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Archäologie 2009: Im Zeichen von Venus und Varus

Die Schwäbische Alb glänzte einmal mehr mit einer archäologischen Sensation. Etwas weiter im Norden gedachte man eines Gemetzels vor 2000 Jahren, und tief in Afrika zeugten alte Knochen von den Ursprüngen der Menschheit.
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"Es besteht kein Zweifel, dass mit den übergroßen Brüsten, den betonten Gesäßhälften und den Genitalien die Geschlechtsmerkmale der Figur absichtlich übertrieben dargestellt werden sollten." Nicholas Conard konnte schon mit manchem Sensationsfund aufwarten. Doch was der Tübinger Archäologe im Mai 2009 der staunenden Öffentlichkeit präsentierte, stellte alles Bisherige in den Schatten – eine winzige, nur sechs Zentimeter hohe und 30 Gramm schwere weibliche Figur aus Elfenbein. Fundort: die Höhle "Hohle Fels" in der Schwäbischen Alb. Geschätztes Alter: 36 000 Jahre – und damit die bislang älteste Darstellung eines menschlichen Körpers.

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Venus von Hohle Fels | Die "Venus von Hohle Fels" wurde vor mindestens 36 000 Jahren aus Mammutelfenbein geschnitzt.
Dabei offenbarte der unbekannte Künstler aus der Steinzeit ein für heutige Verhältnisse etwas eigenwilliges Schönheitsideal, das der damaligen Mode aber wohl durchaus entsprach: riesige Brüste, gewaltige Schamlippen, ein opulenter Körper mit einem mächtigen Gesäß, winzige Arme und Beine, der Kopf zu einem ösenförmigen Gebilde geschrumpft. Archäologen wie Conard können nur spekulieren, welchem Zweck die "Venus von Hohle Fels" einst diente. Offensichtlich löste der aus Afrika einwandernde Homo sapiens im eiszeitlichen Europa eine Kulturrevolution aus, in deren Zentrum die Schwäbische Alb lag.

Kunst und Kleber

Und weil zur Kultur auch Musik gehört, wundert es nicht, dass die ältesten Musikinstrumente der Welt ebenfalls von der Schwäbischen Alb stammen. Die Tübinger Archäologen hatten schon manche steinzeitliche Flöte geborgen. Nur einen Monat nachdem die schwäbische Venus ins Rampenlicht trat, gesellte sich eine etwa gleich alte und besonders gut erhaltene Flöte aus Gänsegeier-Knochen hinzu.

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Nachgebaute Schäftung | Für ihre Untersuchung mischten die Wissenschaftler um Lyn Wadley nicht allein die Klebstoffe nach, sie erprobten sie auch an nachgebauten Schäftungen. Die Stabilität des Klebematerials musste sich beim anschließenden Holzhacken unter Beweis stellen.
Das Leben besteht jedoch nicht nur aus Kunst. Um profane Dinge wie Kleidung mussten sich auch schon Herr und Frau Feuerstein kümmern. Einen Überrest hiervon – immerhin 32 000 Jahre alt – fanden Forscher am Fuß des Kaukasus in Georgien. Die alten Fasern belegen, dass die damalige Haute Couture sich nicht darauf beschränkte, die eigene Blöße mit Fellen zu bedecken, sondern schon Gewebe aus Leinen kannte.

Technische Lösungen verhalfen der Menschheit wohl immer schon zum Überleben. So wendeten auch Höhlenbewohner des südlichen Afrika bereits vor 70 000 Jahren naturwissenschaftliche Tricks an. Wie ein Experiment südafrikanischer Forscher ergab, lässt sich aus Ocker und Akaziengummi – auf Steinplatten zerrieben und im Lagerfeuer erhitzt – ein Klebstoff hoher Belastbarkeit produzieren, mit dem sich beispielsweise Steinklingen an Holzschäften befestigen lassen. Und die gelblich rote Farbe des Ockers könnte auch dem damaligen Ästheten gefallen haben.

Die neue alte Lucy

Wesentlich weiter zurück – und zwar zu den Ursprüngen der Menschheit – gingen die Funde aus Äthiopien, denen sich die Zeitschrift "Science" im Oktober dieses Jahres gleich mit elf Artikeln widmete. 1992 tauchte hier ein viereinhalb Millionen Jahre alter Zahn auf, der 1994 zusammen mit weiteren Fossilfunden als neue Hominidenspezies Ardipithecus ramidus beschrieben wurde. 1997 konnte schließlich ein zu großen Teilen erhaltenes weibliches Skelett geborgen werden; nach Abschluss der Grabungen 2008 standen den Paläoanthropologen Knochen und Zähne von insgesamt 35 Individuen zur Verfügung.

