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Kindliche Entwicklung: In die Irre geschickt

Kleine Kinder suchen beharrlich in einem ihnen zuvor demonstrierten Versteck, auch wenn sie beobachten konnten, dass ihr Gegenüber das Objekt der Begierde ganz woanders verstaute. Für Forscher lag darin unter anderem der Hinweis, dass die Informationsverarbeitung der Kleinen noch nicht ausgereift sei. Dabei haben sie selbst ihre Probanden genarrt - ungewollt, versteht sich.
"Lea, schau mal her, hier ist der Teddy! Und den lege ich jetzt hier unter den blauen Eimer. Siehst du? HIER unter den BLAUEN Eimer." Darauf folgen vielsagende Blicke hin und her zwischen Kind und Eimer, ein aufmunterndes Lächeln – und die nächste Runde. Nach drei, vier Wiederholungen verschwindet der Teddy dann allerdings ohne Worte unter dem benachbarten roten Eimer, weiteres freundliches Lächeln, stetiger Blickkontakt mit dem Zwerg auf der anderen Tischseite, kurze Pause. Dann darf Lea – oder auch Ann-Sophie, Jonas oder Luca – selbst Hand anlegen.

Doch was macht der laufende Meter? Obwohl er oder sie genau beobachtet hat, dass Teddy nicht mehr wie zuvor geübt unter dem blauen Gefäß versteckt ist, wird genau dieses umgedreht – oh! Keiner da. Das Kind schaut verdutzt, die Forscher grinsen, denn genau das haben sie eigentlich auch erwartet: Seit der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget 1954 dieses auch oft A-nicht-B-Suchfehler genannte Phänomen beschrieb, wurde es weltweit unzählige Male bestätigt.

Und natürlich eifrig immer wieder neu interpretiert: Von einem noch mangelhaften Verständnis der Objektpermanenz über eine wider besseren Wissens sich verselbstständigende Motorik bis hin zu noch nicht ausgereiftem Kurzzeitgedächtnis reichen die Erklärungsansätze. Kurz gesagt seien Einjährige von dieser Aufgabe schlicht noch überfordert.

Fehler im System?

Dabei sind es gar nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die hier einen folgenschweren Fehler begehen, stellten József Topál von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und seine Kollegen fest. Sie hatten sich die üblichen Versuchsbedingungen genauer angesehen, und dabei kam ihnen der böse Verdacht, die lieben Kleinen könnten gar nicht anders als so reagieren, wie es von ihnen seit Jahrzehnten bekannt ist.

Denn das Verstecken gehe stets mit einer derart intensiven Kommunikation auf verschiedenen Kanälen einher, dass die Kinder daraus eine falsche Verallgemeinerung ableiten – frei nach dem Motto "Teddys sitzen normalerweise unter blauen Eimern, auch wenn ich gerade etwas ganz anderes gesehen habe". Und wenn Erwachsene so etwas dermaßen nachdrücklich vermitteln, dann wird das wohl stimmen, schließlich liefern sie auch sonst die hilfreiche Einordnung von den Strukturen der großen, unübersichtlichen Welt.

Demonstratives Vorführen | Wird Kindern eine Verhaltensweise sehr intensiv demonstriert, machen sie diese auch trotz besseren Wissens nach. Deshalb suchen sie fälschlicherweise weiterhin unter einem Gefäß nach dem zuvor immer dort versteckten Spielzeug, obwohl sie beobachten konnten, dass es beim letzten Mal woanders versteckt wurde.
Topál und seine Mitarbeiter spielten nun dieses Spiel ein weiteres Mal mit gut 40 Kindern, aber sie veränderten die Bedingungen. Während eine Gruppe das Gewohnte erlebte – Verstecken mit viel Interaktion –, ignorierte die Versuchsleiterin in der zweiten Gruppe die Kinder, während sie die nötigen Handbewegungen durchführte. Und die dritte Gruppe bekam noch nicht einmal mehr den Erwachsenen zu Gesicht, der – selbst verborgen hinter einem Vorhang – die Eimer hob und Spielzeug versteckte.

Plötzlich fiel das Versuchsergebnis ganz anders aus. Während alle Kinder gleich gut abschnitten, wenn sich Teddy auch wirklich unter dem zuvor gelernten blauen Eimer verbarg, tappten die Kleinen der ostentativen Demonstration bei Teddys unter roten Eimern wie erwartet in die Falle. Ihre Altersgenossen der beiden anderen Gruppen hingegen lagen hier in mehr als der Hälfte der Fälle nun richtig. Womit sich die Wissenschaftler bestätigt fühlen, dass der Fehler der Kinder eine Folge der Darbietungsintensität ist.

Freispruch für die Kleinen

Ganz ablehnen wollen Topál und Co die bisherigen Thesen aber dennoch nicht – schließlich lag knapp die Hälfte der Kleinen trotz weniger nachdrücklicher Unterweisung immer noch falsch. Hier machen die Forscher die vier Sekunden Pause verantwortlich, die zwischen der letzten Demonstration und der Aufforderung verstrichen, nun selbst zu suchen: Wahrscheinlich sei das Kurzzeitgedächtnis der Kinder wirklich noch nicht ganz ausgereift, und so habe sich die mehrfach beobachtete Prozedur insgesamt doch stärker eingeprägt als die letzte einzelne Szene. "Hätten wir diese Pause nicht eingeführt, hätten die Kinder eher an der richtigen Stelle gesucht", sind die Wissenschaftler überzeugt.

Doch das Fazit bleibt: Die besondere Aufmerksamkeit, die einer sehr nachdrücklichen Darbietung größere Bedeutung beimisst, lässt Kinder zwar erfolgreich von Erwachsenen lernen, doch kann sie die Kleinen in bestimmten Situationen eben in die Irre schicken. Ihnen das als Fehler anzukreiden, ist dann aber höchst unfair.

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  • Quellen
Topál, J. et al.: Infants' Perseverative Search Errors are Induced By Pragmatic Misinterpretation. In: Science 321, S. 1831–1834, 2008.

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