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Imperium Romanum: Die verschollenen Straßen der Römer

Das römische Straßennetz war etwa 110 000 Kilometer länger als bisher angenommen. Eine hoch aufgelöste Digitalkarte macht erstmals die verschollenen Wege sichtbar.
Eine gepflasterte Straße führt durch eine Landschaft mit alten Ruinen und Bäumen. Auf der linken Seite sind Überreste von Gebäuden aus Stein und Ziegeln zu sehen, die von Bäumen umgeben sind. Die Straße verläuft geradeaus und ist von hohen, grünen Bäumen gesäumt. Der Himmel ist leicht bewölkt, und die Szene vermittelt einen Eindruck von historischer Ruhe und natürlicher Schönheit.
Der Bau der Via Appia geht auf das Jahr 312 v. Chr. zurück. Sie zählt zu den bekanntesten römischen Fernstraßen.

Kürzlich, bei einem Besuch in Rom, spazierte ich die Via Appia entlang und fühlte mich in die Vergangenheit versetzt. Der Bau dieser Straße begann im Jahr 312 v. Chr. Sie sollte die Truppenverlegung nach Südosten in Richtung Capua erleichtern und weiter bis zur Hafenstadt Brindisi am Absatz des italienischen Stiefels führen. Die Via Appia ist die älteste und bekannteste Trasse des Römischen Reichs.

Seit Langem gilt sie unter Fachleuten als Inbegriff einer römischen Straße: ein schnurgerader Verlauf, so weit das Auge reicht, gepflastert mit Blöcken aus Vulkangestein, gesäumt von spitzen Zypressen und natürlich mit Anschluss an Rom. Die Vorstellung, dass die Römer hier schon vor mehr als 2300 Jahren unterwegs waren, versetzt einen in Staunen. Und es überrascht nicht, dass dieses Wunderwerk antiker Ingenieurskunst – von dem lange Abschnitte bis heute außergewöhnlich gut erhalten sind – als »regina viarum«, als Königin der Fernstraßen, bekannt ist.

Doch so ikonisch sie auch ist, die Via Appia ist nicht der Urtyp, für den Fachleute sie lange gehalten haben. Meine Kollegen und ich haben eine neue Karte römischer Straßen erstellt, die erstmals deren Lage in hoher Auflösung in einer einzigen, frei zugänglichen Datenquelle zeigt. Was wir herausfanden, hat unsere Sicht auf das Wegenetz, auf dem die antike Supermacht beruhte, erheblich geändert.

Bisher nur der ungefähre Verlauf

Historiker und Archäologen erforschen schon lange die römischen Verkehrswege. Dabei haben sie tatsächliche Überreste, Meilensteine und historische Texte über wichtige Verbindungen zwischen den Siedlungen entdeckt. Doch die Anstrengungen, die Straßen anhand dieser bruchstückhaften Quellen zu kartieren, ergaben bislang nur eine Karte mit geringer Auflösung, die einen ungefähren statt des exakten Verlaufs des Wegenetzes zeigte.

Gen Süden |

Die Via Appia sollte anfangs die Verlegung von Truppen erleichtern. Die Trasse führte bis nach Brindisi an der Adriaküste. 

Um zu verstehen, wie die Römer neue Gebiete eroberten, besetzten und Güter transportierten, muss man wissen, wo genau die Straßen verliefen. Durch deren Ausbau war erstmals in der Geschichte ein Gebiet von der Größe der Europäischen Union von einem Netzwerk durchzogen, das die Ströme von Menschen, Waren, Ideen und auch Krankheiten von Ägypten nach Mitteleuropa, von der Iberischen Halbinsel bis nach Anatolien ermöglichte. Deshalb begannen mein Team und ich damit, die erste hoch aufgelöste digitale Karte der Straßen im Imperium Romanum zu erstellen. Unter anderem kombinierten wir Informationen aus historischen Datensätzen mit modernen topografischen Karten, Satellitenbildern und weiteren Quellen. Anfangs waren wir davon ausgegangen, dass eine 200-jährige Forschungstradition ausreichen würde, um die seither gesammelten Datenpunkte einfach miteinander zu verknüpfen. Doch wie wir feststellen mussten, lagen wir mit dieser Vermutung falsch.

