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»So tun als ob« im Tierreich: Teeparty mit Bonobo

An einem Bonobo wurde erstmals nachgewiesen, dass Menschenaffen sich Dinge vorstellen können, die nicht vorhanden sind. So konnten Forscher mit »Kanzi« eine imaginäre Teeparty feiern. Das deutet auf kognitive Fähigkeiten hin, die lange als einzigartig menschlich galten.
Ein Bonobo liegt entspannt in einer Hängematte und hält ein Blatt in der Hand. Der Hintergrund zeigt unscharfe Baumstämme. Der Bonobo wirkt gelassen und kaut auf einem Blatt. Im Bild ist ein Wasserzeichen mit dem Text "dpa picture alliance" sichtbar.
Bonobos (Pan paniscus) gehören zur Familie der Menschenaffen. Gemeinsam mit ihrer Schwesterart, den Gemeinen Schimpansen, bilden sie die Gattung der Schimpansen (Pan). Beide Spezies sind die biologisch engsten Verwandten des Menschen.

Ab einem Alter von zwei Jahren können Kinder »so tun als ob«. Dabei geben sie etwa vor, richtigen Tee zu trinken oder echten Kuchen zu essen – wo eigentlich nur Luft ist. Für diese Fähigkeit müssen sie einen Begriff von der Realität haben, und, davon losgelöst, die Vorstellung eines alternativen, imaginierten Zustands. Ob auch andere Primaten das können, wurde bisher nicht nachgewiesen – obwohl es Hinweise darauf gibt. Forschende der Johns Hopkins University haben nun bei einem trainierten Bonobo genau das gezeigt. Und zwar, indem sie eine imaginäre Teeparty mit ihm veranstalteten. Ihre Ergebnisse berichten sie in »Science«.

Amalia Bastos und Christopher Krupenye führten ihre Versuche mit Kanzi durch, einem in Gefangenschaft geborenen, im Jahr 2025 verstorbenen Bonobo, der durch seine Fähigkeit berühmt war, mithilfe einer umfassenden Symboltafel zu kommunizieren. Auch verstand er teilweise englische Sprache, was sich die Fachleute in ihren Experimenten zunutze machten.

Bei jedem Test saßen sich ein Experimentator und Kanzi wie bei einer Teeparty gegenüber. In der ersten Aufgabe standen zwei durchsichtige, leere Becher auf dem Tisch, daneben ein ebenfalls leerer, transparenter Krug. Der Versuchsleiter »goss« in jeden Becher imaginären Saft und kippte diesen aus einem der Becher wieder zurück in den Krug. Dann fragte er Kanzi: »Wo ist der Saft?« Kanzi zeigte meistens auf den richtigen Becher (in 68 Prozent der Fälle) – der also noch den vorgetäuschten Saft enthielt, selbst wenn der Standort des Gefäßes variiert wurde (siehe Video).

Um auszuschließen, dass der Bonobo den imaginären Saft für echt hielt, gab es einen weiteren Durchgang: Diesmal stand neben dem leeren Becher einer mit Saft darin. Fragte man Kanzi, was er lieber wolle, zeigte er fast jedes Mal auf den echten Saft (78 Prozent). Ein drittes Experiment wiederholte dasselbe Konzept wie im ersten Versuch, nur mit Weintrauben. Kanzi lag auch hier in den meisten Fällen richtig. Wohlgemerkt, ohne dafür jemals eine Belohnung zu erhalten.

»Es ist äußerst bemerkenswert, dass sich Menschenaffen offenbar Dinge vorstellen können, die nicht vorhanden sind«, sagt Bastos in einer Pressemeldung. Laut den Autoren scheint die Fähigkeit zur Imagination mindestens zum kognitiven Potenzial eines »kultivierten« Affen zu gehören. So bestünde die Möglichkeit, dass Kanzi durch das Einüben einer Symbolsprache besser darin sei als andere Affen. Die Forscher wollen das Experiment daher mit untrainierten Primaten wiederholen.

Sie gehen aber von einer Allgemeingültigkeit aus. Schließlich wurden Rollenspiele immer wieder in Gefangenschaft und in freier Wildbahn beobachtet. So tragen weibliche Schimpansen etwa Stöcke mit sich herum wie Mütter ihre Säuglinge – ein klassisches »So tun als ob«-Spiel. Das Team will weiteren Facetten dieser Vorstellungskraft auf den Grund gehen, beispielsweise der Fähigkeit, über die Zukunft nachzudenken oder sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen.

  • Quellen
Bastos, A., Krupenye, C., Science 10.1126/science.adz0743, 2026

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