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IG-Nobelpreise: Warum juristische Texte so kompliziert sind und Enten wellenreiten

Zum 32. Mal wurden die Ig-Nobelpreise vergeben. Unter den ausgezeichneten Arbeiten finden sich synchronisierte Herzen, Elchtests und verstopfte Skorpione.
Stockente mit Küken

Wohl jeder, der als Laie schon einmal zum Notar oder einen Vertrag lesen musste, wird sich das gefragt haben: Warum sind solche Texte so schwer verständlich? Eric Martínez, Edward Gibson, beide vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, und Francis Mollica von der University of Edinburgh haben dies anhand von zehn Millionen Wörtern entsprechender Schriftwerke analysiert und im Journal »Cognition« veröffentlicht. Das Ergebnis: »Verträge enthalten im Vergleich zu neun anderen Grundgattungen des geschriebenen und gesprochenen Englisch einen erstaunlich hohen Anteil an bestimmten schwer zu verarbeitenden Merkmalen, wie zum Beispiel seltene Fachausdrücke, in der Mitte eingebettete Klauseln (was zu syntaktischen Abhängigkeiten über große Längen führt), Passivstrukturen und nicht standardmäßige Großschreibung.« Ob das Laien nun besser verstehen, bleibt unklar, aber für die Jury des Ig-Nobelpreises ist diese Veröffentlichung eindeutig preiswürdig in der Kategorie »Literatur«.

Zum 32. Mal wurde der Preis mittlerweile vergeben, und wie immer kürten die Mitglieder des Komitees im Alltag oft zu wenig beachtete Publikationen mit einem Augenzwinkern: »Jeder Gewinner (oder jedes Gewinnerteam) hat etwas getan, das die Leute erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt«, schreibt die Jury auf ihrer Homepage.

Der »Preis für angewandte Kardiologie« etwa geht an Eliska Prochazkova von der Universität Leiden und ihr Team für eine Arbeit, die große Bedeutung für Liebende haben könnte. Wie sie in »Nature Human Behaviour« schreiben, scheint sich der Herzschlag bei Menschen rasch zu synchronisieren, wenn sie sich zum ersten Mal treffen und einander dann gleich anziehend finden.

Frank Fish von der West Chester University und Zhiming Yuan von der University of Strathclyde haben es dagegen Entenküken angetan. Der flauschige Nachwuchs der Wasservögel folgt der Mutter meist in einer relativ geordneten Reihe und nicht in wildem Chaos. Und der Grund dafür ist die Physik: Die voranschwimmende Mutter verursacht eine Bugwelle sowie Wirbel hinter ihrem Heck, was die Küken dahinter ausnutzen. »Durch das Reiten auf den von der Entenmutter erzeugten Wellen kann das nachfolgende Entenküken eine erhebliche Verringerung des Wellenwiderstands erreichen. Wenn ein Entenküken direkt hinter seiner Mutter schwimmt, kommt es zu einem destruktiven Welleninterferenzphänomen, und der Wellenwiderstand des Entenkükens wird positiv, was das Entenküken vorwärtstreibt. Noch interessanter ist, dass der Rest der Entenküken in einer einreihigen Formation diesen Vorteil des Wellenreitens beibehalten kann«, schreiben Yuan und Co.

Die Auszeichnung für Biologie ging an Solimary García-Hernández und Glauco Machadou von der Universidade de São Paulo für ihre Publikation in »Integrative Zoology« zum potenziell erschwerten Liebesleben von Skorpionen. Greifen Fressfeinde die Wirbellosen an, versuchen diese sich mit ihrem giftigen Stachel am Schwanzende zu wehren. Bisweilen werfen sie den aber auch direkt mit einem großen Teil des kompletten Schwanzes ab, um den Gegner zu irritieren: ein als Autotomie bezeichnetes Verhalten. Das geht mit einem Gewichtsverlust von einem Viertel der Körpermasse einher; gleichzeitig stoßen die Tiere dabei einen großen Teil des Verdauungstraktes mitsamt Anus ab. Das führt zu Verstopfungen, welche die Skorpione jedoch wenig stören. Vorwiegend die Männchen werden zwar langsamer, doch bleibt ihnen ausreichend Zeit, um eine Partnerin zu finden und sich problemlos mit ihr zu verpaaren.

Mancher hat sich vielleicht schon gefragt, warum er oder sie so erfolgreich im Beruf ist, obwohl andere Mitglieder im Team eigentlich talentierter wären. Alessandro Pluchino, Alessio Emanuele Biondo und Andrea Rapisarda von der Universität von Catania haben darauf zumindest eine mögliche Antwort, wie ihr Paper in »Advances in Complex Systems« andeutet: : Ihrem Modell nach erklärt reines Glück einen guten Teil des beruflichen oder gesellschaftlichen Aufstiegs vieler Menschen.

Der Elchtest treibt heute noch manchem Autobauer Schweißperlen auf die Stirn. Dabei stieß das Auto beim ursprünglichen Ereignis nicht einmal direkt mit diesem Tier zusammen. In skandinavischen Ländern oder Kanada sind fatale Unfälle mit Beteiligung der großen Hirsche allerdings gängig. Magnus Gens vom Swedish National Road and Transport Research Institute trieb daher die Frage um, wie man Fahrzeuge besser gegen solche Kollisionen wappnen könnte, ohne dass man echte Elche dafür opfern müsste. Für seine Abschlussarbeit entwarf er einen elchartigen Crash-Test-Dummy, der hervorragende Ergebnisse zeitigte.

Der Ig-Nobelpreis für Frieden ging schließlich noch an Junhui Wu von der Universität Utrecht und Co: Das Team entwickelte einen Algorithmus, der Klatschbasen bei der Entscheidung hilft, wann sie lügen und wann sie besser die Wahrheit sagen.

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