Direkt zum Inhalt

Wetterphänomene: Die Angst vor dem kalten Mädchen

Im Pazifik kündigt sich ein großer Umschwung an: La Niña soll zum Jahresende einsetzen. Das stärkste Ereignis seit Jahren droht vielerorts Wetterextreme auszulösen.
Warnhinweis in AustralienLaden...

Das in vielen Belangen missglückte Jahr 2020 scheint auch beim Wetter kein gutes Ende zu nehmen. Die Weltmeteorologie-Organisation (WMO) in Genf warnt vor dem Wetterphänomen La Niña, das sich über dem Pazifik zusammengebraut hat. Es bringt weltweit das Wetter durcheinander, verursacht Dürren, Stürme, Starkregenereignisse und damit Hochwasser, Missernten, Hungersnöte. Das Wetterphänomen könnte bis Anfang des neuen Jahres andauern und nach Einschätzung der WMO das stärkste seit zehn Jahren werden.

Mit der Ausrufung des La-Niña-Ereignisses möchte die Organisation betroffene Staaten und humanitäre Hilfsorganisationen auf die bevorstehenden Wetterturbulenzen vorbereiten. Die Auswirkungen sind besonders in Ländern zu spüren, die direkt am Pazifik liegen, aber sie treten selbst noch in weit davon entfernten Regionen der Tropen und Subtropen auf. Vor allem Ostafrika leidet unter starken La-Niña-Ereignissen, am Horn von Afrika kann dann längere Zeit der Regen ausbleiben. Die großen Hungersnöte der vergangenen Jahrzehnte traten häufig während derartiger Phasen auf.

In Europa spürt man praktisch nichts von der pazifischen Wetteranomalie, sie beeinflusst das Wetter höchstens auf Umwegen. Dennoch hält das einige selbst ernannte Wetterexperten und Clickbait-Wetter- wie Newsportale in diesem Herbst nicht davon ab, erneut einen Jahrhundertwinter für Mitteleuropa auszurufen. Kalt und schneereich soll er werden, ein Winter, wie er früher einmal war. Grund für diese Annahme dürfte der Winter 2010 sein, der Deutschland flächendeckend richtig viel Schnee und Frost über mehrere Wochen und eine weiße Weihnacht bescherte. Damals herrschte letztmals ein starker La Niña. Das sind allerdings die einzigen Gemeinsamkeiten zwischen den Jahren 2020 und 2010.

In Europa praktisch nicht zu spüren

Überraschend ist der geringe Einfluss von La Niña auf unser Wetter aber keineswegs. Dass von Wetteranomalien im Pazifik hier zu Lande wenig zu spüren ist, erklärt sich bereits mit der räumlichen Entfernung, zudem liegt Europa in der Klimazone der gemäßigten Breiten. Unser Wetter wird dominiert von unterschiedlichsten Luftmassen aus den Subtropen und vom Nordpol, eine langfristige Vorhersage ist dadurch beinahe unmöglich. Anders ist die Situation in den Tropen. Dort lässt sich das Wetter über Monate ziemlich gut prognostizieren.

Ein wichtiger Faktor ist dort die El Niño Southern Oscillation (kurz: ENSO), die jetzt auf La Niña gekippt ist. Sie beeinflusst regelmäßig das Wetter in einem großen Teil der Erde und kennt drei Phasen: El Niño, La Niña und neutrale Bedingungen. El Niño ist die bekannteste Wetteranomalie, sie wurde erstmals von peruanischen Fischern beschrieben, denen aufgefallen war, dass häufig zur Weihnachtszeit die normale Strömung vor der Küste Südamerikas ausblieb. Daher der Name El Niño, das (Christ-)Kind.

