Incels: Psychotherapeuten scheitern an Frauenhassern

Als »Incels«, von englisch »involuntary celibate«, bezeichnen sich Männer, die unfreiwillig enthaltsam leben. Für den ausbleibenden Sex machen sie meist ihr eigenes Aussehen und die vermeintliche Oberflächlichkeit von Frauen verantwortlich. Incels sind teils gewaltbereit, leiden oft unter psychischen Problemen, stehen therapeutischer Hilfe aber äußerst ablehnend gegenüber. Laut einer Studie, die im Fachblatt »Psychotherapy Research« erschienen ist, liegt das vor allem an negativen Therapieerfahrungen, ideologischen Überzeugungen und tiefem Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem.
Untersucht hat das ein internationales Team um den Sozialwissenschaftler Louis Bachaud von der Universität Lille. Die Forschenden analysierten 100 Diskussionsstränge zum Thema Psychotherapie aus dem Onlineforum incels.is, dem größten Treffpunkt der Community. Ergänzend werteten sie die Berichte von 89 Nutzern aus, die angaben, selbst bereits eine Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung durchlaufen zu haben.
Viele Incels nahmen Psychotherapie primär in Anspruch, um ihre Einsamkeit, Depressionen oder Suizidgedanken zu lindern – häufig jedoch unfreiwillig, etwa auf Druck von Angehörigen oder Behörden. Rund 71 Prozent der Befragten berichteten von negativen Therapieerfahrungen, nur knapp acht Prozent zeigten sich zufrieden. Besonders auffällig: Niemand aus der Gruppe, die zur Behandlung gedrängt worden war, hat nach eigenen Angaben davon profitiert.
Schädliche Schicksalsergebenheit
Das Team identifizierte mehrere zentrale Barrieren: Viele Incels vertreten eine fatalistische Weltsicht, wonach romantischer und sexueller Erfolg ausschließlich von unveränderlichen biologischen Faktoren abhängt. Psychotherapie erscheint ihnen deshalb für ihr Problem grundsätzlich wirkungslos. Hinzu kommen Verschwörungserzählungen, die Therapie als Manipulationsinstrument oder als feministisch und männerfeindlich deuten, sowie praktische Sorgen etwa vor hohen Kosten, mangelnder Vertraulichkeit oder Zwangseinweisungen.
Die Studie macht deutlich, dass klassische therapeutische Angebote diese hochbelastete Gruppe oft nicht erreichen. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, Behandlungen klar zu strukturieren, realistische Ziele zu formulieren und das spezifische Weltbild der Betroffenen zu berücksichtigen, ohne es zu bestätigen.
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