zugleich unterliegen Menschen nicht selten einer gedanklichen Täuschung. "Wenn wir viel über den anderen gelesen, von ihm gesehen und gehört haben, bekommen wir schnell das Gefühl, ihn gut zu kennen. So wie manche den Radiomoderator Domian als Freund empfinden oder denken, Stefan Raab in seinem Wesen zu kennen, weil sie all seine Sendungen gesehen haben", sagt Eichenberg.

Eine Studie von 2015 legt ebenfalls nahe, dass die Onlinesuche diesen Denkfehler begünstigt. Forscher der Yale University haben Studenten vier Fragen gestellt, etwa wie ein Reißverschluss funktioniert. Die eine Hälfte der Probanden sollte diese mit Hilfe einer Internetrecherche beantworten und einen Link zu der Seite mit der besten Antwort abgeben. Die andere Hälfte erhielt einen Ausdruck von dieser Internetseite, um die Frage zu beantworten. Anschließend sollten beide Gruppen einschätzen, wie gut sie wohl weitere, recht knifflige Fragen beantworten können. Tatsächlich mussten sie dann aber keine Antwort darauf geben.

Das Verblüffende: Probanden, die zuvor Online-Suchmaschinen benutzen durften, schätzen ihr Wissen als deutlich größer ein als die Teilnehmer der anderen Gruppe. Sogar wenn ihre vorherige Internetrecherche ins Leere führte oder nur Teilergebnisse lieferte, waren sie davon überzeugt, mehr zu wissen als die anderen. "Die Grenze zwischen dem, was man weiß, und dem, was man zu wissen glaubt, verschwimmt durch das Internet", erklärt der Studienautor Matthew Fisher. Ein verzerrtes Bild entsteht. So vermutlich auch, wenn jemand online mehr über eine andere Person in Erfahrung bringen möchte. Ein Bild, das im Extremfall gar eine echte, analoge Begegnung, etwa in einem Bewerbungsgespräch, von vornherein verhindern kann.

21/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21/2016

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