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"Ardi" in der Rekonstruktion | So könnte die Ardiphitecus-Dame "Ardi" ausgesehen haben: Sie hatte eine Körpergröße von rund 1,20 Metern und wog 50 Kilogramm.
Dieses Jahr gelang es nun den Forschern, ihre Erkenntnisse zu bündeln: Demnach wandelte Ardipithecus ramidus – kurz nachdem die Vorfahren von Mensch und Schimpanse evolutionär getrennte Wege gingen – bereits auf zwei Beinen, erwies sich aber als nur mäßiger Kletterer. Ob der Hominide tatsächlich zu unseren direkten Ahnen gehörte, bleibt offen.

Wie dem auch sei, seit "Lucy" – die auch auf den Namen Australopithecus afarensis hört und "nur" dreieinhalb Millionen Jahre auf dem Buckel hat – wissen Forscher, dass sich ein Fossil nur dann gut vermarkten lässt, wenn es einen auch noch so albernen Spitznamen trägt. Und so gelangte das weibliche A.-ramidus-Fossil unter dem Namen "Ardi" an die Öffentlichkeit – ähnlich wie auch das Äffchenfossil Darwinius masillae aus der Grube Messel mit dem Pseudonym "Ida" als angeblicher Vorfahre des Menschen einen beachtlichen Medienrummel genoss.

So weit die Füße tragen

Dass Homo erectus zu unseren Ahnen zählt und ein ausgemachter Zweibeiner war, ist unumstritten. Die in Kenia gefundenen, 1,5 Millionen Jahre alten Fußabdrücke überraschen dann aber doch. Hier hinterließ ein 1,75 Meter großes Wesen seine Spuren und federte jeden Schritt mit einem Fußbett ab, das den Vergleich mit unserer Extremitätenanatomie nicht zu scheuen braucht.

Seine Füße trugen ihn weit. Bis ins ferne China fanden sich Überreste von Homo erectus, die in den 1920er Jahren als "Pekingmensch" beschrieben wurden. Dieses Jahr gelang die Neudatierung der Fundstelle in der Drachenknochenhöhle bei Peking. Demnach hausten hier schon vor knapp 800 000 Jahren menschliche Wesen – 200 000 Jahre früher als bislang vermutet.

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Der Kinderschädel | Die Linie auf dem Kinderschädel von Homo heidelbergensis deutet den Verlauf der zu früh geschlossenen Schädelnaht an: In Bereich A ist sie komplett geschlossen.
Zurück vom fernen Asien nach Europa: Hier zeugten Funde von edlen Wilden namens Homo heidelbergensis. Im nordspanischen Atapuerca-Gebirge tauchte ein Kinderschädel auf, der von einer schweren Knochenkrankheit zeugte: Seine Schädelnähte waren von Geburt an geschlossen, dem wachsenden Gehirn fehlte der Raum, eine geistige Behinderung blieb höchstwahrscheinlich nicht aus. Dennoch überlebte das Kind mindestens fünf, wenn nicht zehn Jahre – dank aufopfernder Fürsorge seiner Artgenossen.

Nach Homo heidelbergensis streifte bekanntlich der Neandertaler durch die europäischen Lande. Doch wie viele waren es eigentlich? Überraschend wenig, schlussfolgern Wissenschaftler um den Leipziger Paläogenetiker Svante Pääbo. Aus der geringen Variationsbreite der mitochondrialen DNA verschiedener Neandertalerfossilien errechneten sie eine europäische Gesamtbevölkerung von etwa 70 000 Individuen.

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Doktor Granvilles Mumie | Der einbalsamierte Körper einer etwa 50-jährigen Frau namens Irtyersenu aus Theben war die erste Mumie, an der eine wissenschaftliche Autopsie vorgenommen wurde – im Jahr 1825.
Demnach hatte ein alteingesessener Neandertaler nur eine minimale Chance, auf den Neuankömmling Homo sapiens zu treffen. Wie eine solche Begegnung enden konnte, haben amerikanische Experimentalarchäologen rekonstruiert. Sie wollten wissen, worauf die vermutlich tödliche Verwundung eines im heutigen Irak bestatteten Neandertalermanns beruhte – und malträtierten deshalb mit verschiedenem steinzeitlichem Rüstzeug Schweinehälften. Ergebnis: Nicht der Stoß einer Neandertalerlanze, sondern nur das Geschoss einer Speerschleuder fügte vergleichbare Verletzungen zu. Dieses Hightech-Mordgerät besaß aber nur – Homo sapiens.