Eine riesige Umwälzpumpe

Unter neutralen Bedingungen weht der Wind in dieser Region von Osten, der Passat. Dieser Normalzustand ist Teil einer planetaren Umwälzpumpe. Der kalte Humboldtstrom schiebt dann einen gigantischen Warmwasserberg von der Küste Südamerikas nach Westen in Richtung Südostasien und Australien. Der Passat bewirkt, dass der Pazifik vor der Küste Indonesiens mit 29 Grad Celsius Badewannentemperatur erreicht, während es auf demselben Breitengrad vor Südamerika bloß 24 Grad sind. Zugleich ist es dort vergleichsweise trocken, und der Meeresspiegel liegt wegen des geringeren Volumens kälteren Wassers um bis zu 30 Zentimeter niedriger. Bei einem El Niño bricht diese Zirkulation komplett zusammen und kehrt sich um. Das passiert unregelmäßig, im Schnitt alle zwei bis sieben Jahre. Der Wind dreht dann von Ost auf West, so dass das warme Wasser gen südamerikanische Küste schwappt. In Südostasien dagegen zieht sich das Meer zurück. Nun wird es dort kühler und trockener. Wie, wann und warum sich das Wetterphänomen im Pazifik bildet, darüber gibt es nur vage Theorien.

La Niña ist die kleine Schwester von El Niño und steht bezeichnenderweise immer noch im Schatten des großen Bruders, obwohl das Mädchen nicht weniger gravierende Auswirkungen hat. La Niña ist die Gegenbewegung zu El Niño, überdurchschnittliche starke Ostwinde fördern an der Küste Südamerikas kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche. Der äquatoriale Pazifik kühlt dadurch stark aus, das warme Wasser wird nach Südostasien verdrängt und löst dort vermehrt Starkregen aus.

Von La Niña sprechen Geowissenschaftler, wenn über Monate die Wassertemperatur des mittleren Pazifiks ein halbes Grad niedriger liegt als im langjährigen Schnitt. Je nach Abweichung unterscheiden Ozeanografen zwischen einem schwachen, moderaten, starken und sehr starken Ereignis, wobei sie sich um jeweils 0,5 Grad Celsius Abweichung unterscheiden. Im Dezember 2010 wurde im Pazifik eine Abweichung von 1,7 Grad gemessen, das bislang stärkste bekannte Ereignis stammt aus dem Winter 1973/74. Damals wurden gut zwei Grad niedrigere Temperaturen gemessen. Belastbare Aufzeichnungen über die ENSO existieren jedoch erst seit den 1950er Jahren.

Es drohen wirtschaftliche Katastrophen

Die ökonomischen Folgen von La Niña unterscheiden sich je nach Stärke und Ausprägung, und manche sind jetzt wohl schon absehbar. So wies der Ökonom David Ubilava von der University of Sydney bereits vor Jahren nach, dass sich wichtige Agrargüter verteuern, wenn La Nina in den betroffenen Erzeugerregionen stark wütet. Die Weizenernte beispielsweise brach infolge eines La-Niña-Ereignisses weltweit ein, weil in verschiedenen Kornkammern der Regen ausgeblieben war. Zudem können sich die Preise für Mais und Soja verteuern, da in Teilen Brasiliens und Argentiniens ebenfalls Trockenheit herrscht. Gleiches gilt anscheinend für die Kautschukpreise.

Die heftigen Regenfälle im Westpazifik wirken sich auf den Abbau wichtiger Rohstoffe aus. So standen vor zehn Jahren in Australien mehrere Kohleminen still, nachdem Dauerregen im Osten weite Teile des Kontinents in eine Seenlandschaft verwandelt hatte. Ebenfalls betroffen war der Abbau von Zinn. Für die dürre- und waldbrandgeplagten Regionen Australiens sind üppige Regenfälle im beginnenden Südsommer allerdings nicht unbedingt eine schlechte Nachricht. Doch zwischen Dürre und Flut gibt es auf dem fünften Kontinent ohnehin wenig normales Wetter.

La Niña 2007Laden...
La Niña 2007 | Die Karte zeigt die Abweichungen von den durchschnittlichen Wassertemperaturen im Pazifik im November 2007. Dank La Niña war es im tropischen Pazifik vor der südamerikanischen Küste und am Äquator deutlich kühler, während das Wasser sich vor Australien stark erwärmte.

Droht Hunger in Afrika?

Schlechte Nachrichten sind wiederum von der anderen Seite des Indischen Ozeans zu erwarten. Am Horn von Afrika führt La Niña normalerweise zu weniger Regen, vor zehn Jahren erlebte Ostafrika eine schwere Hungersnot, über Monate blieben Wolken dem Festland fern, die Regenzeiten fielen fast vollständig aus. Derzeit geht das Famine Early Warning System (FEWS) bereits von einer Krise der Nahrungsversorgung in weiten Teilen Ostafrikas aus, die bis Januar anhalten könnte. Die Fernwirkung von El Niño und La Niña auf Ostafrika wurde schon vor neun Jahren in »Science« belegt. Den Nachweis erbrachte Gerald Haug von der ETH Zürich durch die Analyse von Sedimentschichten des Sees Challa am Fuße des Kilimandscharo in Kenia. Die in den Sedimenten lagernden Kieselalgen verrieten den Forschern das Klima bis in die jüngste Eiszeit zurück. Bei stärkerem Wind bilden sich dickere Schichten: ein deutlicher Hinweis auf La Niña.

