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Paläontologie: In flagranti erwischt

Was tut man nicht alles für ein paar Millimeter mehr - ein geologischer Schnappschuss aus dem mittleren Kambrium zeigt, dass schon die Urahnen der heutigen Gliederfüßer regelmäßig ihre Hüllen fallen ließen.
Marrella splendensLaden...
Krebse haben es nicht gerade einfach: Vor jedem Wachstumsschub müssen sie sich erst einmal aus ihrem alten, zu eng gewordenem Panzer herauszwängen – eine Kräfte zehrende und nicht ganz ungefährliche Prozedur. Wie alle Gliederfüßer, besitzen auch die Krebse ein Außenskelett in Form eines starren Chitinpanzers, das zwar vor Feinden schützt, für das Wachstum jedoch alles andere als praktisch ist. Einmal ausgebildet, ist der Panzer unveränderlich und wird schon nach kurzer Zeit zum Auslaufmodell.

Bereits einige Tage vor der eigentlichen Häutung beginnen die Krustentiere mit ihren Vorbereitungen: Sie stellen ihre Nahrungsaufnahme ein und lösen die inneren Schichten ihres Chitinpanzers langsam auf. Die Häutung selbst geht sehr schnell: Eine Hummerlarve benötigt beispielsweise maximal zehn Minuten für ihren Skelett-Strip. Unter dem alten Panzer hat sich bereits ein neuer entwickelt, der in den ersten Tagen noch weich und elastisch ist. Nur in dieser kurzen Phase haben die kleinen Krebse die Möglichkeit, wieder ein paar Millimeter an Körperlänge hinzuzugewinnen. Ihren Fressfeinden sind sie in dieser Zeit schutzlos ausgeliefert. Und auch im Erwachsenenalter geht die anstrengende Prozedur weiter, denn die meisten Krebse wachsen bis an ihr Lebensende.

Trotzdem oder vielleicht auch deshalb sind die Gliederfüßer oder Arthropoden der erfolgreichste Tierstamm. Sie umfassen rund achtzig Prozent aller Tierarten – wie Insekten, Tausendfüßler, Krebse, Spinnen, Skorpione, Milben und die ausgestorbenen Trilobiten. Kaum einen Ort der Erde haben sie nicht erobert. Entstanden sind die Arthropoden vermutlich während der "Kambrischen Explosion" – einer Phase, in der sich die Tierwelt explosionsartig entwickelte. Die spektakulärste Fossillagerstätte aus dieser frühen Phase der Tierentwicklung ist der 530 Millionen Jahre alte Burgess Shale in Kanada, in dessen Schieferlagen neben unzähligen Hartschalen- auch ungewöhnlich viele Weichtiere die Jahrmillionen überdauert haben.

Besonders häufig findet sich auch ein ursprünglicher und heute ausgestorbener Vertreter der Arthropoden namens Marrella splendens in den kanadischen Schiefern. Die Weichteilanatomie der "spitzfüßigen Krabbe" mit ihren spindeldürren Beinen, den kammartigen Kiemen, geringelten Antennen und paarigen Dornen am Kopfende ist durch zahlreiche Funde sehr gut bekannt – obwohl Marrella splendens, die erstmals 1909 entdeckt wurde, mit ein bis zwei Zentimetern Körperlänge nicht viel größer als eine Biene ist. Ihr dreieckiger Körper besteht aus mehr als zwanzig Segmenten, jedes mit einem Paar spindeldürrer Laufbeinchen und einem Paar fedriger Kiemen.

Der eigentliche Verdienst des kambrischen Urgesteins ist jedoch ein anderer: Bislang konnten Wissenschaftler nur darüber spekulieren, ob sich auch die frühen Gliederfüßer schon gehäutet haben. Ein 505 Millionen Jahre alter Fossilfund bringt jetzt Gewissheit: Ein Exemplar von Marrella splendens versteinerte genau in dem Moment, als es gerade seine alten Hüllen fallen ließ – vom Herausquälen aus seinem alten Panzer waren die neuen Antennen noch ganz elastisch und zerknittert.

Wie kommt es, dass Marrella erst jetzt – nach fast einem Jahrhundert Forschungsarbeit an dem kleinen Urarthropoden – in flagranti erwischt wurde? Fossillagerstätten mit Weichteilerhaltung wie im Burgess-Schiefer sind sehr selten. Auch ist die in Stein überlieferte Momentaufnahme der sich häutenden spitzfüßigen Krabbe ein wahrer Glücksfall – allerdings nur für die Forscher. Die Krabbe dagegen dürfte nicht erfreut gewesen sein, als sie genau in den zehn bis zwanzig Minuten, in denen sie versuchte, sich aus ihrem Panzer zu zwängen, von einer Schlammlawine erfasst wurde.
07.05.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.05.2004

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