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Geotektonik: Im Fahrstuhl zum Menschen

Der Ursprung der Menschheit liegt in Ostafrika - so viel scheint sicher. Womöglich war diese Wiege aber eher ein Himmelbett, und Homo sapiens verdankt seine Existenz den Kräften im Erdinneren.
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Vor rund 2,5 bis 8 Millionen Jahren begann Großes in Ostafrika: Dichte Wälder wichen, Grasland kam. Statt kleiner Antilopen, die durchs Unterholz schlüpfen und am Blattwerk kauen, oder baumbewohnender, Früchte fressender Meerkatzenhorden, tauchten Vorläufer von Büffel, Gnu und Zebra auf, die lieber Gräser knabbern. Und ganz bescheiden und vorsichtig wagten sich die ersten Mitglieder einer Primatenart vorsichtig von den Bäumen und in die neu entstandene Savanne hinaus – die Ur-Ur-Ur-Ahnen des modernen Menschen setzten zu ihrem späteren Siegeszug an.

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Alternative Klimaszenarien | In allen Computerszenarien der Wissenschaftler erhöhte sich nach Schrumpfung der ostafrikanischen Gebirge der regionale Niederschlag, weil Sommer (rechts) wie Winter (links) mehr Feuchtigkeit aus Westen (rot) und Osten (blau) herangeführt würde.
Warum aber verschwand der Regenwald und machte der Savanne Platz? Klimawandel ist die nahe liegende Antwort. Doch was löste ihn aus? War die Geburt der ersten Hominiden eine frostige, weil Eiszeiten den Planeten abkühlten und Afrika trockener machten? Auch nicht ausgeschlossen ist, dass der Atmosphäre zu viel Kohlendioxid entzogen worden war, was nicht nur den wärmenden Treibhauseffekt minderte, sondern ebenso Bäume gegenüber genügsameren und effizienteren Gräsern benachteiligte. Für beide Theorien gibt es verschiedene geologische und geochemische Hinweise.

Nach Ansicht von Pierre Sepulchre vom Institut Pierre-Simon Laplace im französischen Gif sur Yvette und seiner Kollegen übersehen diese Studien aber einen bislang vernachlässigten Faktor, der zumindest lokal ganz entscheidend zum Vegetationswandel beigetragen hat: die Tektonik. Denn ab dem Eozän vor rund vierzig Millionen Jahren begann Afrika an einer Nahtstelle zwischen dem heutigen Äthiopien und Dschibuti im Norden und Malawi sowie Mosambik im Süden auseinander zu reißen. Gewaltige Zerrkräfte sich trennender kontinentaler Erdplatten ließen hier ein Grabensystem einbrechen, dessen Ränder abkippten und sich aufwölbten.

Vor zwanzig Millionen Jahren im Verlauf des Mio- und des nachfolgenden Pliozäns entstanden dadurch parallel zum Großen Afrikanischen Graben mit seinen vielen Seen auch rund 6000 Kilometer lange Steilstufen mit angrenzenden Hochebenen, deren einzelne Abschnitte gegenwärtig zwischen 1500 und 5100 Metern aufragen – mithin Höhen, in denen einst und jetzt schon regenschwere Luftströmungen unterwegs sind. Heutzutage lenkt jedoch das Hochland von Äthiopien den winterlichen Nordost-Monsun ab, führt ihn entlang der somalischen Küste nach Süden und blockiert damit den Transport von Feuchtigkeit vom Indischen Ozean ins Innere Afrikas. Umgekehrt blocken kenianische und tansanische Höhenzüge den Südost-Monsun des Sommers ab, sodass dessen Niederschläge bereits die Küstengebirge tränken und den meeresfernen Savannen fehlen.

Beschränkungen und Umleitungen im atmosphärischen Zirkulationsverkehr müssten aber auch vor Jahrmillionen gegolten haben, als die Hebungen begannen. Deshalb wollten die Forscher wissen, wie das ostafrikanische Klima einst ohne die Brüche und Wölbungen ausgesehen hätte. Per Computermodell – zusätzlich allerdings gefüttert mit den gegenwärtigen Meerestemperaturen, Eisausdehnungen und Treibhausgas-Konzentrationen – schrumpften die Berge Äthiopiens auf maximal 2000 Meter Höhe und die restlichen Plateaus auf nur mehr 400 Meter, was ihren Werten vor der geotektonischen Unruhe enstprechen könnte.

In diesem Afrika vor unserer Zeit gelangte der indische Nordost-Monsun deutlich tiefer ins Kontinentinnere bis zum jetzigen Kongobecken, während im Sommer ebenfalls feuchte Ostströmungen aus dem südlichen Sudan das benachbarte Äthiopien erreichten. Zugleich verstärkte sich dort die sommerliche Konvektion, da sich die tiefer liegenden Ländereien stärker aufheizten und entsprechend kräftigere wie häufigere Gewitter auslösten. Zusammengenommen regnete es im Grabenbereich nördlich des Äquators in den verschiedenen Szenarien der Wissenschaftler zwischen 15 und 40 Prozent mehr, als heute gemessen wird.

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Mehr Baumwuchs | Verstärkte Niederschläge würden in Ostafrika Baumwuchs (dunkelgrün) gegenüber grasigen Savannen (hellgrün) begünstigen. Erst die Hebung Ostafrikas und der hauptsächlich dadurch verursachte Klimawandel sorgte wohl dafür, dass sich die Bedingungen günstig für die Entwicklung der Hominiden entwickelten.
Gleiches galt für den südlichen Abschnitt, wo feuchte, südwestlich orientierte Windsysteme ebenfalls tiefer vorstoßen konnten, ohne sich ihrer Wassermassen vorzeitig entledigen zu müssen: Die entsprechenden Zuwachsraten für die Serengeti oder das Gebiet südlich des Victoriasees betrugen sogar knapp vierzig bis über sechzig Prozent. Der erhöhte Niederschlag sorgte wiederum dafür, dass sich Bäume gegenüber Gräsern besser behaupten konnten. Und statt weiter Savannen mit einzelnen Akazien, wie sie gegenwärtig das Bild der ostafrikanischen Landschaft bestimmen, erstreckte sich im günstigsten Fall ein unterschiedlich dichtes Waldmeer vom östlichen Äthiopien bis nach Mosambik, in dem allenfalls größere Lichtungen vorkamen.

Möglicherweise war es auch mit dem Kongo-Regenwald verknüpft und bildete ein einheitliches Ökosystem von Küste zu Küste, dessen Fauna von einzeln oder allenfalls in kleineren Gruppen lebenden Arten dominiert wurde und nicht von den Herdentieren des Offenlandes. Ein Lebensraum, der unsere Vorfahren wohl nicht unbedingt gezwungen hätte, von den Bäumen zu steigen und aufrecht zu laufen, um bessere Überblicke zu gewinnen. Vielleicht verdanken wir also unsere Existenz tatsächlich den rohen Kräften der Erde: Ein luftiges Himmelbett als Geburtsort wäre aber sicherlich nicht zu verachten.
09.09.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.09.2006

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