Was typische Fernwirkungen betrifft, können Forscher weltumspannend gleich mehrere so genannte Telekonnektionen aufzählen. Dazu gehört, dass im Zuge von La Niña mehr Hurrikane im Atlantik entstehen, weil die Höhenwinde schwächer sind und deshalb gefährliche Wolkenformationen nicht zerstört werden, bevor sie negative Auswirkungen haben können. Die aktuelle rekordverdächtige Saison spricht für diese Fernwirkung, allerdings betonen Klimaforscherinnen und Klimaforscher die große Varianz des Phänomens.

»Sogar sichere Telekonnektionen sind nicht immer verlässlich«, sagt Daniela Domeisen von der ETH Zürich, ENSO habe mehrere Gesichter. Eines davon ist die Modoki-Variante, die ein japanisches Forscherteam im Jahr 2007 erstmals definierte. Modoki ist japanisch und bedeutet »ähnlich, aber unterschiedlich«. Diese Variante führt zur stärksten Abkühlung des Ozeanwassers im zentralen Pazifik statt vor der Küste Südamerikas, wird daher auch Central Pacific La Niña genannt oder auch Dateline La Niña, weil die stärkste Abkühlung entlang der Datumsgrenze beobachtet wird. Sie führt zu stärkeren Regenfällen in Nordwestaustralien und bringt mehr Wirbelstürme im Golf von Bengalen.

Die konkreten Auswirkungen auf Europa sind trotz oder gerade wegen dieser unterschiedlichen Varianten unklar. Die Datenreihen sind für ein so komplexes Phänomen zu kurz. Auf jeden Fall müsste das Wetterphänomen über Umwege den Kontinent beeinflussen. Ein möglicher Weg ginge laut Daniela Domeisen durch die Stratosphäre, über die Troposphäre im Nordpazifik oder aber über den tropischen Atlantik. Andere Möglichkeiten seien bislang wenig bekannt. Die ersten beiden Wege könnten etwaige strenge Winter zur Folge haben, vor allem wenn sich plötzlich die Stratosphäre erwärmt. In diesem Fall dreht die Strömung über dem Nordpol auf Ost, und kalte Frostluft flutet den Kontinent.

Im Durchschnitt werden für Nordeuropa jedoch während El Niño etwas kältere Winter erwartet; bei La Niña ist eine Fernwirkung viel schwächer ausgeprägt als beim »Christkind«, zudem ist die Wahrscheinlichkeit für einen milden, atlantikgeprägten Winter eher hoch. Die Konstellation der Druckgebiete entspricht dann ungefähr dem Muster, das sich Anfang November 2020 einstellte: Ein starkes Hoch über Süd- und Mitteleuropa führte milde Luft vom Mittelmeer heran.

Ähnlich unklar wie die Fernwirkungen auf Europa ist die Frage, ob und wie der Klimawandel das pazifische Wetterphänomen verändert. »Das Thema ist umstritten«, sagt Domeisen. Manche Studien sagen eine größere Varianz voraus, also mehr extreme El-Niño- wie La-Niña-Ereignisse. Domeisen sieht darin allerdings eine Verzerrung bei der Veröffentlichung solcher Ergebnisse. »Paper, die finden, dass sich nichts ändert, sind schwieriger zu publizieren«, sagt sie.

Eines lässt sich so oder so jetzt schon absehen. Trotz des abkühlenden Effekts einer La-Niña-Phase auf die globale Temperatur ist das Jahr 2020 auf einem rekordverdächtigen Kurs. Eine Analyse der amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA sieht eine 65-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass 2020 am Ende sogar als bislang wärmstes Jahr seit Beginn moderner Aufzeichnungen in die Geschichte eingehen könnte – trotz La Niña. Es würde zu diesem Jahr sehr gut passen.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte