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Imperium Romanum: Der Friedhof der Geköpften

In England haben Archäologen auffallend viele Gräber von enthaupteten Menschen frei gelegt. Ob sie geopfert oder hingerichtet wurden, haben die Forscher per Indizienkette geklärt.
Römerzeitliches Skelett eines Geköpften aus Knobb's Farm, England.Laden...

In der englischen Grafschaft Cambridgeshire haben Archäologinnen und Archäologen drei spätrömische Friedhöfe ausgegraben – und dort ungewöhnlich viele Bestattungen von geköpften Menschen aus dem 4. Jahrhundert gefunden. Nach Ansicht von Rob Wiseman und Benjamin Neil von der Cambridge Archaeology Unit sowie Francesca Mazzilli von der Universität Bergen handelt es sich dabei um die Skelette von Hingerichteten. Weiter schreiben sie im Fachblatt »Britannia«, dass die Fundregion einst zur Versorgung der römischen Armee diente. Damit wären die dortigen Siedler sehr viel stärker vom Staat überwacht worden als anderswo – Vergehen der Bewohner wären also auch häufiger geahndet worden.

An der Fundstelle Knobb's Farm legten die Ausgräber insgesamt 52 Bestattungen frei, bei 17 lag der Schädel im Bein- oder Fußbereich des Skeletts. Neun der Enthaupteten waren Männer, acht Frauen. An den Gebeinen entdeckten die Wissenschaftler keine Verletzungen, die von einer Abwehrhaltung herrühren könnten. Bei zwei der Toten belegten zudem Hiebspuren an den Halswirbeln, dass der Kopf mit einer schweren Klinge von hinten vom Körper getrennt wurde.

Wieso so viele Geköpfte?

Warum derart viele Menschen enthauptet wurden, dazu hat das Forscherteam mehrere Erklärungen überprüft. Möglich sei, dass es sich um Menschenopfer handle, um bestrafte Sklaven, hingerichtete Christen oder Kriegsopfer. Vielleicht waren die Toten aber auch aus Angst vor Wiedergängern geköpft worden. Viele dieser Vorschläge schließen Wiseman & Co aus historischen Gründen aus: Menschenopfer waren im Römischen Reich verboten; Sklaven wurden gekreuzigt oder bei lebendigem Leib verbrannt; für Christenverfolgungen im Westen des Imperiums gibt es keine überlieferten Nachrichten – zudem sei das Christentum längst anerkannt gewesen, als die Toten von Knobb's Farm in ihre Gräber gebettet wurden. Die Forscher schließen auch aus, dass es sich um Mord- oder Kriegsopfer handelte. Dann wären weitere und andere Knochenverletzungen zu erwarten. Vielmehr würden die meisten Indizien für Hinrichtungen sprechen.

So zeigten Genanalysen, dass die Toten nicht miteinander verwandt waren. »Dass es keine genetischen Beziehungen in Knobb's Farm gab, legt nahe, dass die Bevölkerung dorthin gezogen war, entweder freiwillig oder unfreiwillig«, schreibt das Forscherteam. Gerade in ländlichen Regionen sei aber zu erwarten, dass die Mehrzahl der Menschen miteinander verwandt war. Außerdem fiel auf, dass die Siedlung von Knobb's Farm verglichen mit anderen Fundplätzen der Region auffällig groß war – gemessen an der Zahl der Bestatteten. »Sie ist dreimal größer als im Durchschnitt in Friedhöfen, die zu ländlichen Siedlungen gehörten.«

Wiseman und sein Team vermuten daher, dass Knobb's Farm eine dem Reich unterstellte Siedlung war, die zur Heeresversorgung diente. Im Umfeld haben die Forscher auch weitere spätrömische Siedlungen dokumentiert. Unter offizieller Aufsicht seien straffällige Bewohner wohl häufiger dingfest gemacht worden als anderswo.

Immer mehr Delikte wurden mit dem Tod bestraft

Dass die 17 Toten hingerichtete Delinquenten waren, würde auch die Datierung der Grabbeigaben nahelegen. Die Objekte stammen aus dem späten 3. und vor allem aus dem 4. Jahrhundert. In ebenjener Zeit waren die Strafformen im Römischen Reich deutlich verschärft worden. »Die Zahl jener Verbrechen, die mit der Todesstrafe geahndet wurden, hatte sich im 3. Jahrhundert verdoppelt und im 4. Jahrhundert vervierfacht«, heißt es in der Studie in »Britannia«. Der Grund: Das Imperium Romanum fürchtete offenbar um seinen Erhalt und wollte die Versorgung gerade des Militärs garantiert sehen.

Laut Wiseman, Neil und Mazzilli seien die Friedhöfe von Knobb's Farm ein seltener Beleg für die Anwendung der Todesstrafe im Römischen Reich. Die Gräber bargen aber noch weitere Überraschungen. So lag ein gutes Dutzend der Verstorbenen bäuchlings im Grab. Aus welchen Gründen, das konnten die Forscher noch nicht eindeutig klären. »Womöglich sollte so verhindert werden, dass die Toten als Wiedergänger aus dem Grab aufsteigen.«

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