Unsere Forschungen ergaben, dass das Straßennetz im 2. Jahrhundert, als das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreichte, etwa 300 000 Kilometer umfasste – fast doppelt so viel wie die bisher bekannte Gesamtlänge. Das ist eine gewaltige Entdeckung. Und sie ist gleichzeitig ernüchternd, denn obwohl wir den vollen Umfang des Netzes erfassen können, kennen wir nur von 2,7 Prozent die genaue Lage – darunter etwa die erhaltenen Abschnitte der Via Appia. Aber wie kann es sein, dass wir nach Jahrhunderten der Forschung so wenig über dieses Verkehrsnetz wissen? Und wo liegen die verschollenen Trassen des Römischen Reichs?

Wie Rom alte Straßensysteme skalierte

Beginnen wir mit dem, was wir wissen. Die Römer haben weit weniger Dinge erfunden, als ihnen oft zugeschrieben wird. Und die Straße haben sie ganz sicher nicht erfunden. Roms Stärke lag in der Fähigkeit, eine gute Idee zu erkennen und sie auf die Größe eines Kontinents zu skalieren.

Die Feldherren und Kaiser Roms eroberten Regionen, die bereits über ausgeklügelte Straßensysteme verfügten und dicht besiedelte Gebiete miteinander verbunden haben. Im Osten hatten die hellenistischen Könige, die Alexander dem Großen nachgefolgt waren, zahlreiche Städte erbaut und diese durch Straßen verknüpft – genau so, wie es zuvor schon die Perser, Assyrer und Babylonier getan hatten. Die Achämeniden bauten sogar eine antike »Autobahn« zwischen ihrer Hauptstadt Susa in Persien und Sardes in der heutigen Westtürkei, bekannt als die Königsstraße.

Antikes Straßennetz |

Für einige Wege im Römischen Reich ist der Verlauf sicher überliefert, für andere weniger gut. Je nachdem ist der Straßenverlauf in dieser Karte dicker (sicherer) oder dünner (weniger sicher) gezeichnet. Das gesamte Netz dürfte etwa 300 000 Kilometer umfasst haben.

Die eigentliche Innovation der Römer bestand darin, als Erste in der Geschichte die verschiedenen lokalen Wegsysteme in ein Netz zu integrieren, das das gesamte Reich umspannte. Und entgegen dem Sprichwort führten beileibe nicht alle Wege nach Rom. Riesige Infrastrukturprojekte verknüpften die Straßen verschiedener Provinzen gezielt zu einem zusammenhängenden Ganzen und erschlossen so den Zugang zu weit entfernten Regionen, vom Atlasgebirge in Nordafrika bis zum Donaudelta.

Ein Beispiel: Mit der Eroberung des Nabatäerreichs im heutigen Jordanien verschob Kaiser Trajan die Grenzen des Römischen Reichs im Jahr 106 bis an die Arabische Halbinsel. Seine Legionen bauten anschließend die Via Nova Traiana, die vom Hafen in Akaba am Roten Meer bis nach Bosra in Syrien führte. Diese bedeutende Straße ging nicht nach Rom, sondern sie verknüpfte mehrere Provinzen im Osten und war unabdingbar für die Verteidigung des Reichs sowie die rasche Truppenverlegung. Die Via Nova Traiana war Teil des Limes Arabicus, einer gewaltigen, etwa 1500 Kilometer langen Wüstengrenze mit Festungen. Zum Vergleich: Der Hadrianswall schirmte auf einer Länge von 117 Kilometern das römische Britannien vom Norden ab.

Die Erfindung des Meilensteins

Vieles von dem, was Wissenschaftler über römische Infrastrukturprojekte wissen, haben sie aus Meilensteinen ermittelt. An den beschrifteten Steinpfeilern ließen sich ähnlich wie an den heutigen Stationszeichen an Autobahnen und Landstraßen der Standort und Entfernungen ablesen. Der früheste bekannte römische Meilenstein stammt aus Sizilien. Gaius Aurelius Cotta, der in den Jahren 252 und 248 v. Chr. Konsul war, ließ ihn nach dem Sieg über Karthago im Ersten Punischen Krieg errichten. Danach führten die Römer die Meilensteine im gesamten Reich ein.

