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News: Impfungen: In Abwesenheit der Krankheit handeln!

In den westlichen Industriestaaten ist der Schrecken von Epidemien nicht vorbei, weil die Kinder so "widerstandsfähig" oder die Erwachsenen so "gesund", sondern weil die Menschen gegen viele der Krankheiten geimpft sind. Dazu gehören Polio (Kinderlähmung), Diphtherie, Tetanus und mehrere andere Infektionskrankheiten. Gerade deshalb muß in der Absenz todbringender Epidemien durch Impfungen gehandelt werden.
Das ist die Hauptaussage einer internationalen Expertenkonferenz zum Thema "Öffentlichkeit und Impfungen" in Monaco, die am 2. und 3. April 1998 stattfand.

"Impfen heißt, in der hörbaren Stille der Krankheit handeln. Impfen heißt, auch bei Abwesenheit einer Krankheit handeln, in Erinnerung an Epidemien aktiv sein", erklärte am Donnerstag David Fedson, Leiter der medizinischen Abteilung des weltgrößten Vakzin-Herstellers Pasteur Merieux MSD.

Während vor wenigen Jahrzehnten die Kinderlähmung noch ihren folgenschweren "Fuß in der Tür" in vielen Ländern Europas hatte, die Diphtherie in der Nachkriegszeit ihre Opfer forderte und andere Infektionskrankheiten noch nicht durch Impfungen zu verhindern waren (z.B. Haemophilus influenzae b-Gehirnhautentzündung), hat sich die Situation grundlegend gewandelt.

Elizabeth Miller vom Überwachungszentrum für infektiöse Krankheiten Großbritanniens in London: "Mit den seltener auftretenden Erkrankungsfällen wird das öffentliche Bewußtsein für die Notwendigkeit von Impfungen geringer. Gleichzeitig erhöht sich die Aufmerksamkeit für eventuelle Nebenwirkungen." Ist das Hauptproblem – die Epidemie – "verhindert", verschiebt sich das Bild. Die vergleichsweise ungefährliche Immunisierung rückt womöglich gar als "Gefährdungspotential" in den Vordergrund.

Deshalb müsse gerade in den westlichen Industriestaaten für Impfungen immer intensiver geworben werden, so Miller. In den Ländern der Dritten Welt hingegen würden die Immunisierungen weiterhin als "Segen" gesehen, weil sie todbringende Krankheiten von Kindern und Erwachsenen fernhalten.

David Salisbury, in Großbritannien für das landesweite Kinder-Impfprogramm mitverantwortlich: "Solche Werbekampagnen sind teuer. Es könnte sogar soweit kommen, daß sie bei uns einmal teurer als der Impfstoff selbst werden."

Am wichtigsten bei der primären Mobilisierung der Öffentlichkeit sind laut dem britischen Experten zunächst einmal Werbefolder (65 Prozent – Angaben aus einer britischen Umfrage, Mehrfachnennungen möglich, Anm.), dann kommen schon Gesundheitsmagazine (40 Prozent) und erst mit 30 Prozent die Angehörigen der Gesundheitsberufe. Salisbury: "Bei der eigentlichen Information spielen dann die Ärzte die bedeutendste Rolle, gefolgt vom Pflegepersonal und dann den Medien."

Kampagnen für Immunisierungen, die auf Angst setzen – beispielsweise bei Kinderkrankheiten mit womöglich lebensgefährlichen Komplikationen (Haemophilus influenzae, Masern etc.) – wirken nur vorübergehend, meint der britische Experte David Salisbury: "Mit einer solchen Kampagne für die Haemophilus-Impfung und der Gefahr einer Gehirnhautentzündung (Meningitis, Anm.) konnte in unserem Land der Bekanntheitsgrad der Immunisierung binnen sechs Monaten von null auf 80 Prozent gesteigert werden. Doch das hielt nur kurz an."

Eher auf die Vernunft zielende Werbe-Aktivitäten hingegen zeigen einen längeren Effekt. Salisbury: "In unserer zunehmend auf Individualismus ausgerichteten Gesellschaft sind wir 'risikobewußt'. Also kann man die Verminderung eines Krankheitsrisikos als Argument einsetzen. In einer neuen Kampagne, in der wir ein Baby inmitten brandender Wasserwogen, auf einer Felsspitze und umgeben von Löwen zeigen, sagen wir: 'Welche liebenden Eltern würden ihr Kind je einer solchen Gefahr aussetzen?'"

Mißverstandene wissenschaftliche Veröffentlichungen über statistische Untersuchungen verzerren zusätzlich das Bild. Der britische Fachmann: "Die Nennung eines individuellen Risikos von 50 zu 50 ist falsch, wenn das Gesamtrisiko nur eins zu 99 beträgt."

Ein Beispiel: Erklärt ein Arzt oder Wissenschafter bei Auftreten eines Krankheitssymptoms nach einer Impfung, daß mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Impfung die Ursache sei, entsteht leicht ein vollkommen falscher Eindruck. Das ändert nämlich nichts an der Tatsache, daß erstens die durch Immunisierung bekämpfte Krankheit viel gefährlicher wäre und zweitens das Risiko des Auftretens einer Nebenwirkung weiterhin im Promille-Bereich liegt.

Umgekehrt zeigen Anti-Impf-Kampagnen, bei denen mögliche Nebenwirkungen hochgespielt werden, eine schnelle Wirkung: US-Experte Mark Siegler von der University of Chicago belegte dies mit Daten aus Kanada vor einigen Jahren. Nach Ängsten wegen der Keuchhusten-Impfung (Pertussis) versechsfachte sich binnen kurzer Zeit die Zahl der aufgetretenen Erkrankungen.

Dabei spüren die Epidemiologen mittlerweile auch bereits die seltensten Impfkomplikationen auf: Aus 23 Fällen schwerer Blutbildveränderungen jeglicher Ursache an einer Personengruppe von 700 000 Menschen errechneten finnische und britische Experten, daß so ein Krankheitsbild bei einem von 20 000 bis 30 000 Kindern auftreten kann, die mit einem Masern-Mumps-Röteln-Vakzin immunisiert werden. Dem steht die Verhinderung praktisch aller dieser Kinderkrankheiten samt deren gefährlichen Komplikationen (Meningitis etc.) als Positivum gegenüber.

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