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Psychologie: Im Kleinen wie im Großen

Ruckzuck die Leiter hochgeklettert und schon geht es in rasantem Rutsch bergab – vorausgesetzt, die Größe des Spielgerätes stimmt. Doch selbst Miniaturausgaben halten manche Kleinkinder nicht von ihrem Vorhaben ab.
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Auf einem Stuhl lässt es sich gewöhnlich bequem sitzen, auf einer Rutsche problemlos abwärts gleiten oder in einem kleinen Auto mit Hilfe der heraushängenden Füße prima durch die Gegend flitzen. Schon früh im Leben lernen Kinder, wie sie mit bestimmten Gegenständen umzugehen haben. Mitunter scheint es jedoch mit den Größenordnungen noch etwas zu hapern. Und so versuchen die lieben Kleinen auf einem Puppenstuhl Platz zu nehmen, auf einem Mini-Turngerät Rutschpartien auszuführen oder gar ihren Fuß in ein Spielzeugauto zu zwängen. Bei ihren Bemühungen ignorieren sie offenbar, dass die bekannten Objekte schlicht ein paar Nummern zu klein sind. Aber warum?

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Kind mit Rutsche | Dieses 21 Monate alte Kind versucht, eine Miniatur-Rutsche hinabzugleiten.
Judy DeLoache von der Universität von Virginia und ihre Kollegen haben dieses Phänomen genauer untersucht. In einem Zimmer erlaubten sie 54 Kindern – 29 Mädchen und 25 Jungen im Alter von 18 bis 30 Monaten – jeweils einzeln mit drei auf ihre Größe zugeschnittenen Objekten zu spielen: einem Stuhl, einer Rutsche und einem Auto. Nach einem Spaziergang kehrten die Kinder in den Raum zurück und fanden identische Kopien der Gegenstände vor – allerdings im Kleinformat. Reagierten die jungen Versuchspersonen nicht spontan auf die geschrumpften Nachbauten, lenkten die Experimentatoren deren Aufmerksamkeit auf die ausgetauschten Objekte, ohne jedoch die Größe zu kommentieren.

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Kind mit Auto | Dieses 24 Monate alte Kind hat die Tür des Mini-Autos geöffnet und versucht gerade, seinen Fuß ins Innere zu zwängen.
Wie die Forscher anhand von Videomitschnitten enthüllten, unterliefen 25 von 54 Kindern insgesamt 40 Fehleinschätzungen bezüglich der Spielzeuggröße. Beharrlich versuchten die Kleinen, mit den Mini-Objekten dieselben Aktionen anzustellen wie zuvor an dem größeren Gegenstück. Die Anzahl der missglückten Versuche variierte dabei abhängig vom Alter, wobei sie bei etwa zweijährigen Kinder am häufigsten auftraten. In Kontroll-Experimenten konnten die Wissenschaftler ausschließen, dass ihre Probanden weder unfähig waren, die Größe angemessen zu beurteilen, noch eine Vorliebe für klitzekleine Gegenstände zeigten: Als sie acht Kindern im Alter von 19 bis 28 Monaten Paare von verschieden großen Stühlen, Autos oder Rutschen präsentierten, wählten diese gezielt das jeweils größere Objekt für eine Aktion.

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Kind mit Stuhl | Dieses 28 Monate alte Kind rückt einen winzigen Stuhl zurecht, auf den es sich setzen möchte.
Die dramatische Fehleinschätzung des Formats beim Hantieren mit bekannten Gegenständen ist möglicherweise auf das noch unreife Zusammenspiel von bestimmten Gehirnarealen zurückzuführen, spekuliert DeLoache. Vermutlich verarbeiten zwei neuronal und funktional verschiedene Hirnregionen visuelle Informationen: Die eine Region ist am Erkennen und Kategorisieren von Objekten beteiligt ("das ist ein Stuhl") sowie am Planen, was mit diesen anzustellen ist ("ich setze mich hin"). Ein anderes Hirnareal ist hingegen dafür zuständig, die Objektgröße wahrzunehmen und die jeweiligen Handlungen zu kontrollieren.

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Fehlerquote | Diese Graphik zeigt die Häufigkeit der kindlichen Fehleinschätzungen in Abhängigkeit vom Alter.
"Bei den Fehlern hinsichtlich des Maßstabs bricht die gewöhnlich nahtlose Integration zwischen den beiden Systemen im Gehirn vorübergehend zusammen, und die Größe eines Gegenstandes wird nicht in die Entscheidung des Kindes einbezogen, auf ihn zu reagieren", erläutert DeLoache. "Hat die Handlung jedoch begonnen, nutzen die Kleinen die Größeninformation, um ihre Bewegungen darauf abzustimmen." Entscheiden sie sich beispielsweise, sich in ein Miniaturauto zu quetschen, ignorieren sie zwar, wie winzig es ist. Doch dann öffnen sie akkurat die Tür und zielen mit ihrem Fuß direkt auf die klitzekleine Öffnung.

Offensichtlich ist das Anwenden der Größe für die Planung von Aktionen klar gegenüber der Kontrolle abgegrenzt, betont die Wissenschaftlerin. Die Forschungsergebnisse legen auch ein Versagen der hemmenden Kontrolle nahe, was auf einen "unreifen" präfrontalen Kortex – ein höheres Integrationszentrum des Großhirns – hindeutet. Folglich führen sich normal entwickelnde Kinder eine Handlung, die einem Objekt angemessen war, unangebracht an einer Nachbildung aus. In weiteren Studien will das Team um DeLoache nun die Natur derartiger "Systemzusammenbrüche" im Gehirn erhellen und die Faktoren, die ihr Auftreten beeinflussen.

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