Die Entfernungsmesser waren mehr als nur eine Orientierungshilfe: Sie dienten zur Staatsrepräsentation. Oft waren sie mit dem Namen des Kaisers oder örtlicher Magistrate beschriftet, die den Bau oder die Instandhaltung der Verkehrswege finanziert hatten. Auf der Iberischen Halbinsel etwa hatte Kaiser Augustus zwischen 8 und 2 v. Chr. die Via Augusta erbauen lassen, eine gewaltige Hauptverkehrsader, die vom heutigen Cádiz im Süden bis zu den Pyrenäen im Norden verlief. Entlang der gesamten Strecke stand der Name Augustus auf den Meilensteinen. Die Via Augusta integrierte zudem Menschen und Waren der Iberischen Halbinsel stärker in das Imperium.

Arc de Berà |

Der römische Ehrenbogen wurde im Jahr 13 v. Chr. auf der Via Augusta erbaut. Er befindet sich in der Provinz Tarragona in Katalonien, neben einer Nationalstraße, die – wie häufiger in Europa – dem Verlauf der alten Römerstraße folgt. 

Die Meilensteine verhalfen uns zu entscheidenden Fortschritten auf der Suche nach bislang unbekannten römischen Wegen. Das Wort »Meile« stammt vom lateinischen »mille passus«, was 1000 Doppelschritten entsprach – so lang war eine römische Meile. Ein römischer Doppelschritt bestand aus fünf römischen Fuß, sodass eine Meile 5000 Fuß entsprach oder umgerechnet 1,48 Kilometer. Für unsere Forschungen nutzten wir die Meilensteine als antike GPS-Markierungen. Beispielsweise konnten wir durch die Entdeckung von zwei Meilensteinen im Vorderen Orient ermitteln, wie eine Römerstraße vom See Genezareth auf das darüberliegende Plateau führte.

Seit mehr als einem Jahrhundert katalogisieren Fachleute die Inschriften auf Meilensteinen. Zum Durchbruch verhalf uns jedoch eine wichtige Neuheit auf dem Gebiet der Archäologie: die Digitalisierung. Durch die Zusammenführung von Datenbanken, die mehr als 8000 Standorte von Meilensteinen und etwa 14 000 antike Orte umfassen, konnten wir über das gesamte Imperium Romanum hinweg Punkte auf der Karte miteinander verbinden.

Das ist aber nur möglich, wenn man die Linien sehen kann. Für den größten Teil des römischen Straßennetzes sind diese Verbindungslinien jedoch unbekannt. Es war also einiges an Detektivarbeit nötig, um den Verlauf der Römertrassen wieder sichtbar zu machen.

Abgetauchte Stadt

Samosata, im Südosten der heutigen Türkei gelegen, war die Hauptstadt des Königreichs Kommagene. Rom hat es sich im 1. Jahrhundert einverleibt. Wir wollten die dortigen Straßen finden. Leider kann man die antike Stadt nicht mehr besuchen, da sie nach dem Bau des Atatürk-Staudamms am Euphrat in den 1980er-Jahren tief im Wasser versunken ist. Der Stausee überflutete Samosata samt einer Fläche von mehr als 800 Quadratkilometern; das ist etwas mehr als die Fläche von Hamburg. Doch Satellitenaufnahmen aus der Zeit des Kalten Kriegs halfen bei der Suche. Wir konnten in den freigegebenen Bildern, die vor der Flutung des Stausees aufgenommen wurden, die Spuren antiker Straßen nachvollziehen.

Baetica |

In der Provinz Baetica produzierten Bauern große Mengen Olivenöl für das Römische Reich. Die Überreste von zahlreichen Gehöften und Siedlungen sind bekannt; die Straßen und Wege zwischen den Orten hingegen nur selten.

Nicht nur Staudämme lassen Straßen verschwinden. Wächst in einer Region die Bevölkerung, werden neue Grundstücke für den Wohnungsbau erschlossen – und beim Ausheben von Fundamentgräben oft genug Spuren aus der Vergangenheit zerstört. Nicht immer ist es möglich, zuvor Ausgrabungen durchzuführen. In solchen Fällen stützen wir uns auf historische Satellitenaufnahmen. Durch sie können wir eine Landschaft vor der Urbanisierung untersuchen und Spuren längst zerstörter römischer Straßen finden.

