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Gender-Forschung: In Sachen Frau

Frauen sind schwer zu verstehen, behaupten manche - vielleicht fand Forschung in vielen Zweigen deshalb überwiegend an Männern statt. Doch: Die Zeiten ändern sich.
SchnüffeltestLaden...
Gender-Forschung ist sexy: Weg vom geschlechtslosen Einheitsbrei, entdecken nun auch Wissenschaftler zunehmend mehr Hinweise, dass Frauen und Männer einfach unterschiedlich sind. Was beim Hormonhaushalt nahe liegend ist, gilt auch für sonstiges Stoffwechselgeschehen von der Vitaminverwertung bis zur ganzheitlichen Gefühlswelt – wen wundert's. Kein Wunder daher, dass manche an Männern getestete Pillen Frauen nicht unbedingt helfen oder Krankheiten sich bei Weiblein und Männlein unterschiedlich äußern.

Ach was, Krankheiten. Selbst schon so grundlegende Reaktionen wie das Schmerzempfinden sollten geschlechtsspezifisch betrachtet werden, folgt aus den Ergebnissen von Ed Keogh. Der Psychologe von der Universität Bath und seine Kollegen widersprechen dem gängigen Bild vom wehleidigen Mann: Sie konnten in etlichen Studien zeigen, dass Frauen über mehr Schmerzepisoden im Laufe der Jahre berichten, und dass sie an mehr Körperstellen, häufiger und ausdauernder darunter leiden. Dahinter stecken nicht nur biologische Gründe, sondern auch psychologische und soziale Faktoren: Frauen gehen mit Schmerz offenbar ganz anders um als Männer – sie konzentrieren sich eher auf den emotionalen Aspekt, während sich Männer mehr an den sensorischen Eindrücken festhalten. Letzteres steigert beispielsweise die Unempfindlichkeit gegen Schmerzen – ein Effekt, der Frauen vorenthalten bleibt, im Gegenteil: Da bei ihnen immer wieder die negativen Gefühle zurückkehren, bleibt Schmerz eben schmerzhaft – und geht es auch nur darum, eine zuvor im warmen Wasser gewärmte Hand in einen Eiswassertrog zu stecken [1]. Und auch die Angst vor den schmerzlichen Erfahrungen lässt Frauen anders reagieren, wie eine Studie in einem Krankenhaus an Patienten offenbarte, die über Schmerzen in der Brust klagten [2].

Deshalb muss die Schmerztherapie geschlechtsspezifisch sein, mahnen die Forscher. So führte eine interdisziplinäre Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen zwar allseits zu einer Besserung – auch noch Monate später –, doch berichteten die Frauen bald wieder über ähnliche Schmerzen wie vor der Therapie. Im Gegensatz dazu fühlten sich die Männer auch wirklich besser [3]. Ist das schwache stärkere Geschlecht also eigentlich das stärkere schwache?

Doch zurück zu den Krankheiten. Hier gibt es inzwischen Ergebnisse aus den ersten Massenstudien, in denen nur Frauen untersucht wurden. Und im Rahmen der Women's Health Study, die immerhin knapp 40 000 Teilnehmerinnen hatte, kam nun heraus: Täglich eine kleine Dosis Aspirin oder Vitamin E schützt, entgegen landläufiger Meinung, nicht vor Krebs, und auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen lassen sich mit den Vitaminpillen nicht vermeiden [4,5]. Bei Männern hatte sich in anderen Studien ein Vorsorge-Effekt gezeigt.

Also auch hier ein Unterschied zwischen den Geschlechtern? Schon, aber anders: Nach Ansicht der Forscher könnte der Effekt daran gelegen haben, dass die Männer generell schlechter mit Vitaminen versorgt waren als ihre weiblichen Gegenparts. So gilt dementsprechend die Empfehlung der betreuenden Wissenschaftler für beide Parteien gleichermaßen: das Risiko für Herz-Kreislauf-Störungen einfach durch gesunde Ernährung, viel Bewegung und Abgewöhnen des Rauchens zu senken. Verständlich.

Und ein weiterer gründlicher Blick durch die Geschlechterbrille lohnte sich, nun eher die biochemischen Grundlagen der Gefühlswelt betreffend: Geschlechtshormone eignen sich nicht als Indikator, wenn Frauen über Lustmangel klagen. Lange Zeit waren Experten der Ansicht, dass ausgerechnet der Gehalt des männlichen Sexualhormons Testosteron im Blutserum als Diagnosemarker für die so genannte "Weibliche Androgen-Insuffizienz" eingesetzt werden könnte: zu wenig Hormone gleich mangelnde Libido, eine einfache Rechnung. Die eben nicht aufgeht, wie Susan Davis vom Alfred-Hospital im australischen Victoria und ihre Kollegen berichten [6]: Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen niedrigen Testosterongehalten und nach eigener Einschätzung verminderter Sexualfunktion. Immerhin hatten sie fast 1500 Frauen im Alter von 18 bis 75 Jahren untersucht und befragt. Jetzt müssen die Experten wohl umdenken.

Zum Abschluss noch ein Ergebnis aus der beliebten Schnüffeltest-Ecke, das modernen Softies einen bösen Schlag versetzt: Frauen lieben – zu fruchtbaren und fest liierten Zeiten – den Geruch dominanter Männer, berichten Jan Havlicek von der Karls-Universität in Prag und seine Kollegen. Die Methodik ist altbekannt: Die männlichen Teilnehmer beantworteten Fragen zu ihrem Verhalten gegenüber anderen und polsterten dann ihre Achselhöhlen für einen Tag mit Wattepads. Dann durften Frauen die schweißigen Duftpröbchen beschnuppern und bewerten [7].

Doch warum bevorzugt Frau beim potenziellen Samenspender für den Nachwuchs offenbar immer noch die Hau-drauf-Fraktion? War nicht das Modell Karrieretyp oder Alpha-Männchen, weil beziehungsunfähig, längst ausgemustert? Nun, Emanzipation und Co ist das eine, Mutter Natur das andere. Geht es um den Aspekt Nachwuchs, verheißen dominante Persönlichkeiten nun einmal gute Gene, weil sie sich durchsetzen, stark sind, und mehr ist aus reiner, verstandesmäßig nicht beeinflussbarer Fortpflanzungssicht an Zeugerqualitäten nicht gefragt. Daher die starke Reaktion in fruchtbaren Zeiten.

Der Trost für Frauenversteher kommt ebenfalls auf rein biologischer Basis gleich hinterher: In der unfruchtbaren Phase sind, so zeigen andere Studien, sie begehrt. Böse Zungen behaupten, das liege allein an der helfenden Hand bei Haushalt und Kinderaufzucht. Havlicek jedenfalls erklärt damit, warum sich der Dominanzeffekt nur bei Frauen zeigt, die schon einen Partner haben: Die Nicht-Singles seien erst einmal auf der Suche nach einem Mann, der Langfristiges verspricht. Erst wenn die Versorgung der Sprösslinge in spe gesichert scheint, gerät der potenzielle Vater mit seinen ganz anders gearteten Wunscheigenschaften in den Mittelpunkt des Interesses. Oder nehmen Single-Frauen einfach alles, was sich ihnen bietet?

Wie auch immer, gegen Mutter Naturs Anziehungskräfte sind Frauen also trotz allen aufklärerischen und fortschrittlichen Gedankenguts noch immer nicht immun. Aber es bewirkt wenigstens, dass heute zwischen Reiz und Erliegen meist ein himmelweiter Schritt liegt.
08.07.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.07.2005

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