Ein weiterer rätselhafter Todesfall konnte dieses Jahr aufgeklärt werden. 1825 hatte der italienisch-englische Arzt Augustus Bozzi Granville (1783-1872) eine ägyptische Mumie autopsiert und war zu dem Schluss gekommen, dass die Frau, die um 600 v. Chr. gelebt hatte, einem Eierstocktumor zum Opfer gefallen ist. Doch mit seiner Diagnose lag er vermutlich daneben, denn eine erneute Untersuchung ergab eine andere Todesursache: Tuberkulose.

Tod in Germanien

Ein massenhafter Tod wurde dieses Jahr besonders gewürdigt. "Varus, gib mir meine Legionen zurück!", soll Kaiser Augustus vor genau 2000 Jahren entsetzt aufgeschrien haben, als er von der vernichtenden Niederlage seines Statthalters Publius Quinctilius Varus gegen einen Cherusker-Fürsten namens Arminius erfuhr. Als mutmaßliches Schlachtfeld gilt heute nicht mehr der Teutoburger Wald, sondern die Niederung um Kalkriese bei Osnabrück.

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Der Kopf des Pferdes | Nur die besten Künstler im Reich kommen laut den Entdeckern des Statuenfragments als Urheber in Frage. Die Statue sollte auf dem Forum der römischen Stadt bei Waldgirmes den Machtanspruch des Kaisers demonstrieren.
Die Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. markiert den Wendepunkt der römischen Expansion in Germanien. Davon war auch eine römische Stadt nahe der heutigen mittelhessischen Ortschaft Waldgirmes betroffen. Offensichtlich ist die erst 1993 entdeckte römische Siedlung nach der Niederlage fluchtartig verlassen worden. Pünktlich zum 2000-jährigen Jubiläum stießen hier Archäologen auf einen bronzenen Pferdekopf, der vermutlich zu einem prachtvollen Reiterstandbild des römischen Kaisers gehörte.

Darwins Doppel

Das Jahr 2009 konnte mit weiteren historischen Jahrestagen aufwarten. So wurde vor 400 Jahren in Marburg Johannes Hartmann (1568-1631) auf die weltweit erste Professur für "Chymiatrie" berufen, der damit den Grundstein einer modernen Pharmazie legte. Vor 200 Jahren, am 13. Juni 1809, kam der Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann zur Welt – besser bekannt als Autor des "Struwwelpeters".

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Johannes Hartmann | Porträt von Johannes Hartmann, der 1609 einen Ruf auf den weltweit ersten Lehrstuhl für das Fach "Chymiatrie" erhielt
Vor 150 Jahren, am 15. Mai 1859, wurde der französische Physiker Pierre Curie geboren, der 1903 zusammen mit seiner Frau Marie den Physik-Nobelpreis erhielt. Vor 100 Jahren ersann der amerikanische Physiker Robert Millikan (1868-1953) sein Öltröpfchen-Experiment, um die Elementarladung des Elektrons zu ermitteln. Und vor 75 Jahren, am 29. Januar 1934, starb der auf Grund seiner Entwicklung von Giftgas umstrittene deutsche Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber.

2009 stand auch im Zeichen eines besonderen Doppeljubiläums: Vor 200 Jahren, am 12. Februar 1809, erblickte Charles Darwin das Licht der Welt, dessen Evolutionstheorie – erstmalig publiziert am 24. November 1859, also vor 150 Jahren – die Wissenschaft erschüttern sollte. Im gleichen Jahr, am 6. Mai 1859, starb einer seiner Vorläufer: der deutsche Universalgelehrte Alexander von Humboldt. Und der deutsche Zoologe Ernst Haeckel, der vor 175 Jahren, am 16. Februar 1834, auf die Welt kam, etablierte sich zu einem der eifrigsten Verfechter von Darwins Gedankengebäude und sorgte so dafür, dass auch in Deutschland die Evolutionstheorie ihre gebührende Anerkennung fand.
53. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 53. KW 2009

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