Historische Satellitenaufnahmen sind nicht unser einziges Werkzeug, um in die Vergangenheit zu blicken. Detaillierte topografische Karten, die häufig in Kriegszeiten angelegt wurden, geben bisweilen eine Landschaft so wieder, wie sie vor der großflächigen Bebauung ausgesehen hat. So erstellte die französische Armee, die zwischen den beiden Weltkriegen Syrien und den Libanon kontrollierte, in dieser Zeit detaillierte Karten des Gebiets. Darauf konnten wir im syrischen Bosra deutlich eine Linie erkennen, die auch als römische Straße gekennzeichnet worden war. Heute ist sie teilweise von Vorstadtbauten überdeckt.

Ins Römische Reich hineinzoomen

Mithilfe dieser Ressourcen ließen sich die Straßen zudem unter Berücksichtigung der Topografie präziser kartieren. Das bisherige Standardwerk für das gesamte Römische Reich war der im Jahr 2000 veröffentlichte »Barrington Atlas of the Greek and Roman World«. Dieses Mammutwerk galt als grundlegend, wollte man ein umfassendes Bild von den Straßen und Orten der Antike erhalten. Es wurde später digitalisiert und ist nach wie vor die einzige derartige Quelle für das gesamte Römische Reich. Die Karten des »Barrington Atlas« haben einen Maßstab von 1 : 500 000 oder 1 : 1 000 000 – das heißt, ein Zentimeter auf der Karte entspricht fünf beziehungsweise zehn Kilometern in der Realität. Der abgebildete Straßenverlauf dürfte daher allzu oft nicht zur Oberflächengestalt der Landschaft passen.

Im »Barrington Atlas« ist zwischen den antiken griechischen Städten Mantinea und Argos, die beide in der Nähe von Mykene auf der Halbinsel Peloponnes liegen, ein Berg eingezeichnet. Um diesen Berg schlängelt sich eine 62 Kilometer lange Straße; zu Fuß bräuchte man etwa 20 Stunden für diese Strecke. Doch ein Wanderer in der Antike wählte womöglich eine andere Route: Er überquerte die Bergpässe, was seine Reise auf 14 Stunden verkürzte. Wir haben die scharfen Serpentinen solcher Bergwege kartiert. Es sind viele Zickzacklinien.

Im Osten des Reichs |

Die Via Nova Traiana führte vom Hafen Akaba am Roten Meer bis nach Bosra in Syrien. Die Straße garantierte die Versorgung eines rund 1500 Kilometer langen Limes, der die Grenze nach Zentralarabien bildete.

Es gibt zahlreiche solcher Beispiele – gemeinsam sind sie der wesentliche Grund, warum wir das römische Straßennetz um etwa 111 000 Kilometer erweitert haben. Wir sind uns sicher, dass eine Gesamtlänge von 300 000 Kilometern der Realität viel näher kommt, wenn man die Vielgestaltigkeit des Geländes berücksichtigt.

Neben historischen Satellitenaufnahmen und topografischen Karten haben wir die Paläogeografie genutzt, um den Verlauf römischer Straßen aufzuspüren. Unter anderem durch die Untersuchung von Sedimentprofilen, also der Abfolge von Gesteins- und Bodenschichten, lässt sich das Aussehen einstiger Landschaften rekonstruieren. Wir wissen, dass sich insbesondere die Mündungsdeltas der großen Flüsse erheblich verändert haben. Im Süden der heutigen Niederlande etwa liefen Rhein und Maas in einer sich ständig wandelnden Landschaft aus Feuchtgebieten, Sümpfen und Inseln zusammen, in der die Flüsse immer wieder ihren Lauf änderten. Bekanntlich haben die Niederländer einen Großteil ihres Landes kanalisiert, darunter weite Abschnitte der zwei Flüsse. Indem sie gezielt Landstriche überfluteten, machten sie sich im 16. und 17. Jahrhundert die Kontrolle über das Wasser als Waffe gegen spanische Eroberer zunutze.

Das bedeutet, dass die Deltalandschaft, wie wir sie heute kennen, der Landschaft vor etwa 2000 Jahren kaum noch ähneln dürfte. Die niederländischen Mitglieder unseres Teams stützten sich daher auf bereits vorliegende Rekonstruktionen der Landschaft in römischer Zeit, um die alten Flussläufe zu identifizieren und für Straßen geeignete Landflächen zwischen den Siedlungen zu lokalisieren.

Straßengrabungen sind eine Seltenheit

Der ehemalige Verlauf einer Straße ist erst dann gesichert, wenn Teile davon ausgegraben oder in der Landschaft noch sichtbar sind – wie im Fall der Via Appia. Archäologen haben überall im Gebiet des Römischen Reichs Straßenabschnitte freigelegt und sind große Gebiete auf der Suche nach solchen Spuren abgelaufen. Doch Ausgrabungen kosten Zeit und Geld. Zumeist machen neue Bauvorhaben eine Grabung nötig, aber dann konzentrieren sich die Arbeiten punktuell auf bestimmte Fundplätze wie Villen oder Meilensteine. Eine lange, linear verlaufende Straße auszugraben, lässt sich nicht so einfach bewerkstelligen. Aus diesem Grund wissen wir viel mehr über die Siedlungen und Gehöfte der Römer als über ihre Straßen, die sie miteinander in Kontakt gebracht haben.

Meilenstein |

Entlang der ehemaligen Via Domitia in Südfrankreich sind Meilensteine aufgestellt.

Ein gutes Beispiel liefert die Provinz Baetica im Süden der Iberischen Halbinsel. Für den Erfolg der römischen Legionen war sie von immenser Bedeutung. Im Tal des Baetis, des heutigen Flusses Guadalquivir, produzierte man einen großen Überschuss an Olivenöl. Der Transport der Oliven erfolgte über Straßen, die von den Hainen zu den Pressen führten, wo das Öl gewonnen und in große, kugelförmige Keramikamphoren abgefüllt wurde. Die Behälter verschiffte man anschließend den Fluss hinunter und auf dem Seeweg an die Standorte der römischen Armee – bis in die germanischen Provinzen. Die Baetica war dicht besiedelt. Wir kennen die Fundplätze von Hunderten Gehöften, Olivenpressen, Keramiköfen, Flusshäfen und Siedlungen. Ein genauer Blick auf unsere Karte zeigte jedoch, dass einige der von Land umgebenen Orte nicht an eine bisher bekannte Straße angebunden waren. Im gesamten Römischen Reich muss es zahlreiche Plätze dieser Art gegeben haben, die durch Straßen miteinander verknüpft waren, damit die Bewohner zu ihren Häusern und Olivenhainen gelangen konnten.

Von ungefähr 8000 Kilometern Straßennetz ist der Verlauf gesichert. Das entspricht in etwa der Entfernung von Paris nach Neu-Delhi auf modernen Wegen. Die restlichen 292 000 Kilometer auf unserer Karte – das ist mehr als das Siebenfache des Erdumfangs – beruhen auf Annahmen, die mal besser und mal schlechter belegt sind. Beispielsweise verfügen wir über antike Schriftquellen, die eine römische Straße in einer bestimmten Region bezeugen, aber wir haben nur begrenzte Informationen darüber, wo genau sie einst verlief.

Als Forscherinnen und Forscher müssen wir jedoch offen und klar darlegen, was wir beobachtet haben und was wir – gut begründet – lediglich vermuten. Darum haben wir eine Karte erstellt, die anzeigt, wie zuverlässig unsere Quellen sind und wie genau unsere Digitalisierung deshalb sein kann. Im Grunde bildet die Karte unser Nichtwissen ab. Doch mit diesem Ansatz können wir Archäologen erstmals detailliert dazu anleiten, wo der Fund einer römischen Straße am ehesten zu erwarten ist.

Zehntausende Kilometer Straße müssen noch entdeckt werden. Unser frei zugänglicher Online-Atlas namens »Itiner-e« zeigt, wo man nach ihnen suchen muss. Und es funktioniert bereits. Seit der Atlas online gegangen ist, haben wir Hinweise aus aller Welt erhalten, die uns helfen, die verschollenen Verkehrsadern des Römischen Reichs aufzuspüren. Die Suche nach den Straßen, die die Welt veränderten, hat erst so richtig begonnen.

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  • Quellen
  • De Soto, P. et al., Scientific Data 10.1038/s41597–025–06140-z, 2025
  • Online-Atlas Itiner-e, aufrufbar unter https://itiner-e.org/
  • Talbert, R. J. A. (Hg.), Barrington Atlas of the Greek and Roman World, 2000

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